13.10.2026
6 Minuten Lesezeit

Ilkay Gündogan: Warum der Ex-DFB-Kapitän bei Galatasaray zum Symbol für einen harten Generationswechsel wird

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© 2026 Anadolu

Ilkay Gündogan steht derzeit für einender unangenehmsten Übergänge im Profifußball: vom unumstrittenen Führungsplayer zum Ersatzspieler, der selbst in einem Champions-League-Spiel gegen seinen ehemaligen Verein nicht als Option gilt. Beim 3:1 von Galatasaray Istanbul gegenKasimpasa saß der 35-Jährige erneut die komplette Partie auf der Bank. In dieser Saison hat Ilkay Gündogan bislangnur elf Minuten in zwei Pflichtspielen absolviert – eine Zahl, die mehr über Galatasarays sportliche Planung verrät als über seine aktuelle Form.

Dabei war Ilkay Gündogan im Sommer 2025 keineswegs als Deko-Verstärkung nach Istanbul gekommen. Nach Stationen bei Borussia Dortmund, Manchester City und dem FC Barcelona suchte der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft einen Ort, an dem er weiterhin Verantwortung übernehmen, Titel gewinnen und in der Champions League bestehen konnte. In seiner ersten Saison gelang ihm genau das: Ilkay Gündogan bestritt 38 Pflichtspiele und war wesentlich am Gewinn der türkischen Meisterschaft beteiligt.

Die Kluft zwischen Erfahrung und Spielzeit

Die jetzige Situation wirkt deshalb so brisant, weil sie nicht auf einer Verletzung oder einem Leistungsabsturz beruht, sondern auf einer klaren taktischen Entscheidung. Trainer Okan Buruk baut sein zentrales Mittelfeld derzeit vor allem um Lucas Torreira und Gabriel Sara auf. Ilkay Gündogan rückt in dieser Hierarchie nach hinten – trotz seiner Erfahrung, seiner Spielintelligenz und seiner Bedeutung für das letzte Meisterschaftsjahr.

Elf Minuten in acht Spielen sind für einen Spieler seiner Klasse ein deutliches Signal. Ilkay Gündogan kam gegen Corum in der Liga und gegen Sporting Lissabon in der Champions League jeweils nur in der Schlussphase zum Zug. Beim Heimspiel gegen Kasimpasa blieb er dagegen vollständig außen vor. Das ist keine normale Rotation mehr, sondern eine Rollenreduktion.

Für einen Spieler, der jahrelang in den wichtigsten Spielen Europas Verantwortung getragen hat, ist dieser Wandel emotional besonders schwer. Ilkay Gündogan war nicht nur ein technisch starker Mittelfeldspieler, sondern auch ein Spieler, der Räume liest, Tempo steuert und in Druckmomenten Ruhe ausstrahlt. Genau diese Qualitäten machen es für Außenstehende schwer nachvollziehbar, warum er kaum noch berücksichtigt wird.

„Warum sollte ich also bereit sein?“

Nach dem Sieg gegen Kasimpasa wurde Ilkay Gündogan auf das anstehende Champions-League-Duell beim FC Barcelona angesprochen. Seine Antwort war ungewöhnlich direkt: „Ich spiele doch nicht – warum sollte ich also bereit sein?“ Der Satz war keine bloße Bemerkung, sondern ein Ausdruck wachsender Frustration.

Das Besondere an dieser Aussage ist ihr Kontext. Barcelona ist für Ilkay Gündogan kein beliebiger Gegner. Er spielte dort in der Saison 2023/24, kennt den Klub, die Umgebung und die Erwartungen. Ein Auftritt im Camp Nou hätte für ihn sportlich und emotional eine besondere Bedeutung gehabt. Dass ausgerechnet vor dieser Partie die Frage nach seiner Einsatzbereitschaft gestellt wird, trifft einen Profi, der seit Monaten kaum Spielpraxis bekommt, offensichtlich an einem empfindlichen Punkt.

