Die Kosten für die medizinische Versorgung in Deutschland steigen seit Jahren stark an. Laut jüngsten Angaben des Bundesgesundheitsministeriums beliefen sich die Gesundheitsausgaben 2024 auf rund 520 Milliarden Euro – ein Plus von über 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Haupttreiber sind demnach steigende Personalkosten, teure Arzneimittel sowie umfangreiche Digitalisierungsprojekte in Kliniken und Praxen.
Vor diesem Hintergrund fordern mehrere Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigungen, darunter Dr. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), eine Rückkehr zu einer moderaten Praxisgebühr pro Arztbesuch. Ziel sei es, die Zahl der „unnötigen“ Arzttermine zu verringern und das System finanziell zu entlasten.
Gassen: „Jeder Arztbesuch kostet das System Geld“
In Interviews mit verschiedenen Medien warnte Gassen davor, dass die beitragsfinanzierte gesetzliche Krankenversicherung „an ihre Grenzen stößt“. Jeder Arztbesuch löse Kosten aus – unabhängig davon, ob eine aufwändige Behandlung erfolgt oder nur eine Beratung. Durch eine symbolische Eigenbeteiligung, etwa fünf bis zehn Euro pro Besuch, solle das Bewusstsein für den Ressourcenverbrauch geschärft werden.
Kritiker verweisen jedoch auf das Scheitern der früheren Praxisgebühr, die von 2004 bis 2012 galt. Damals mussten Kassenpatienten zehn Euro pro Quartal zahlen, bevor sie ärztliche Leistungen in Anspruch nehmen konnten. Studien zeigten, dass diese Gebühr vor allem sozial Schwächere belastete, ohne das Gesundheitssystem nachhaltig zu entlasten.
Kritik von Politik und Sozialverbänden
Scharfe Kritik kommt von Patientenschützern, Gewerkschaften und Teilen der Bundespolitik. Die SPD und die Grünen lehnen eine neue Gebühr entschieden ab. Die Regelung würde, so die Befürchtung, vor allem Menschen mit geringen Einkommen davon abhalten, rechtzeitig ärztliche Hilfe zu suchen.
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnt vor „sozialer Schieflage“: Gesundheit müsse solidarisch finanziert bleiben. Vertreter der Union hingegen zeigen Sympathie für eine „gezielte Diskussion über Effizienz und Eigenverantwortung“.
Reformdruck im Gesundheitssystem bleibt hoch
Der Streit um mögliche Eigenbeteiligungen zeigt, wie groß der finanzielle Druck auf das deutsche Gesundheitssystem ist. Trotz Steuerzuschüssen und steigender Krankenkassenbeiträge wächst die Finanzierungslücke stetig. Unabhängige Experten erwarten, dass die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung 2026 weiter steigen könnten – sofern keine strukturellen Reformen greifen.
Langfristig wird entscheidend sein, wie Politik, Kassen und Ärzte die Balance zwischen finanzieller Stabilität und gerechter Patientenbeteiligung finden.
Quellen
Kassenärzte-Chef Gassen fordert Gebühr bei jedem Arztbesuch
Gassen will “Kontaktgebühr” bei jedem Arztbesuch






