Asiatische Hornisse breitet sich in Niedersachsen immer weiter aus. Was vor wenigen Jahren noch als seltene Beobachtung einzelner Tiere galt, ist inzwischen in 34 Landkreisen und kreisfreien Städten angekommen. Die Entwicklung betrifft nicht nur Imker: Sie berührt den Obstbau, den Umgang mit invasiven Arten und die Frage, wie Behörden mit einer dauerhaft wachsenden Population umgehen sollen.
Von der Ausnahme zur etablierten Art
Die Geschwindigkeit der Ausbreitung ist der entscheidende Punkt. Vor drei Jahren wurden in Niedersachsen nur vereinzelte Nachweise bekannt. Mittlerweile gibt es Funde in großen Teilen des Bundeslandes – von ländlichen Regionen bis in Städte. Nach den bisherigen Erhebungen wurden einzelne Tiere und Nester in zahlreichen niedersächsischen Regionen festgestellt.
Bei der eingeschleppten Art handelt es sich um Vespa velutina, die ursprünglich aus Südostasien stammt. Nach Europa gelangte sie vermutlich über den internationalen Warenverkehr. Von Frankreich aus verbreitete sie sich in weitere Länder und erreichte schließlich auch Deutschland. Ihre Ausbreitung wird durch den Warenverkehr, milde Winter und ihre hohe Anpassungsfähigkeit begünstigt.
Das bedeutet nicht, dass nun überall große Nester entstehen oder jeder Garten unmittelbar gefährdet ist. Es zeigt aber, dass einzelne Funde nicht mehr als isolierte Ereignisse betrachtet werden können. Die Asiatische Hornisse hat in Niedersachsen Regionen erreicht, in denen sie geeignete Bedingungen für die weitere Vermehrung findet.
Das Problem beginnt nicht mit einem Stich
Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich häufig auf die Frage, ob die Asiatische Hornisse für Menschen gefährlich ist. Grundsätzlich ist sie nicht automatisch aggressiver als andere staatenbildende Wespenarten, solange man Abstand zu ihrem Nest hält. Kritisch wird es vor allem dann, wenn Menschen ein Nest stören oder ihm zu nahe kommen. In dieser Situation verteidigen die Tiere ihr Volk und können mehrfach zustechen.
Die größere ökologische und wirtschaftliche Bedeutung liegt jedoch an anderer Stelle: Die Asiatische Hornisse jagt zahlreiche Insekten, wobei Honigbienen einen besonders wichtigen Teil ihrer Beute ausmachen können.
Für ein Bienenvolk ist nicht nur die Zahl der getöteten Arbeiterinnen entscheidend. Noch problematischer kann der dauerhafte Druck vor dem Flugloch sein. Wenn Honigbienen ihre Rückkehr mit jagenden Hornissen verbinden, reduzieren sie ihre Sammelflüge oder stellen sie zeitweise fast vollständig ein. Dadurch gelangen weniger Nektar, Pollen und Wasser in den Stock. Die Folge kann eine geschwächte Volksentwicklung sein.
Besonders sensibel ist der Zeitraum im Spätsommer. Dann werden die langlebigen Winterbienen aufgezogen, die das Volk durch die kalte Jahreszeit bringen sollen. Wird die Sammelleistung in dieser Phase stark eingeschränkt, kann das die Überwinterung eines Bienenvolks erschweren.
Nicht jedes Bienenvolk wird durch den direkten Angriff zerstört. Der größere Schaden kann sich schleichend entwickeln: weniger Flüge, weniger Nahrung, mehr Stress und eine geschwächte Widerstandskraft gegen Krankheiten. Genau diese indirekten Folgen machen die Asiatische Hornisse für Imker so schwer kalkulierbar.
Ein Nest ist nicht gleich eine Katastrophe
Die Zahl von bis zu 2.000 Tieren pro Nest klingt alarmierend – und sie verdeutlicht das enorme Vermehrungspotenzial. Trotzdem sollte zwischen einem einzelnen Nest und einer hohen Nestdichte in einer Region unterschieden werden.