Trainer Okan Buruk versuchte anschließend, die Situation zu entschärfen. Ilkay Gündogan könne nach dem Aufwärmen und dem anschließenden Verzicht auf einen Einsatz angespannt gewesen sein, sagte Buruk. Gleichzeitig betonte der Coach, dass der Deutsche gut trainiere und auf seine Chance warte. Diese Worte klingen respektvoll, ändern aber nichts an der sportlichen Realität: Buruk plant aktuell nicht mit ihm als festem Bestandteil seiner Startelf.

Ein Konflikt, der mehr ist als ein Personalproblem

Der Fall Ilkay Gündogan zeigt ein grundsätzliches Dilemma moderner Spitzenklubs: Erfahrung ist wertvoll, aber nicht automatisch spielentscheidend. Galatasaray befindet sich in einer Phase, in der Ergebnisse kurzfristig zählen, zugleich aber ein leistungsfähiger und physisch intensiver Kader entstehen soll. In einem solchen Umfeld verlieren auch verdiente Spieler schnell ihren angestammten Platz.

Für Ilkay Gündogan bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Er muss akzeptieren, dass der Trainer eine andere Mittelfeldstruktur bevorzugt. Zugleich muss er entscheiden, ob er diese Rolle als Reservist dauerhaft aushält oder ob er irgendwann doch einen Neuanfang sucht. Seine öffentliche Aussage deutet darauf hin, dass die Geduld nicht unbegrenzt ist – auch wenn er sich später deutlich zurückhaltender äußerte.

Interessant ist dabei die Diskrepanz zwischen den Berichten und seiner eigenen Haltung. Während die türkische Zeitung „Sabah“ über eine mögliche Trennung in der Winterpause schreibt, widersprach Ilkay Gündogan den Spekulationen klar. Gegen „Mundo Deportivo“ erklärte er, dass die Gündogan-Transfer-Gerüchte nicht stimmen und er auch nach dem Winterfenster bei Galatasaray bleiben wolle, um einen weiteren Titel zu gewinnen.

Was ein Winterwechsel bedeuten könnte

Ein möglicher Gündogan-Transfer wäre aus mehreren Gründen folgenreich. Zunächst hätte Galatasaray die Möglichkeit, ein hohes Gehalt einzusparen. Berichten zufolge soll das Gehalt des Mittelfeldspielers bei etwa 4,5 Millionen Euro pro Jahr liegen. Für einen Klub, der gleichzeitig in der Liga, im Pokal und in der Champions League konkurrenzfähig bleiben will, ist das ein relevanter wirtschaftlicher Faktor.

Zweitens würde ein Abschied von Ilkay Gündogan eine Führungsfigur entfernen, die im Kader für Stabilität, Professionalität und internationale Erfahrung steht. Gerade in einer Mannschaft mit hohem Erwartungsdruck können solche Spieler in Krisenphasen wichtig sein. Wer sie ersetzt, muss nicht nur fußballerisch liefern, sondern auch die emotionale Rolle im Team übernehmen.

Drittens wäre ein Wechsel für Ilkay Gündogan selbst eine Frage der Würde und der sportlichen Perspektive. Mit 35 Jahren weiß er, dass jede Saison zählt. Wenn er weiterhin regelmäßig spielen möchte, braucht er einen Verein, der ihm eine klare Rolle gibt. Bleibt er in Istanbul, setzt er darauf, dass Verletzungen, Sperren oder taktische Anpassungen seine Chance wieder eröffnen. Tatsächlich könnten Ausfälle im Mittelfeld kurzfristig mehr Spielzeit bedeuten.

Die Bedeutung des Barcelona-Spiels

Das Duell mit dem FC Barcelona wird deshalb zu einem Stimmungstest. Nicht unbedingt, weil Ilkay Gündogan dort zwangsläufig spielen muss, sondern weil seine Rolle an diesem Abend öffentlich sichtbar wird. Ein Kurzeinsatz würde zeigen, dass Buruk ihn zumindest als taktische Option einplant. Ein weiterer Platz auf der Bank würde die Debatte um seine Zukunft zusätzlich befeuern.

