06.08.2026
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Unerwarteter Hoffnungsschimmer: Cholesterin-Behandlung könnte auch „Ewigkeitschemikalien” aus dem Blut filtern

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@2026 Benjamin Nolte

Cholesterin steht im Mittelpunkt einer überraschenden medizinischen Entdeckung, die weit über die Herzgesundheit hinausweist. Eine etablierte Behandlung gegen extrem hohe Cholesterinwerte zeigt offenbar einen Nebeneffekt, der Patienten und Umweltmediziner gleichermaßen aufhorchen lässt: Das Verfahren könnte auch giftige Industriechemikalien und möglicherweise Mikroplastik aus dem Blut entfernen.

Die Dresdner Studie und ihre Bedeutung

Forscher der Technischen Universität Dresden haben im Fachjournal „Brain Health” Ergebnisse veröffentlicht, die eine neue Perspektive auf die sogenannte LDL-Apherese eröffnen. Dieses Verfahren wird seit Jahrzehnten bei Menschen eingesetzt, deren Cholesterinwerte trotz maximaler medikamentöser Therapie gefährlich hoch bleiben – eine Situation, die vor allem bei Patienten mit familiärer Hypercholesterinämie auftritt.

Die Wissenschaftler untersuchten 34 Patienten unmittelbar vor und nach zwei Blutfilter-Behandlungen. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Neben den erwarteten sinkenden Cholesterinwerten gingen auch mehrere PFAS-Verbindungen (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) um bis zu 25 Prozent zurück. In einer kleineren Untergruppe von vier Patienten beobachteten die Forscher sogar Reduktionen bestimmter PFAS-Verbindungen von 50 bis 70 Prozent.

„Als wir uns fragten, was außer Cholesterin noch aus dem Blut entfernt wird, fanden zwei unabhängige Labore dieselben Stoffe in deutlich geringeren Mengen”, erklärte Studienautor Stefan R. Bornstein.

Was sind PFAS und warum sind sie problematisch?

PFAS – oft als „Ewigkeitschemikalien” bezeichnet – sind industrielle Verbindungen, die seit den 1950er-Jahren in unzähligen Produkten verwendet werden. Sie finden sich in Antihaftpfannen, wasserabweisenden Textilien, Löschschaum, Lebensmittelverpackungen und vielen weiteren Alltagsgegenständen.

Das Problem: Diese Chemikalien bauen sich in der Umwelt und im menschlichen Körper kaum ab. Sie reichern sich über Jahre im Gewebe an und wurden bereits im Blut der meisten Menschen weltweit nachgewiesen. Studien verbinden erhöhte PFAS-Werte mit verschiedenen Gesundheitsrisiken, darunter Schädigungen des Immunsystems, hormonelle Störungen, erhöhte Cholesterinwerte und ein gesteigertes Risiko für bestimmte Krebsarten.

Bisher gab es keine praktische Methode, diese Stoffe gezielt aus dem menschlichen Körper zu entfernen. Die Dresdner Beobachtung könnte hier einen ersten Ansatzpunkt bieten – auch wenn die Forscher ausdrücklich betonen, dass ihre Studie keine kontrollierte klinische Untersuchung ist und die bisherigen Ergebnisse dafür noch nicht ausreichen.

Der mysteriöse Mechanismus: Warum funktioniert das?

Die entscheidende Frage bleibt vorerst unbeantwortet: Warum entfernt die LDL-Apherese auch PFAS und möglicherweise Mikroplastik? Die Forscher haben eine plausible Arbeitshypothese entwickelt.

Demnach könnten PFAS und andere Schadstoffe im Blut nicht frei zirkulieren, sondern an Fettteilchen gebunden sein. Diese Lipoproteine – insbesondere LDL (Low-Density-Lipoprotein) und VLDL (Very-Low-Density-Lipoprotein) – sind genau die Partikel, die bei der Apherese herausgefiltert werden.

