27.08.2026
5 Minuten Lesezeit

Werner Graf: Der ausgleichende Moderator für eine funktionierende Berlin-Koalition

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© 2026  imago images/S.Zeitz Photography

Werner Graf steht im Zentrum der Berliner Wahl 2026 als grüner Spitzenkandidat, der bewusst auf Konfrontation verzichtet und stattdessen als vermittelnder Moderator eine stabile Koalition anstrebt. In einer Zeit, in der das Berliner Parteienspektrum fragmentiert ist und Umfragen zwischen Linker, CDU, AfD und Grünen schwanken, könnte genau dieser Ansatz den Unterschied machen – nicht nur für die Grünen, sondern für die gesamte Hauptstadtregierung.

Warum Werner Graf anders tickt als seine Vorgänger

Werner Graf ist kein Unbekannter in der Berliner Landespolitik, auch wenn ihn laut Umfragen noch 64 Prozent der Berlinerinnen und Berliner nicht kennen. Seit 2016 bewegt er sich in führenden Positionen bei Bündnis 90/Die Grünen in Berlin: Von 2016 bis 2021 als Co-Landesvorsitzender, seit 2021 als Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus und seit 2022 als Fraktionsvorsitzender. Der 45- oder 46-Jährige, geboren im bayerischen Neumarkt in der Oberpfalz, gilt als Kandidat des linken Parteiflügels und ist im einflussreichen Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg verortet.

Doch was Graf im Wahlkampf 2026 von früheren grünen Spitzenkandidaten unterscheidet, ist seine bewusste Abkehr von zugespitzten Forderungen und öffentlichem Streit. Noch im Wahlkampf 2023 sorgte er mit radikalen Vorschlägen wie der Abschaffung jedes zweiten Parkplatzes in Berlin für Schlagzeilen. Heute betont er, solche Konfrontationen vermeiden zu wollen – eine klare Lernkurve aus der umstrittenen Friedrichstraßen-Debatte vor drei Jahren, als die damalige grüne Verkehrssenatorin Bettina Jarasch und die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) medial über die Umgestaltung der Straße stritten.

„Wir haben aus der Friedrichstraße schon gelernt”, sagt Graf selbst im Wahlkampf. Der öffentliche Streit sei ein Fehler gewesen, man hätte das „ein bisschen relaxter” angehen sollen. Diese Haltung spiegelt nicht nur einen persönlichen Wandel wider, sondern auch einen strategischen Shift der Berliner Grünen: weg vom erhobenen Zeigefinger, hin zu pragmatischeren Lösungen, die gemeinsam mit Anwohnern und lokalen Initiativen entwickelt werden.

Die persönliche Seite: Werner Graf verheiratet und politisch verwurzelt

Über das Privatleben von Werner Graf ist öffentlich weniger bekannt, was teilweise zu seiner geringen Bekanntheit beiträgt. Er ist verheiratet – sein Partner oder seine Partnerin wird in den meisten Berichten nicht namentlich genannt, was in der politischen Berichterstattung über queere Politiker zwar üblich, aber für die persönliche Wahrnehmung hinderlich sein kann. Graf selbst lebt offen schwul und hat sich in der Vergangenheit für queere Rechte in Berlin eingesetzt, etwa nach dem Anschlag auf den CSD.

Beruflich bringt Graf eine interessante Mischung mit: Bevor er in die Vollzeitpolitik ging, arbeitete er als journalistischer Herausgeber – unter anderem als Chefredakteur des „Hanf Journals” zwischen 2001 und 2005 – und als politischer Referent, etwa für die damalige Grünen-Vorsitzende Claudia Roth. Diese Erfahrung im Journalismus und in der politischen Kommunikation könnte ihm dabei helfen, komplexe Themen verständlich zu vermitteln, ohne in populistische Vereinfachungen zu verfallen.

Graf studierte Politikmanagement in Bremen und zog über Claudia Roth in die Bundesgeschäftsstelle der Grünen nach Berlin. Seine politische Heimat fand er schließlich in Friedrichshain-Kreuzberg, einem der mächtigsten grünen Kreisverbände Berlins, der traditionell den linken Flügel der Partei repräsentiert. Diese Verortung ist wichtig, weil sie zeigt: Graf ist kein moderater Zentrist, sondern ein linker Grüner, der bewusst auf Konfrontation verzichtet – nicht aus Schwäche, sondern aus strategischer Überlegung.

Koalitionsarithmetik: Welche Bündnisse sind in Berlin 2026 möglich?

Die Berliner Wahl am 20. September 2026 wird voraussichtlich kein klares Ergebnis produzieren. Nach den jüngsten Umfragen (Stand Ende August 2026) liegt die Linke mit rund 22 Prozent vorn, gefolgt von CDU und AfD mit jeweils 18 Prozent, den Grünen mit 16 Prozent und der SPD mit nur 12 Prozent. Diese Fragmentierung bedeutet: Keine Partei wird allein regieren können, und selbst Zweier-Koalitionen sind mathematisch unwahrscheinlich.