Ein einzelnes Nest in größerer Entfernung zu Bienenständen muss nicht automatisch schwere Schäden verursachen. Steigt jedoch die Zahl der Nester, wächst auch der Jagddruck auf die umliegenden Bienenvölker. In besonders betroffenen Gebieten können mehrere Nester gleichzeitig denselben Landschaftsraum nutzen. Dann verändert sich die Situation für Imker deutlich.
Auch die heimische Europäische Hornisse darf nicht mit der Asiatischen Hornisse gleichgesetzt werden. Unsere heimische Art steht unter Naturschutz und ernährt sich überwiegend von verschiedenen Fliegen, Mücken und anderen Insekten. Sie fängt zwar ebenfalls gelegentlich Honigbienen, ist aber nicht in gleicher Weise auf Bienenstände spezialisiert.
Die Asiatische Hornisse kann dagegen gezielt vor Bienenstöcken jagen und dort über längere Zeit präsent bleiben. Sie nutzt dabei häufig strukturreiche Landschaften mit Gewässern, Gärten, Obstbeständen und menschlichen Siedlungen.
Gleichzeitig wäre es fachlich falsch, jede Abnahme von Insektenbeständen allein dieser invasiven Art zuzuschreiben. Lebensraumverlust, Pestizide, Krankheiten, intensive Landwirtschaft und der Klimawandel wirken ebenfalls auf Bestäuber. Die Asiatische Hornisse ist deshalb nicht der alleinige Grund für die Probleme der Imkerei – sie kann den bestehenden Druck aber verstärken.
Warum Obstbauern ebenfalls betroffen sein können
Die Auswirkungen reichen über Bienenstöcke hinaus. In Regionen mit vielen Hornissennestern können reife Früchte für die Tiere attraktiv werden. Beschädigte Äpfel, Birnen, Pflaumen oder Trauben bieten Zucker und Flüssigkeit. Besonders im Obst- und Weinbau kann das zu zusätzlichen Schäden führen, wenn Früchte durch die Tiere verletzt werden oder Krankheitserreger leichter eindringen.
Bienen und andere Bestäuber sind außerdem für viele Kulturpflanzen unverzichtbar. Eine starke Belastung der Bestäuberpopulation kann langfristig die Erträge beeinflussen. Dieser Zusammenhang ist nicht überall gleich stark und hängt von der jeweiligen Kultur, der Nestdichte und dem vorhandenen Nahrungsangebot ab. Dennoch zeigt er, warum die Ausbreitung nicht nur ein Naturschutzthema ist.
Hinzu kommt eine ökologische Kettenwirkung. Wenn in einem Gebiet weniger bestäubende Insekten unterwegs sind, können sich Pflanzen schlechter vermehren. Davon wären wiederum andere Tiere betroffen, die auf diese Pflanzen oder auf Insekten als Nahrung angewiesen sind.
Die tatsächlichen Auswirkungen hängen stark von den örtlichen Bedingungen ab. Ein Gebiet mit vielen Bienenvölkern kann anders betroffen sein als eine Region mit geringer Imkerdichte. Auch das vorhandene Nahrungsangebot und die Zahl der Nester spielen eine entscheidende Rolle.
Behörden setzen auf gezielte Bekämpfung
Niedersachsen verfolgt inzwischen einen anderen rechtlichen Ansatz als in der ersten Phase der Ausbreitung. Seit März 2025 wird die Asiatische Hornisse auf europäischer Ebene nicht mehr ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der vollständigen Beseitigung behandelt, sondern der Kategorie „Management“ zugeordnet.
Der Wechsel bedeutet nicht, dass die Behörden die Bekämpfung einstellen. Vielmehr sollen Maßnahmen dort konzentriert werden, wo sie besonders wirksam sind. Dazu gehört die Entfernung von Primärnestern im Frühjahr sowie die gezielte Beseitigung größerer Sekundärnester im weiteren Jahresverlauf.
