Carlo Masala warnt vor einer schrittweisenVerschärfung der Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Westen. Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers findet dieser Konflikt längst nicht mehr nur auf dem Schlachtfeldin der Ukraine statt. Spionage, Desinformation, Sabotage und digitale Angriffe bilden demnach eine Grauzone, in der Staaten gegeneinander vorgehen, ohne offiziell einen offenen Krieg zu beginnen.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, ob Russland einen NATO-Staat militärisch angreifen könnte. Entscheidend ist vielmehr, wie lange westliche Regierungen Aktionen unterhalb der Schwelle eines klassischen Krieges hinnehmen wollen – und ob sie bereit sind, darauf mit eigenen verdeckten oder digitalen Mitteln zu reagieren.
Ein Krieg ohne Kriegserklärung
Prof. Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, spricht im Zusammenhang mit den russischen Aktivitäten lieber von einem „Schattenkrieg“. Der Begriff macht deutlich, dass es nicht um eine einzelneAttacke geht, sondern um eine Vielzahl von Maßnahmen, die zusammen politischen und gesellschaftlichen Druck erzeugen sollen.
Dazu gehören nach der Analyse von Carlo Masala unter anderem Spionage, Einflussoperationen, Desinformation und Sabotageversuche. Solche Aktionen können Infrastruktur beschädigen, Behörden belasten, Unternehmen verunsichern oder die öffentliche Meinung beeinflussen. Ihr gemeinsames Merkmal: Die Urheberschaft lässt sich häufig nur schwer zweifelsfrei nachweisen.
Genau diese Unsicherheit ist ein strategischer Vorteil. Bei einem offenen Raketenangriff wäre die Reaktion eindeutig. Bei einem Cyberangriff, einer beschädigten Unterseekabelverbindung oder einer koordinierten Desinformationskampagne bleiben dagegen zunächst viele Fragen offen. War es ein staatlicher Auftrag? Eine kriminelle Gruppe? Ein politischer Aktivist? Oder eine Operation, die bewusst so gestaltet wurde, dass sie plausibel abgestritten werden kann?
Für den betroffenen Staat entsteht dennoch ein reales Problem. Er muss reagieren, obwohl die Beweislage möglicherweise nicht den Standards eines Gerichtsverfahrens entspricht. Jede Antwort kann wiederum als Überreaktion dargestellt werden. Diese Mischung aus Schaden, Unsicherheit und politischem Risiko macht hybride Angriffe besonders wirkungsvoll.
Moskau testet die Belastbarkeit des Westens
Die Einschätzung von Carlo Masala zielt vor allem auf die politische Wirkung solcher Operationen. Russland müsse aus westlicher Sicht nicht sofort einen großen militärischen Angriff starten, um die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. Es könnte ausreichen, die europäischen Gesellschaften dauerhaft zu verunsichern und den Eindruck zu erzeugen, dass weitere Hilfe einen immer höheren Preis hat.
Eine solche Strategie kann auf mehreren Ebenen wirken:
- Bürgerinnen und Bürger verlieren Vertrauen in staatliche Schutzmechanismen.
- Unternehmen fürchten Produktionsausfälle, Datenverluste oder Lieferprobleme.
- Parteien nutzen Sicherheitsvorfälle für innenpolitische Auseinandersetzungen.
- Verbündete beginnen, an der Entschlossenheit ihrer Partner zu zweifeln.
- Die Diskussion über die Ukraine wird von Solidarität auf Kosten und Risiken verlagert.
Der entscheidende Punkt ist dabei die Summe kleinerer Vorfälle. Ein einzelner Ausfall eines digitalen Dienstes verändert noch keine politische Grundhaltung. Wiederholen sich jedoch Störungen, Drohungen, Leaks und Einflusskampagnen über Monate, entsteht ein Gefühl permanenter Instabilität.
Das kann für einen Angreifer strategisch wertvoller sein als ein spektakulärer Einzelangriff. Ziel ist nicht unbedingt die sofortige Zerstörung eines Landes. Ziel kann auch sein, Entscheidungsprozesse zu verlangsamen, gesellschaftliche Konflikte zu vertiefen und die Bereitschaft zu gemeinsamen Maßnahmen zu reduzieren.
