13.10.2026
4 Minuten Lesezeit

Zwei Cheftrainer gegen den FC Bayern: Warum Viking Stavanger in der Champions League ein Sonderfall ist

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Champions kommen selten mit einemso ungewöhnlichen Führungsmodell an die Seitenlinie wie Viking Stavanger. Wenn der FC Bayern am Dienstagabend in der Champions League in Stavangerantritt, trifft er nicht nur auf den norwegischen Meister, sondern auf ein Duo, das seit 2021 die Verantwortung vollständig teilt: Bjarte Lunde Aarsheim und Morten Jensen sind gleichberechtigte Cheftrainer – und haben damit bewiesen, dass Fußball nicht zwingendeinen einzelnen starken Mann an der Spitze braucht.

Für Bayern ist die Partie mehr als eine Pflichtaufgabe im zweiten Ligaphasen-Spiel. Nach dem 5:0 zum Auftakt gegen Bodø/Glimt will Vincent Kompanys Team den ersten Auswärtssieg dieser Champions-Saison einfahren. Doch Viking bringt eine eigene Geschichte mit: Nach dem ersten Meistertitel seit 1991 ist der Klub zurück auf der großen europäischen Bühne – und stellt mit zwei Trainern ein Modell vor, das im Spitzenfußball praktisch nicht existiert.

Ein Modell, das im Profifußball selten überlebt

Aarsheim und Jensen waren zuvor Assistenten von Bjarne Berntsen. Als dieser ging, überzeugten sie die Vereinsverantwortlichen davon, nicht einen von ihnen zu befördern, sondern beide gemeinsam. Seit Januar 2021 leiten sie Viking gleichberechtigt: Taktik, Training, Spielbetrieb, Presseauftritte und Entscheidungen an der Seitenlinie werden bewusst aufgeteilt.

Das klingt nach einem Rezept für Konflikte. In der Praxis funktioniert es offenbar, weil beide aus dem Umfeld des Vereins kommen, eine gemeinsame Fußballidee teilen und ihre Rollen nicht als Rangfrage verstehen. Viking holte unter diesem Duo die erste Meisterschaft seit 34 Jahren und kehrte nach mehr als drei Jahrzehnten in die Champions League zurück.

Gerade das macht die Konstellation interessant. In vielen Klubs gilt der Cheftrainer als alleiniger Entscheider, als Symbolfigur und als personifizierte Verantwortung. Viking beweist, dass Führung auch kollektiv funktionieren kann, wenn Vertrauen, klare Zuständigkeiten und eine gemeinsame Sprache vorhanden sind. Die beiden Trainer arbeiten bereits seit Jahren täglich in dieser Struktur – und berichten von Diskussionen, aber nicht von Machtkämpfen.

Kompany kennt die Doppelrolle

Vincent Kompany begegnet dem Thema nicht mit Distanz. In Anderlecht erlebte er selbst eine Phase, in der er als Spielertrainer und später als Trainer eng mit seinem Stab zusammenarbeitete. Er erinnerte sich an ein geteiltes Büro, gemeinsame Videoanalysen und den ständigen Austausch von Ideen.

Sein Punkt ist wichtig: Die Grenze zwischen einem klassischen Trainerstab und einem Doppel-Cheftrainer ist fließender, als es von außen wirkt. Auch in München entscheiden Co-Trainer, Analysten, Fitness- und Reha-Abteilung sowie die Mannschaftsleitung mit. Der Unterschied liegt lediglich darin, dass Viking diese Verantwortung öffentlich und formal auf zwei Personen verteilt.

Kompany betonte, dass solche Beziehungen viel Investition verlangen. Entscheidungen würden dann weniger aus Bauchgefühl entstehen, weil viele Sichtweisen und Informationen im Alltag zusammenkommen. Das ist eine bemerkenswerte Einsicht von einem Trainer, der bei Bayern unter extremem Erfolgsdruck arbeitet: Gerade dort, wo jede Niederlage sofort öffentlich verhandelt wird, kann ein eindeutiger Verantwortlicher psychologisch sinnvoll sein.

Warum Bayern trotzdem nicht kopieren wird

Max Eberl machte kein Geheimnis daraus, dass er dieses Modell für den FC Bayern für ungeeignet hält. Seine Antwort fiel kurz aus: „eher nein.“ Das ist keine Abwertung von Viking, sondern eine realistische Einschätzung der Münchner Struktur.

Bayern ist ein Klub, in dem Trainerentscheidungen unmittelbar mit Transferpolitik, Kaderplanung, Sponsoren, Medieninteresse und internationaler Wahrnehmung verknüpft sind. Ein Doppel-Cheftrainer würde zwar interne Kompetenzen bündeln, aber auch die Frage verschärfen: Wer trägt die politische Verantwortung nach einer Krise? Wer verhandelt mit Spielern? Wer steht im Konfliktfall vor dem Vorstand?