Der Zeitpunkt ist entscheidend. Ein frühes Primärnest ist meist kleiner und leichter zu finden. Wird es rechtzeitig entdeckt, kann verhindert werden, dass sich daraus ein großes Sekundärnest entwickelt. Später hängen die Nester häufig hoch in Bäumen, an Gebäuden oder an schwer zugänglichen Stellen. Ihre Entfernung wird dann aufwendiger, teurer und riskanter.
Die gezielte Bekämpfung soll vor allem sensible Bereiche schützen. Dazu gehören Regionen mit vielen Imkereien, Obstbaugebiete und Orte, an denen sich die Tiere besonders stark vermehren. Eine flächendeckende Entfernung jedes einzelnen Tieres wäre dagegen kaum realistisch.
Was Bürger jetzt tun sollten
Wer eine verdächtige Hornisse oder ein Nest entdeckt, sollte nicht selbst handeln. Sprays, Stangen, Feuer oder andere Eigenversuche können die Tiere aufscheuchen und Menschen in Gefahr bringen. Ein ausreichender Abstand ist besonders in der Nähe eines Nestes wichtig.
Sinnvoll sind stattdessen:
- ein Foto aus sicherer Entfernung;
- der genaue Standort;
- das Datum und möglichst die Zahl der beobachteten Tiere;
- eine Meldung über das zuständige Meldeportal oder die örtliche Naturschutzbehörde;
- bei unmittelbarer Gefahr zusätzlich die Information an die zuständigen Einsatzstellen.
Eine einzelne Beobachtung ist noch kein sicherer Nachweis. Die Asiatische Hornisse wird häufig mit der heimischen Hornisse, Wespen oder großen Bienen verwechselt. Typische Merkmale sind der überwiegend dunkle Körper, ein breites orangefarbenes Band am Hinterleib und gelbliche Beine. Für eine sichere Bestimmung sollte dennoch die Einschätzung von Fachleuten abgewartet werden.
Die eigentliche Herausforderung kommt erst noch
Die Ausbreitung in 34 niedersächsische Regionen zeigt, dass sich das Problem nicht mehr mit gelegentlichen Einzelaktionen lösen lässt. In Zukunft wird es stärker darauf ankommen, Meldesysteme, Imker, Kommunen, Schädlingsbekämpfer und Naturschutzbehörden miteinander zu vernetzen. Nur wenn Nester früh gefunden werden, können begrenzte Mittel möglichst wirksam eingesetzt werden.
Für Imker bedeutet die Entwicklung, dass sie ihre Völker im Spätsommer besonders aufmerksam beobachten müssen. Eine ungewöhnlich starke Aktivität jagender Hornissen vor dem Flugloch, eine deutlich geringere Flugbewegung oder ein plötzlich schwächer wirkendes Volk sollten Anlass sein, fachlichen Rat einzuholen. Dabei geht es nicht um Panik, sondern um eine möglichst frühe Reaktion.
Die Asiatische Hornisse wird Niedersachsen voraussichtlich noch lange beschäftigen. Entscheidend ist, ob es gelingt, die Nestdichte in besonders sensiblen Gebieten zu begrenzen und Schäden für die Imkerei zu reduzieren.
Eine vollständige Rückkehr zum Zustand vor der Einschleppung erscheint angesichts der bisherigen Entwicklung kaum realistisch. Umso wichtiger sind sachliche Aufklärung, verlässliche Meldungen und ein Management, das Risiken ernst nimmt, ohne jedes einzelne Tier zum unmittelbaren Notfall zu erklären.
Quellen
Bis zu 2000 Tiere pro Nest: Asiatische Hornisse breitet sich rasant in Niedersachsen aus
Asiatische Hornisse in Bayern