Biophysikalische Untersuchungen deuten darauf hin, dass PFAS an die Oberflächen von LDL- und VLDL-Partikeln binden. Noch komplexer wird es durch die Interaktion mit Mikroplastik: PFAS adsorbieren an Mikroplastik-Oberflächen bis zu 250-mal stärker, wenn das Plastik umweltbedingt gealtert ist. Die Forscher vermuten, dass beide Schadstoffklassen eine Hülle aus Plasma-Lipiden und Proteinen erwerben – eine sogenannte „Corona” –, die die entstehenden Partikel größer, stabiler und langlebiger im Kreislauf macht.

Da die LDL-Apherese genau diese Fettteilchen entfernt, würden die anhaftenden Schadstoffe quasi als „Gepäck” mitentsorgt. Bewiesen ist dieser Mechanismus jedoch noch nicht.

Erste Hinweise auf Mikroplastik-Entfernung

Noch spekulativer, aber equally faszinierend: Die Dresdner Forscher fanden auch erste Hinweise darauf, dass das Verfahren möglicherweise Mikroplastik aus dem Blut entfernen könnte. Bei vier analysierten Patienten zeigte sich bei Polyethylen-Partikeln in allen vier Fällen eine Reduktion, bei PVC-Partikeln in drei von vier Fällen.

Mikroplastik – winzige Kunststoffpartikel unter fünf Millimeter – ist in den letzten Jahren zu einem globalen Umwelt- und Gesundheitsproblem geworden. Die Partikel finden sich in Trinkwasser, Lebensmitteln, der Luft und mittlerweile auch im menschlichen Blut, in der Lunge und sogar in der Plazenta. Welche langfristigen Gesundheitsfolgen diese Belastung hat, ist noch weitgehend unerforscht.

Die Autoren betonen ausdrücklich, dass für die Mikroplastik-Beobachtung bislang kein eindeutiger Nachweis vorliegt und weitere Studien notwendig sind.

Was bedeutet das für Patienten mit hohem Cholesterin?

Für Menschen mit extrem hohen Cholesterinwerten – insbesondere jenen mit genetisch bedingter familiärer Hypercholesterinämie – ist die LDL-Apherese bereits jetzt eine lebenswichtige Behandlung. Bei diesen Patienten bleibt das Cholesterin trotz maximaler medikamentöser Therapie gefährlich hoch, was das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle massiv erhöht.

Die LDL-Apherese funktioniert wie eine Dialyse: Blut wird aus dem Körper entnommen, das Blutplasma durch spezielle Filter geleitet, die LDL-Cholesterin und andere atherogene Lipoproteine entfernen, und anschließend wird das gereinigte Plasma zusammen mit den Blutzellen zurückgeführt. Das Verfahren senkt das LDL-Cholesterin typischerweise um 50 bis 70 Prozent pro Sitzung.

Wichtig ist jedoch ein realistischer Blick: Die aktuellen Beobachtungen zu PFAS und Mikroplastik stellen keine neue Indikation für die Apherese dar. Das Verfahren ist aufwendig, kostspielig und mit gewissen Risiken verbunden. Es bleibt eine Behandlung für spezifische Hochrisikopatienten, nicht eine allgemeine „Entgiftungstherapie” für die Bevölkerung.

Non-HDL-Cholesterin: Der oft übersehene Wert

In der Cholesterin-Diagnostik rückt zunehmend der Non-HDL-Cholesterin-Wert in den Fokus. Dieser Wert umfasst alle cholesterinhaltigen Partikel außer dem „guten” HDL-Cholesterin – also LDL, VLDL und andere atherogene Lipoproteine. Viele Experten betrachten Non-HDL-Cholesterin als aussagekräftigeren Risikomarker als das LDL-Cholesterin allein, insbesondere bei Patienten mit Stoffwechselstörungen oder Diabetes.

Die LDL-Apherese senkt nachweislich nicht nur LDL, sondern auch das Non-HDL-Cholesterin sowie Lipoprotein(a) – ein weiteres unabhängiges Risikomolekül für kardiovaskuläre Erkrankungen. Genau diese breite Wirksamkeit könnte auch erklären, warum begleitend andere an Lipide gebundene Substanzen reduziert werden.

