Es gibt Bücher, die bleiben. Nicht nur, weil sie Bestsellerwerden oder verfilmt werden, sondern weil sie eine Geschichte erzählen, die im Kern etwas über uns alle sagt. „Dschungelkind“ von Sabine Kuegler ist so ein Buch – und doch ist es nur die Hälfteder Wahrheit. Die andere Hälfte hat ihre Mutter geschrieben: Doris Kügler mit „Dschungeljahre: Mein Leben bei den Ureinwohnern West-Papuas“. Wer nur die Tochter liest, verpasst die erwachsene Perspektive: die bewusste Entscheidung, die Zweifel, die Verantwortung und die stille Kraft einer Frau, die 35 Jahre lang zwischen zwei Welten lebte.
Wer ist Doris Kügler?
Doris Kügler, geboren 1941, ist keine Abenteurerin im romantischen Sinn. Sie ist Krankenschwester von Ausbildung, hat eine Bibelschule besucht und entschied sich gemeinsammit ihrem Mann Klaus-Peter Kuegler für ein Leben im Dienst anderer. Zuerst ging die Familie nach Nepal, wo sie als Sprachforscher und Missionare in einem kleinen Bergdorf lebten. Dort wurden zwei weitere Kinder geboren – Sabine und Christian. 1978 folgte der nächste, weit radikalere Schritt: die Auswanderung nach West-Papua, in das Gebiet des neu entdeckten Stammes der Fayu.
Die Fayu galten als einer der letzten Stämme, die unter steinzeitlichen Bedingungen lebten. Gewalt, Racheakte und sogar Kannibalismus prägten ihr Zusammenleben. Genau dort wollten die Kueglers leben: nicht als Touristen, nicht als Beobachter, sondern als Teil der Gemeinschaft. Ihre Aufgabe: die Sprache erforschen, medizinische Hilfe leisten und den christlichen Glauben vermitteln.
Warum „Dschungeljahre“ mehr ist als eine Fortsetzung
Als Sabine Kuegler 2005 ihr Buch „Dschungelkind“ veröffentlichte, traf es den Nerv einer ganzen Generation. Die Geschichte eines Mädchens, das im Dschungel aufwächst, zwischen Freiheit und Gefahr, zwischen Natur und Kultur. Doch Leser fragten schnell: Wie war das für die Mutter? Wie fühlt es sich an, drei kleine Kinder in eine Umgebung zu bringen, die von außen betrachtet lebensfeindlich wirkt?
Doris Kügler zögerte lange. Ein ganzes Buch schreiben? Das erschien ihr zunächst zu viel. Doch die Fragen der Leser ließen sie nicht los. 2011 erschien schließlich „Dschungeljahre“ – kein Konkurrenzwerk, sondern eine Ergänzung. Während Sabine aus der Perspektive des Kindes schreibt, das die Welt als normal annimmt, erzählt Doris als erwachsene Frau, die jede Entscheidung bewusst trifft. Sabine verbrachte 12 Jahre bei den Fayu, ihre Mutter 35.
Das Leben einer Mutter im Dschungel
Wer „Dschungeljahre“ liest, versteht plötzlich, was hinter der Fassade des Abenteuers steckt. Doris Kügler beschreibt nicht nur den Alltag im Dschungel – das Kochen über offenem Feuer, das Leben ohne Strom, die ständige Präsenz von Gefahr –, sondern vor allem die innere Welt einer Mutter. Die Angst, wenn die Kinder im Fluss baden, in dem Krokodile lauern. Die Sorge, wenn Fieber ausbricht und die nächste Klinik Tage entfernt ist. Die Frage, ob man seinen Kindern das zumuten darf.
Und doch: Es ist keine Geschichte des Bedauerns. Doris Kügler schreibt von Momenten tiefer Freude, von der Schönheit der Natur, von der Herzlichkeit der Fayu, von der Transformation, die sie im Laufe der Jahrzehnte durchmachten. Sie schildert, wie aus kriegerischen Männern friedliche Väter wurden, wie Begriffe wie Vergebung und Gnade langsam in der Gemeinschaft Wurzeln schlugen.
Der Glaube als roter Faden
Ein zentraler Unterschied zwischen „Dschungelkind“ und „Dschungeljahre“ liegt in der Rolle des Glaubens. Während der Film und weite Teile des Buches der Tochter den Konflikt durch das persönliche Eingreifen des Vaters lösen lassen, zeigt Doris Kügler einen anderen Weg: Der Friede bei den Fayu entstand nicht durch eine einzelne Heldentat, sondern durch eine langsame, generationenübergreifende Veränderung. Immer mehr Stammesmitglieder wandten sich dem christlichen Glauben zu – und damit auch neuen Werten.