Genau deshalb bleibt das Modell von Stavanger vermutlich eine Ausnahme. Es passt zu einem Verein mit regionaler Identität, langfristiger Planung und einem engen internen Netzwerk. Bei einem global operierenden Klub wie Bayern würde es hohe Reibungsverluste erzeugen – nicht zwangsläufig, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Was Viking für Bayern gefährlich macht

Die sportliche Herausforderung bleibt trotzdem real. Viking verlor zwar das Auftaktspiel bei Stuttgart mit 1:3, liegt in der heimischen Liga aber punkt- und torgleich mit Bodø/Glimt an der Spitze. Das zeigt: Die Norweger sind kein Team, das nur für einen europäischen Abend motiviert ist, sondern ein Meister mit Stabilität und Wettkampfhärte.

Hinzu kommt die Lyse Arena mit Kunstrasen. Für Bayern ist das eine ungewohnte Bedingung, die Ballannahme, Passgeschwindigkeit, Zweikampfverhalten und sogar die Schuhwahl beeinflussen kann. Kompany muss deshalb nicht nur taktisch, sondern auch mental auf einen Gegner einstellen, für den dieses Spiel ein historisches Ereignis ist.

Aarsheim selbst sprach von einem Abend, der größer sei als frühe Duelle gegen Barcelona oder Chelsea. Das ist mehr als Rhetorik: Für Viking geht es um Bestätigung, um internationale Geltung und um den Beweis, dass der Meistertitel keine Eintagsfliege war.

Die größere Bedeutung für den europäischen Fußball

Das Duell hat eine über den Spieltag hinausreichende Dimension. Die Champions League lebt nicht nur von den großen Namen, sondern auch von Klubs, die mit anderen Strukturen und Ideen überraschen. Viking steht für eine Entwicklung, die in kleineren Ligen oft unterschätzt wird: Kontinuität statt kurzfristiger Trainerwechsel, interne Beförderung statt teurer externer Lösungen und kollektive Führung statt Einzelherrschaft.

Dass in dieser Saison erstmals seit 27 Jahren wieder zwei norwegische Vereine in der Champions League vertreten sind, unterstreicht diesen Punkt. Bodø/Glimt und Viking zeigen, dass skandinavisches Fußballmanagement erfolgreich sein kann, wenn sportliche Identität, Geduld und klare Strukturen zusammenkommen. Bayern trifft nun nacheinander auf beide – eine ungewöhnliche, aber aufschlussreiche Reise durch den modernen norwegischen Fußball.

Erinnerungen an große Europabende

Für ältere Fußballfans weckt ein solches Aufeinandertreffen Erinnerungen an die Champions Finale 2014, als Real Madrid gegen Atlético Madrid seinen zehnten Europapokal-Titel holte. Auch die Champions 2016 2017, als Real Madrid zweimal in Folge die Königsklasse gewann, zeigen, wie sehr dieser Wettbewerb von Klubs geprägt wird, die über Jahre hinweg eine stabile Führungsstruktur aufbauen.

Genau darin liegt die Lehre für Viking: Kein Trainerduo gewinnt eine Champions League allein durch Harmonie. Aber ohne interne Stabilität wird es schwer, in einem Wettbewerb zu bestehen, in dem Detailentscheidungen über Fortkommen oder Ausscheiden bestimmen. Die die Champions von gestern – Real Madrid, Bayern, Manchester City oder Barcelona – unterscheiden sich in vielen Dingen, haben aber fast immer eines gemeinsam: klare Verantwortung, sportliche Kontinuität und die Fähigkeit, unter Druck Entscheidungen zu treffen.

Was heute zählt

Wer sich fragt, ist heute Champions League, bekommt eine klare Antwort: Ja, Viking Stavanger empfängt den FC Bayern am Dienstag um 21 Uhr in der Ligaphase. Es ist das erste Pflichtspiel-Duell beider Klubs, und für Bayern ist es zugleich die erste Auswärtsreise in dieser Champions-Saison.

Das Spiel wird zeigen, ob Viking seine ungewöhnliche Führungskultur auch gegen einen der größten Klubs Europas tragen kann. Für Bayern zählt am Ende das Ergebnis. Für den europäischen Fußball könnte der Abend jedoch etwas Wichtigeres beweisen: Dass es im modernen Profifußball nicht nur einen Weg zur Spitze gibt – manchmal führen zwei Männer gemeinsam dorthin.

Quellen

Kompany hat’s schon erlebt
Zwei Cheftrainer für Bayern? Das sagt Sportvorstand Eberl

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