Migration war für die italienischen Familienin Lawrence im US-Bundesstaat Massachusetts nicht nur der Wechsel von einem Land in ein anderes. Sie bedeutete den Verlust vertrauter Lebenswelten, die Suche nach Arbeit und Sicherheit sowie den mühsamen Aufbau einer neuen Gemeinschaft. Die Geschichte von Pater MarianoMilanese zeigt, welche Bedeutung religiöse Einrichtungen für Einwanderer vor mehr als hundert Jahren hatten – und warum diese Erfahrungen auch die heutige Debatte über Integration und Flüchtlingspolitik bereichernkönnen.
Am 27. September 2026 begeht die katholische Kirche den Welttag der Migranten und Flüchtlinge. Im Mittelpunkt stehen dabei besonders Minderjährige, die auf der Flucht oder als Migranten Gewalt, Ausbeutung und traumatischen Erlebnissen ausgesetzt sind. Die Erinnerung an historische Migrationsgeschichten schafft eine Verbindung zwischen vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen. Sie macht sichtbar, dass viele Gemeinden durch Menschen entstanden sind, die Grenzen überschritten und in einer neuen Umgebung ein Zuhause gesucht haben.
In diesem Zusammenhang erinnert das Erzbistum Boston an eine historische Persönlichkeit, die das Leben italienischer Migranten in Lawrence entscheidend prägte: Pater Mariano Milanese, OSA. Zwischen 1904 und 1935 war er der erste Pfarrer der Holy Rosary Parish. Sein Wirken zeigt, dass erfolgreiche Integration häufig dort beginnt, wo Menschen nicht nur versorgt, sondern auch verstanden, sprachlich erreicht und sozial eingebunden werden.
Italienische Migration in einer Zeit des Umbruchs
Als Mariano Milanese 1880 in der Region Avellino geboren wurde, war Italien noch ein junger Nationalstaat. Die politische Einigung des Landes hatte zwar neue staatliche Strukturen geschaffen, doch die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede zwischen den Regionen blieben enorm. Besonders im Süden litten viele Familien unter Armut, fehlenden Arbeitsplätzen und unsicheren Lebensbedingungen.
Für Landarbeiter und einfache Handwerker wurde die Auswanderung deshalb zu einer realistischen Perspektive. Die Vereinigten Staaten versprachen Arbeit in Fabriken, Eisenbahnen und wachsenden Industriestädten. Die Entscheidung zur Ausreise war jedoch selten ein einfacher Schritt in ein besseres Leben. Sie bedeutete häufig die Trennung von Familien, eine unsichere Reise und den Neubeginn in einem Land, dessen Sprache und gesellschaftliche Regeln unbekannt waren.
Was bedeutet Immigration in einem solchen historischen Zusammenhang? Sie ist mehr als eine statistische Bewegung von Menschen über Grenzen. Immigration verändert Nachbarschaften, Arbeitsmärkte, Schulen, Kirchen und politische Strukturen. Sie bringt neue Fähigkeiten und kulturelle Impulse, erzeugt aber zunächst auch Spannungen, weil etablierte Gruppen und Neuankömmlinge ihre Rollen neu ordnen müssen.
Lawrence war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Industriestadt, in der Textilfabriken und Eisenbahnunternehmen zahlreiche Arbeitskräfte benötigten. Die ersten Italiener kamen nach den historischen Angaben bereits 1891 in die Stadt. Bis zum Ende des Jahrzehnts hatte sich der Bereich an der unteren Common Street deutlich verändert. Aus einem überwiegend irisch geprägten Viertel wurde ein Zentrum der italienischen Bevölkerung.
Eine Gemeinde braucht mehr als Arbeit
Die italienischen Einwanderer fanden in Lawrence Beschäftigung, doch ein Arbeitsplatz allein schuf noch keine Heimat. Viele Familien lebten unter schwierigen Bedingungen. Sie mussten sich in einem fremden Umfeld zurechtfinden, ihre Kinder versorgen und gleichzeitig ihre religiösen Traditionen bewahren.
Bereits 1898 richtete Pater James T. O’Reilly, OSA, eine Mission für die italienische Gemeinschaft ein. Die Gottesdienste boten den Gläubigen einen vertrauten Rahmen, doch bald wurde deutlich, dass die Gemeinde einen eigenen Priester benötigte, der ihre Sprache und Herkunft verstand.