Für Doris Kügler war das nie ein Nebenprodukt, sondern Kern ihrer Mission. Sie wollte den Fayu nicht nur medizinisch helfen oder ihre Sprache dokumentieren. Sie wollte ihnen eine Botschaft bringen, die sie selbst tief bewegte. Diese Überzeugung trägt das gesamte Buch – ohne belehrend zu wirken, sondern als authentischer Bericht eines Lebens, das bewusst für etwas Größeres eingesetzt wurde.
Zwischen zwei Kulturen: Die Herausforderung der Rückkehr
2003 kehrte die Familie nach Deutschland zurück, 2006 ließ sich Doris Kügler endgültig hier nieder. Doch die Rückkehr war kein einfaches „Zuhausekommen“. Nach 35 Jahren im Dschungel ist Deutschland fremd – laut, schnell, überladen. Doris Kügler schreibt offen über diese kulturelle Kluft, über das Gefühl, weder ganz hier noch ganz dort zu gehören.
Und doch: Sie hat sich arrangiert. Sie lebt in Deutschland, schreibt Bücher, gibt Interviews und teilt ihre Geschichte mit Menschen, die nach Sinn, nach Authentizität, nach etwas Echtem suchen. Ihre Botschaft ist nicht nostalgisch. Sie ist eine Einladung, das eigene Leben zu reflektieren: Was ist mir wichtig? Wofür bin ich bereit, Komfort aufzugeben? Was bedeutet es, wirklich zu leben?
Warum diese Geschichte heute noch zählt
In einer Zeit, in der alles schnell, oberflächlich und optimiert sein muss, wirkt die Geschichte von Doris Kügler wie ein Gegenentwurf. Sie zeigt, dass ein Leben außerhalb der Norm möglich ist – nicht als Flucht, sondern als bewusste Wahl. Sie zeigt, dass Veränderung langsam kommt, aber nachhaltig sein kann. Und sie zeigt, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst ist, sondern die Entscheidung, trotz Angst weiterzugehen.
Für Leser heute ist „Dschungeljahre“ mehr als eine Biografie. Es ist ein Spiegel. Es fragt uns: Was würden wir tun, wenn wir wirklich frei wären? Was würden wir wagen, wenn wir wüssten, dass es zählt?
Doris Kügler heute: Pläne und Perspektiven
Doris Kügler ist heute über 80 Jahre alt. Sie lebt zurückgezogen in Deutschland, bleibt aber geistig wach und engagiert. Ihre Bücher werden weiterhin gelesen, ihre Geschichte inspiriert neue Generationen. In Interviews spricht sie offen über die Bedeutung von Glaube, Familie und Gemeinschaft – Werte, die in ihrer Zeit bei den Fayu noch stärker gelebt wurden als in der modernen Welt.
Zukunftspläne im klassischen Sinn hat sie keine. Doch ihre Arbeit ist nicht abgeschlossen. Jedes Interview, jedes Gespräch, jedes gelesene Buch ist ein weiterer Schritt, ihre Botschaft zu verbreiten: Dass ein Leben im Dienst anderer Sinn stiftet. Dass Friede möglich ist, selbst dort, wo Gewalt herrschte. Dass Liebe stärker ist als Angst.
Fazit: Eine Geschichte, die bleibt
„Dschungeljahre: Mein Leben bei den Ureinwohnern West-Papuas“ ist kein Buch für Eilige. Es ist ein Buch für Menschen, die verstehen wollen, was es bedeutet, ein Leben lang für etwas zu brennen. Doris Kügler ist keine Heldin im dramatischen Sinn. Sie ist eine Frau, die getan hat, was sie für richtig hielt – konsequent, geduldig, mit tiefem Glauben und noch tieferer Liebe.
Wer Sabine Kueglers „Dschungelkind“ gelesen hat, sollte unbedingt auch die Mutter lesen. Denn erst zusammen ergeben sie das ganze Bild: das Kind, das den Dschungel als Heimat kennt, und die Frau, die ihn zur Heimat machte.
Quellen
Der Vater des Dschungelkindes und sein bewegtes Leben
Zwölf Minuten, ein Scheinwerfer: Wie eine Bielefelderin Menschen auf die Bühne bringt






