Für viele Kurden weltweit steht Rojava, die selbstverwaltete Region im Nordosten Syriens, seit Jahren für den Traum von Freiheit, Gleichberechtigung und Basisdemokratie. Nach dem Zusammenbruch der syrischen Zentralmacht während des Bürgerkriegs entstand dort ein politisches Modell, das auf sozialer Gerechtigkeit, säkularer Verwaltung und der Gleichstellung der Geschlechter gründete.
Besonders die Frauenbewegung in Rojava wurde international bewundert: In Militär und Politik übernehmen Frauen Führungsrollen – ein Novum in der sonst patriarchalisch geprägten Region des Nahen Ostens.
Drohender Verlust der Autonomie
Doch nun scheint diese Vision zu bröckeln. Quellen aus der Region berichten, dass die Autonome Administration Nord- und Ostsyrien (AANES) zunehmend unter Druck steht – sowohl militärisch als auch politisch.
Die Türkei hat ihre militärische Präsenz entlang der Grenze ausgebaut und fordert weiterhin ein Ende der kurdisch geführten Selbstverwaltung. Gleichzeitig signalisiert die syrische Regierung in Damaskus wenig Bereitschaft, Rojava langfristig politische Eigenständigkeit zuzugestehen.
Nach Angaben von Beobachtern könnte die kurdische Autonomie in Syrien mit einem möglichen neuen Sicherheitsabkommen zwischen Ankara, Damaskus und Moskau geopfert werden – um eine Annäherung der Regionalmächte zu erleichtern.
Internationale Isolation und politische Unsicherheit
Ein weiteres Problem ist die schwindende internationale Unterstützung. Die USA, lange Schutzmacht der von Kurdinnen und Kurden geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), haben ihre militärische Präsenz bereits reduziert. Die verbleibenden Truppen konzentrieren sich zunehmend auf den Kampf gegen die Reste des sogenannten „Islamischen Staates“, nicht aber auf die Stabilisierung der kurdischen Selbstverwaltung.
Gleichzeitig hat die EU bislang keine klare politische Linie zu Rojava formuliert – und überlässt den Machtausgleich in Syrien weitgehend anderen Akteuren.
Was bleibt vom kurdischen Traum?
Nach mehr als einem Jahrzehnt des politischen Experiments steht Rojava damit an einem Wendepunkt. Für viele Kurden war die Region ein Symbol der Hoffnung im Chaos des syrischen Kriegs, ein Modell für Gleichberechtigung, lokale Demokratie und kulturelle Vielfalt.
Wenn Rojava seine Autonomie verliert, droht auch der kurdische Traum von Selbstbestimmung erneut zu zerbrechen – ein Rückschlag, der weit über Syriens Grenzen hinaus wirkt.
Quellen
Das Ende des “kurdischen Traums” in Syrien?
Waffenstillstand in Syrien: USA und Frankreich vermitteln Integration der Kurden