Diese Aufgabe übernahm Mariano Milanese. Er war erst wenige Monate zuvor, am 15. August 1902, zum Priester geweiht worden, als er am 2. Dezember desselben Jahres nach Lawrence kam. Seine Herkunft aus Avellino war für die italienischen Einwanderer von großer Bedeutung. Er konnte nicht nur auf Italienisch predigen, sondern kannte auch die kulturellen Erwartungen, familiären Bindungen und religiösen Gewohnheiten vieler Gemeindemitglieder.
Zunächst feierte Milanese italienische Gottesdienste im unteren Bereich der Kirche St. Lawrence O’Toole. Der entscheidende Schritt folgte 1904, als die Gemeinde in ein neues Gebäude umzog. Milanese konnte das bisherige Kirchengebäude anmieten. Mit der Zustimmung des Augustinerordens entstand dort die Holy Rosary Parish.
Die Gründung dieser Pfarrei war ein Wendepunkt. Sie schuf einen festen Ort für Gottesdienste, Taufen, Hochzeiten und soziale Kontakte. Gleichzeitig gab sie den Einwanderern ein Zeichen: Ihre Sprache, ihre Familien und ihre Geschichte waren nicht bloß vorübergehende Erscheinungen, sondern ein anerkannter Teil der Stadt.
Holy Rosary als soziales Zentrum
Wie stark die Gemeinde wuchs, zeigen die Zahlen aus den ersten Jahren. Bereits 1910 verzeichnete Holy Rosary 568 Taufen und 140 Eheschließungen. Hinter jeder Zahl standen Familiengeschichten, Hoffnungen und Entscheidungen. Die Kirche war nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch eine Institution, die den Übergang zwischen alter und neuer Heimat begleitete.
Ein frühes Beispiel ist die erste Hochzeit der Gemeinde. Am 3. Juli 1904 heirateten Domenico Schiavone und Vincenza Grieco in Holy Rosary. Beide waren 1901 in die Vereinigten Staaten eingewandert und lebten später in der Nähe der Kirche. Ihre fünf Kinder wurden in derselben Pfarrei getauft.
Solche Ereignisse machten die Kirche zu einem Gedächtnisort der Gemeinschaft. Namen wurden in Kirchenbüchern festgehalten, Kinder erhielten ihre ersten religiösen Erfahrungen, und Familien fanden bei wichtigen Lebensereignissen Unterstützung. Für Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten, konnten solche Rituale Stabilität schaffen.
Besonders wichtig war auch die Ankunft der Venerini-Schwestern im Jahr 1909. Milanese holte fünf Ordensfrauen nach Lawrence: Augusta Setaccioli, Debora Bolli, Rosa Vagni, Maria Fondi und Teresa Mongini. Die Bevölkerung begrüßte sie mit Bannern, Musik und Ansprachen.
Die Schwestern übernahmen Aufgaben, die weit über die religiöse Bildung hinausgingen. Sie eröffneten eine Tagesbetreuung für Kinder und boten abends Italienischunterricht für Erwachsene an. Außerdem gründeten sie einen Kinderchor, eine Mariengemeinschaft für Mädchen und eine Gruppe von Ministranten.
Damit reagierte Holy Rosary auf mehrere Herausforderungen gleichzeitig. Eltern konnten arbeiten, während ihre Kinder betreut wurden. Erwachsene erhielten die Möglichkeit, ihre Sprache und kulturelle Identität weiterzugeben. Kinder fanden Zugang zu Gemeinschaft, Bildung und religiösen Aktivitäten.
Integration durch Anerkennung
Die Geschichte von Pater Milanese enthält eine wichtige Einsicht für heutige Integrationsdebatten: Menschen integrieren sich nicht automatisch dadurch, dass sie ihre Herkunft aufgeben. Häufig gelingt der gesellschaftliche Anschluss besser, wenn ihre Identität zunächst anerkannt wird.
Die italienische Pfarrei war kein abgeschotteter Raum ohne Verbindung zur amerikanischen Gesellschaft. Sie war vielmehr eine Brücke. Über Gottesdienste, Schulen, Kinderbetreuung und soziale Kontakte konnten Familien schrittweise in das Leben von Lawrence hineinwachsen.
Diese Entwicklung lässt sich nicht direkt auf jede heutige Migrationssituation übertragen. Dennoch bietet sie einen nützlichen Vergleich. Wer fragt, ob Migration den deutschen Sozialstaat entlastet, sollte nicht nur auf kurzfristige Kosten oder staatliche Leistungen schauen. Entscheidend sind auch Bildung, berufliche Integration, Familiengründung, gesellschaftliche Teilhabe und die Frage, ob Menschen Zugang zu stabilen Institutionen erhalten.