Werner Graf hat seine Koalitionspräferenz klar benannt: Er favorisiert ein Bündnis aus SPD, Linken und Grünen – eine rot-rot-grüne Koalition. Gleichzeitig schließt er eine Zusammenarbeit mit der CDU nicht kategorisch aus, betont aber, dass er die CDU lieber in die Opposition schicken würde. Eine Koalition mit der AfD kommt für ihn nicht infrage.

Rein rechnerisch wären nach aktuellen Umfragen mehrere Dreier-Koalitionen möglich, darunter auch Bündnisse mit CDU-Beteiligung. Das kleinste Bündnis ohne AfD würde aus Linke, CDU und Grünen bestehen und hätte 104 von 159 Sitzen im Abgeordnetenhaus. Ob Graf bereit wäre, in einer solchen Konstellation als Regierender Bürgermeister zu fungieren, bleibt offen – seine bisherigen Aussagen deuten eher auf eine Präferenz für linke Bündnisse hin.

Was bedeutet Graf für Berlins Zukunft?

Werner Grafs Ansatz hat weitreichende Implikationen für Berlin, falls die Grünen in die nächste Landesregierung einziehen. Seine Betonung von Pragmatismus statt Konfrontation könnte dazu führen, dass umstrittene Projekte wie die Friedrichstraße künftig weniger polarisierend angegangen werden. Stattdessen will Graf Maßnahmen verstärkt mit Anwohnern vor Ort entwickeln, insbesondere in den Kiezen, in denen sich zivilgesellschaftliche Initiativen gegründet haben.

In der Verkehrspolitik wollen die Grünen unter Graf weniger mit dem erhobenen Zeigefinger auftreten. Konkret verspricht Graf etwa den zügigen Ausbau des Radschnellwegs in Spandau, falls die Grünen in die Regierung kommen. Gleichzeitig betont er, nicht mehr „mit dem Kopf durch die Wand” gehen zu wollen – ein deutlicher Kontrast zu früheren grünen Positionen.

Darüber hinaus setzt sich Graf für mehr Gemeinschaftsschulen in Berlin ein und verweist dabei auf eigene Erfahrungen: Er musste als Schüler vom Gymnasium runter, weil Latein nicht seine Stärke war. Diese persönliche Note macht ihn menschlicher – ein Faktor, der in einer Wahl, in der er der unbekannteste Spitzenkandidat ist, durchaus entscheidend sein könnte.

Die Herausforderung: Bekanntheit aufbauen bis zum 20. September

Die größte Hürde für Werner Graf ist seine geringe Bekanntheit. Laut dem Berlin-Trend von rbb24 Abendschau und rbb 88.8 kennen 64 Prozent der Befragten ihn nicht – er ist damit der am wenigsten bekannte Spitzenkandidat im Berliner Wahlkampf. Diese Unbekanntheit ist teilweise hausgemacht: Graf wurde erst im Juli 2025 überraschend als Spitzenkandidat präsentiert, was in der Partei zunächst zu Unruhe führte.

Doch Graf nimmt die Situation gelassen. Als ein Passant am Wahlkampfstand in Neukölln ihm sagt: „Ich kenne viele von den Grünen, aber Sie kenne ich praktisch überhaupt nicht”, antwortet Graf: „Nö nö nö, alles gut. Wir strengen uns jetzt an, dass er bis zum 20. September bekannt wird.” Diese Selbstironie und Gelassenheit könnten ihm sympathiepunkte einbringen – vorausgesetzt, seine Botschaften kommen überhaupt durch.

Mit ausgewogenen Botschaften und einem Wahlkampf ohne markige Forderungen versucht Graf, die Berlinerinnen und Berliner zu überzeugen. Ob dieser Ansatz reicht, um die Grünen ins Rote Rathaus zu bringen und Graf zum Regierenden Bürgermeister zu machen, wird sich am 20. September zeigen. Ausgeschlossen ist es nicht – die Umfragen sehen die Grünen stabil zwischen 16 und 17 Prozent, was in einer fragmentierten Landschaft durchaus regierungsfähig sein könnte.

Fazit: Werner Graf als Testfall für eine neue Art der Grünen-Politik

Werner Graf steht für einen Typus von Politiker, der in einer zunehmend polarisierten politischen Landschaft selten geworden ist: jemand, der vermittelt statt konfrontiert, der zuhört statt zu dozieren, und der pragmatische Lösungen sucht statt ideologischer Reinheit. Ob dieser Ansatz in Berlin funktioniert, wird die Wahl am 20. September 2026 zeigen.

Für die Berliner Grünen ist Graf mehr als nur ein Kandidat – er ist ein Testfall dafür, ob die Partei nach Jahren der Konfrontation und des öffentlichen Streits wieder als verlässlicher Regierungspartner wahrgenommen werden kann. Für Berlin insgesamt könnte eine Regierung unter Graf bedeuten: weniger Drama, mehr Dialog, und vielleicht endlich eine Koalition, die funktioniert – statt nur zu existieren.

Quellen

Ausgleichender Moderator sucht funktionierende Koalition
Werner Graf nennt Wunschkoalition – und erteilt CDU eine Absage

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