Warum Masala eine Gegenreaktion fordert
Nach Ansicht von Carlo Masala muss Russland erkennen, dass Angriffe auf westliche Staaten Konsequenzen haben. Gemeint sind damit nicht ausschließlich neue Sanktionen. Der Politikwissenschaftler brachte auch eine engere Zusammenarbeit westlicher Nachrichtendienste und offensive Maßnahmen im Cyberraum ins Gespräch.
Seine zugespitzte Aussage, der Westen könne Moskau zeigen, dass auch er einen hybriden Krieg führen könne, zielt vor allem auf Abschreckung. Die Botschaft wäre: Wer dauerhaft unterhalb der Kriegsschwelle angreift, kann nicht davon ausgehen, dass seine Gegner untätig bleiben.
Dabei geht es nicht zwangsläufig um Angriffe auf zivile Einrichtungen oder eine wahllose Eskalation. Eine wirksame Antwort könnte nach dieser Logik auch darin bestehen, gegnerische Netzwerke aufzudecken, finanzielle Strukturen zu stören, Verantwortliche öffentlich zu identifizieren oder verdeckte Operationen gezielt zu verhindern.
Allerdings liegt genau hier die politische und rechtliche Schwierigkeit. Der Einsatz offensiver Mittel kann zwar kurzfristig Entschlossenheit demonstrieren, zugleich aber eine Reaktionsspirale auslösen. Wenn beide Seiten immer neue Grenzen austesten, wächst das Risiko, dass eine zunächst begrenzte Operation außer Kontrolle gerät.
Das Beispiel Estland
Als gedanklichen Bezugspunkt nennt Carlo Masala die Cyberangriffe auf Estland im Jahr 2007. Damals wurden unter anderem staatliche Stellen, Medien, Unternehmen und Banken durch groß angelegte digitale Attacken beeinträchtigt. Die Angriffe legten zeitweise Online-Dienste lahm und machten sichtbar, wie abhängig moderne Staaten von funktionierenden Netzwerken sind.
Besonders bemerkenswert war, dass nicht nur Regierungsseiten betroffen waren. Auch Banken und andere zentrale Dienstleistungen gerieten unter Druck. Damit wurde der digitale Raum zu einem Instrument, das unmittelbar den Alltag der Bevölkerung und das Vertrauen in die staatliche Ordnung berühren konnte.
Wenn Carlo Masala auf ein Szenario verweist, bei dem in Moskau oder St. Petersburg plötzlich kein Bargeld mehr abgehoben werden könnte, beschreibt er keine gewöhnliche militärische Operation. Gemeint ist eine Aktion, die das Funktionieren eines Systems empfindlich stört, ohne sofort Menschenleben durch Bombenangriffe zu gefährden.
Trotzdem wäre ein solcher Schritt hochriskant. Finanzsysteme gehören zu den sensibelsten Bereichen staatlicher Infrastruktur. Eine Störung könnte nicht nur Behörden oder politische Entscheidungsträger treffen, sondern auch Millionen unbeteiligter Menschen. Deshalb wäre zwischen militärischer Abschreckung und unverantwortlicher Schädigung klar zu unterscheiden.
Das estnische Beispiel zeigt außerdem, dass digitale Angriffe nicht harmlos sind, nur weil keine Panzergrenze überschritten wird. Wenn Bürger keinen Zugang zu Geld, Informationen oder Behörden haben, wird digitale Verwundbarkeit zu einer gesellschaftlichen und politischen Krise.
Die Grenzen offensiver Cybermaßnahmen
Die Forderung nach einer härteren Antwort klingt zunächst nachvollziehbar. Wer angegriffen wird, möchte Handlungsfähigkeit zeigen. Doch offensive Cyberoperationen sind kein präzises Werkzeug, das sich immer vollständig kontrollieren lässt.
Ein Angriff kann sich auf Systeme ausweiten, die ursprünglich nicht als Ziel vorgesehen waren. Schadsoftware kann weitergegeben werden, Sicherheitslücken können später von anderen Akteuren ausgenutzt werden, und die politische Zuordnung bleibt oft umstritten. Außerdem lässt sich kaum garantieren, dass die Gegenseite nicht gegen kritische Infrastruktur zurückschlägt.
Für westliche Staaten kommt ein weiterer Faktor hinzu: Sie sind wirtschaftlich und digital eng miteinander verbunden. Eine Attacke auf russische Finanz- oder Kommunikationssysteme könnte indirekte Folgen für internationale Banken, Lieferketten und Unternehmen haben. Deshalb müssten mögliche Reaktionen nach klaren politischen, rechtlichen und technischen Kriterien geplant werden.