Eine religiöse Gemeinde konnte damals Aufgaben übernehmen, die heute oft von Kommunen, Schulen, Wohlfahrtsverbänden und Vereinen getragen werden. Sie half bei der Orientierung, vermittelte Sprache und schuf Vertrauen. Moderne Integrationspolitik muss diese Funktionen nicht religiös organisieren, sollte ihre Bedeutung aber ernst nehmen.
Zwischen historischer Migration und heutiger Flüchtlingspolitik
Die italienischen Einwanderer in Lawrence kamen überwiegend auf der Suche nach Arbeit und wirtschaftlicher Sicherheit. Flüchtlinge von heute verlassen ihre Heimat dagegen häufig wegen Krieg, Verfolgung oder akuter Gewalt. Migration und Flucht sind deshalb nicht dasselbe.
Trotzdem gibt es gemeinsame Erfahrungen: die Unsicherheit nach der Ankunft, die Abhängigkeit von Behörden, die Sorge um Kinder und die Suche nach einem sozialen Umfeld. Gerade Minderjährige benötigen Schutz, Bildung und verlässliche Bezugspersonen. Die heutige Flüchtlingspolitik steht deshalb vor der Aufgabe, rechtliche Kontrolle mit Menschlichkeit und langfristiger Verantwortung zu verbinden.
Eine humane Flüchtlingspolitik muss mehrere Ziele miteinander verbinden. Sie muss Grenzen und Verfahren rechtlich ordnen, darf Menschen aber nicht auf Aktenzeichen reduzieren. Sie sollte Schutzbedürftige identifizieren, Familien nicht unnötig auseinanderreißen und Kindern möglichst schnell Zugang zu Schule und Betreuung ermöglichen.
Die Geschichte von Holy Rosary legt außerdem nahe, dass Integration nicht erst nach Jahren beginnen darf. Sie beginnt am ersten Tag – mit Sprache, Begegnung, Orientierung und dem Gefühl, nicht vollständig allein zu sein.
Was bleibt von Mariano Milanese?
Pater Mariano Milanese blieb mehr als drei Jahrzehnte in Lawrence. Seine Nachfolge übernahm 1935 Pater Lorenzo Andolfi, der ebenfalls aus Italien stammte und später eine Mission für die italienische Bevölkerung im benachbarten Methuen aufbaute. Daraus entstand 1958 die St. Lucy Parish.
Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Migration dauerhaft Spuren hinterlässt. Einwanderer bleiben nicht nur Empfänger von Hilfe. Sie gründen Familien, bauen Institutionen auf, prägen Stadtviertel und schaffen neue Formen gemeinschaftlichen Lebens.
Die Geschichte von Milanese ist deshalb keine nostalgische Episode aus der Vergangenheit. Sie wirft eine aktuelle Frage auf: Welche Strukturen brauchen Menschen, damit aus einem vorübergehenden Aufenthalt eine echte Zugehörigkeit entstehen kann?
Arbeitsplätze sind wichtig, aber sie reichen nicht aus. Ebenso notwendig sind Schulen, Sprachkurse, soziale Treffpunkte, religiöse oder weltanschauliche Gemeinden und engagierte Personen, die Verantwortung übernehmen. Wo solche Strukturen fehlen, bleibt Migration für viele Menschen ein Zustand permanenter Unsicherheit. Wo sie vorhanden sind, können Familien Wurzeln schlagen und zugleich neue Impulse in die Gesellschaft einbringen.
Zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge erinnert die Geschichte von Holy Rosary daran, dass jede Migration aus individuellen Lebenswegen besteht. Hinter Begriffen wie Immigration, Flucht und Integration stehen Menschen mit Namen, Familien und Zukunftsplänen.
Das Beispiel von Pater Mariano Milanese zeigt, wie viel sich verändern kann, wenn eine Gemeinschaft nicht nur über Migranten spricht, sondern ihnen einen tatsächlichen Platz im gemeinsamen Leben eröffnet. Die italienische Gemeinde von Lawrence wurde nicht dadurch stark, dass sie ihre Herkunft verdrängte. Sie wurde stark, weil sie Tradition, Bildung, soziale Verantwortung und neue Chancen miteinander verband.
Quellen
Geschichten über Migration: Pater Mariano Milanese, OSA
BOTSCHAFT SEINER HEILIGKEIT PAPST LEO XIV.