Ernährung und Cholesterin: Was Patienten wissen sollten

Für die meisten Menschen bleibt die Ernährung der erste Hebel, um Cholesterinwerte positiv zu beeinflussen. Eine durchdachte Ernährungsumstellung kann das LDL-Cholesterin um 10 bis 15 Prozent senken – bei manchen Patienten sogar mehr.

Verbotene Lebensmittel bei hohem Cholesterin (bzw. stark zu reduzierende):

  • Transfette (in vielen Fertigprodukten, Backwaren, Frittiertem)
  • Gesättigte Fette aus fettem Fleisch, Wurst, Butter, Sahne
  • Innereien und Eier (in großen Mengen)
  • Hochverarbeitete Lebensmittel mit Palmöl oder Kokosfett

Empfohlene Lebensmittel (cholesterinsenkend):

  • Haferflocken und Vollkornprodukte (enthalten Beta-Glucan)
  • Nüsse, insbesondere Walnüsse und Mandeln
  • Fetter Fisch (Omega-3-Fettsäuren)
  • Hülsenfrüchte
  • Obst und Gemüse (insbesondere Äpfel, Beeren, Avocado)
  • Pflanzenöle wie Olivenöl und Rapsöl

Eine detaillierte „Cholesterin was darf ich essen Tabelle” finden Patienten bei ihrer Hausarztpraxis, bei Ernährungsberatern oder auf den Seiten der Deutschen Herzstiftung.

Zukunftsperspektiven und offene Fragen

Die Dresdner Forscher planen nun weitere Studien, um zu untersuchen, ob das Verfahren tatsächlich Mikro- und Nanoplastik aus dem Blut filtern kann. Gleichzeitig betonen sie, dass die wichtigste Maßnahme weiterhin darin besteht, die Aufnahme solcher Schadstoffe möglichst zu vermeiden. Eine nachträgliche Entfernung sei deutlich aufwendiger und kostspieliger als die Prävention.

Aus umweltpolitischer Sicht unterstreicht die Entdeckung einmal mehr die Dringlichkeit, PFAS-Emissionen zu reduzieren. Die Europäische Union arbeitet bereits an weitreichenden Beschränkungen für diese Chemikalien. Für die medizinische Forschung eröffnen sich neue Fragen: Könnten modifizierte Apherese-Filter entwickelt werden, die gezielt PFAS und Mikroplastik entfernen – auch bei Patienten ohne extreme Cholesterinprobleme?

Fazit: Ein überraschender Nebeneffekt mit Potenzial

Die Beobachtung aus Dresden ist wissenschaftlich faszinierend und medizinisch relevant – aber sie ist kein Durchbruch, der sofort die Behandlungspraxis verändert. Vielmehr zeigt sie, wie vernetzt menschliche Physiologie und Umweltbelastungen sind. Cholesterin, PFAS und Mikroplastik scheinen im Blut enger verbunden zu sein, als bisher angenommen.

Für Patienten mit schwerer Hypercholesterinämie bleibt die LDL-Apherese eine bewährte, lebensrettende Therapie. Die neu entdeckten Nebeneffekte könnten langfristig zusätzliche Vorteile bieten – und sie motivieren die Forschung, die Mechanismen der Schadstoffbindung im Blut besser zu verstehen.

Bis dahin gilt: Cholesterinwerte regelmäßig kontrollieren lassen, auf eine ausgewogene Ernährung achten, Bewegung in den Alltag integrieren und – wo möglich – die Exposition gegenüber Umweltgiften wie PFAS reduzieren. Die beste „Blutwäsche” ist und bleibt ein gesunder Lebensstil.

Quellen

Cholesterin-Behandlung entfernt offenbar auch giftige Chemikalien aus dem Blut
Wissenschaftler sind verblüfft, dass die Senkung des Cholesterinspiegels im Blut auch „ewige Chemikalien“ aus dem Körper entfernt


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