Die Antwort auf hybride Angriffe sollte daher aus mehreren Ebenen bestehen:
- bessere Abwehr kritischer Infrastruktur;
- schnellere gemeinsame Ermittlungen und Attribution;
- Schutz von Wahlen und öffentlicher Kommunikation;
- abgestimmte Sanktionen gegen verantwortliche Netzwerke;
- engere Kooperation zwischen Nachrichtendiensten;
- klare Kommunikationslinien für den Krisenfall.
Offensive Fähigkeiten können dabei eine Rolle spielen. Sie sollten jedoch nicht an die Stelle von Resilienz, Diplomatie und transparenter politischer Führung treten.
Was die Debatte für Deutschland bedeutet
Für Deutschland ist die Warnung von Carlo Masala besonders relevant, weil die Bundesrepublik stark von digital vernetzten Infrastrukturen abhängt. Energieversorgung, Logistik, Banken, Telekommunikation, Gesundheitswesen und Verwaltung funktionieren nur, wenn technische Systeme zuverlässig arbeiten.
Gleichzeitig ist die deutsche Gesellschaft besonders anfällig für Informationskampagnen, die bestehende Konflikte verschärfen. Themen wie Energiepreise, Migration, Ukraine-Hilfe und wirtschaftliche Unsicherheit können gezielt miteinander verbunden werden. Nicht jede kontroverse Meinung ist deshalb eine ausländische Einflussoperation. Doch die Möglichkeit koordinierter Manipulation darf auch nicht unterschätzt werden.
Die wichtigste Konsequenz wäre eine realistische Sicherheitskultur. Behörden und Unternehmen müssen davon ausgehen, dass digitale Angriffe nicht nur theoretische Szenarien sind. Bürgerinnen und Bürger sollten wissen, wie sie Falschinformationen erkennen und welche offiziellen Kanäle im Krisenfall verlässlich sind.
Auch die politische Kommunikation muss sich verändern. Wenn Regierungen Vorfälle zu lange verschweigen, entstehen Spekulationen. Wenn sie dagegen jeden Zwischenfall vorschnell einem ausländischen Staat zuschreiben, verlieren sie Glaubwürdigkeit. Notwendig sind nachvollziehbare Beweise, abgestimmte Aussagen und eine klare Trennung zwischen gesicherten Erkenntnissen und politischen Bewertungen.
Die nächsten Jahre könnten entscheidend werden
Die Debatte, die Carlo Masala angestoßen hat, dürfte den Westen noch lange beschäftigen. Russland und andere Staaten beobachten genau, wie Europa auf Zwischenfälle reagiert. Bleiben Konsequenzen aus, kann dies als Einladung zu weiteren Tests verstanden werden. Fällt die Antwort dagegen unverhältnismäßig aus, besteht die Gefahr einer gefährlichen Eskalation.
Die Herausforderung besteht darin, beides gleichzeitig zu vermeiden: Passivität und Überreaktion. Abschreckung funktioniert nur, wenn sie glaubwürdig, verhältnismäßig und politisch abgestimmt ist. Dafür braucht der Westen nicht unbedingt eine Strategie, die jeden Angriff mit einem gleichartigen Gegenschlag beantwortet. Er benötigt vor allem die Fähigkeit, schnell, geschlossen und nachvollziehbar zu handeln.
Carlo Masala lenkt den Blick damit auf eine neue Form der Machtpolitik. Die entscheidenden Konflikte der Zukunft werden nicht ausschließlich an Grenzen entschieden. Sie können in Rechenzentren, Nachrichtennetzen, Banken, Medienplattformen und Lieferketten beginnen. Wer diese Entwicklung ignoriert, riskiert, dass ein scheinbar kleiner Vorfall irgendwann eine größere politische Krise auslöst.
Die zentrale Botschaft lautet deshalb: Hybride Kriegsführung darf weder verharmlost noch leichtfertig beantwortet werden. Der Westen muss seine Verwundbarkeit reduzieren, seine Gegner besser abschrecken und zugleich verhindern, dass verdeckte Operationen eine unkontrollierbare Konfrontation auslösen.
Quellen
„Man könnte das Signal an Moskau senden: Auch wir können einen hybriden Krieg führen“
»Auch wir können einen hybriden Krieg führen«