Für Galatasaray ist die Partie auch eine Chance, zu beweisen, dass die Mannschaft ohne Ilkay Gündogan international bestehen kann. Das ist der unbequeme Kern der Sache: Sportlich funktioniert das Team derzeit offenbar auch ohne ihn. Galatasaray gewann gegen Kasimpasa verdient mit 3:1 und bleibt in der Liga erfolgreich. Genau dieser Erfolg macht die Entscheidung des Trainers schwer angreifbar.

Mehr als ein Fußballer: Gündogans gesellschaftliche Rolle

Während die sportliche Lage angespannt ist, erhielt Ilkay Gündogan abseits des Platzes eine bedeutende Ehrung. Am 29. September überreichte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst ihm in Istanbul die Mevlüde-Genç-Medaille. Die Auszeichnung würdigt Menschen, die sich für Verständigung, Toleranz und gesellschaftlichen Zusammenhalt einsetzen.

Die Medaille erinnert an den rassistischen Brandanschlag von Solingen im Jahr 1993, bei dem Angehörige von Mevlüde Genç getötet wurden. Dass ausgerechnet Ilkay Gündogan diese Ehrung erhält, passt zu seiner öffentlichen Haltung: Er hat sich wiederholt gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hass positioniert. Die Verleihung war zwar bereits im Vorjahr beschlossen worden, konnte wegen seines Wechsels in die Türkei aber erst jetzt persönlich erfolgen.

Diese Ebene ist wichtig, weil sie zeigt: Ilkay Gündogan ist längst mehr als ein Fußballprofi. Er ist eine öffentliche Figur, deren Biografie zwischen deutscher und türkischer Identität steht und die für viele Menschen eine Brücke darstellt. Gerade deshalb wirkt die aktuelle sportliche Marginalisierung bei Galatasaray so kontrastreich. Auf dem Platz kämpft er um Minuten, außerhalb des Platzes wird er für gesellschaftliches Engagement geehrt.

Wie es für Ilkay Gündogan weitergehen könnte

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Ilkay Gündogan in Istanbul noch eine echte sportliche Zukunft hat. Sein Vertrag läuft nach aktuellen Informationen bis 2027, doch ein langfristiges Verbleiben setzt voraus, dass sich seine Rolle ändert.

Drei Szenarien sind denkbar:

  • Rückkehr in die Rotation: Verletzungen oder Sperren erzwingen eine Umbesetzung, Ilkay Gündogan nutzt seine Chance und wird wieder wichtiger.
  • Reservist bis Sommer: Er bleibt, kämpft um Titel, erhält aber weiterhin wenig Spielzeit und verlässt den Klub später mit einer klaren sportlichen Bilanz.
  • Wechsel im Winter: Trotz seiner aktuellen Ablehnung könnte ein Gündogan-Transfer doch noch entstehen, falls Galatasaray aktiv wird oder sich seine Perspektive nicht verbessert.

Dabei sollte man seine öffentliche Erklärung nicht überinterpretieren. Profis sagen in solchen Momenten häufig, dass sie bleiben wollen, um Ruhe in den Kader zu bringen und ihre Verhandlungsposition nicht zu schwächen. Gleichzeitig hat Ilkay Gündogan in seiner Karriere oft bewiesen, dass er Entscheidungen nicht aus Stimmung, sondern aus sportlicher Überzeugung trifft.

Ein Abschied, der sich ankündigt?

Ob Ilkay Gündogan bei Galatasaray bleibt oder geht, ist derzeit offen. Fest steht aber: Die jetzige Situation ist kein normales Formtief, sondern ein struktureller Bruch. Der Trainer hat eine neue Mittelfeldordnung etabliert, der Verein denkt offenbar über wirtschaftliche Konsequenzen nach, und der Spieler selbst spürt, dass ihm die Bühne fehlt, auf der er sich noch beweisen will.

Für Galatasaray kann diese Entwicklung rational sein. Für Ilkay Gündogan ist sie schmerzhaft. Und für den deutschen Fußball ist sie eine Erinnerung daran, wie schnell sich Rollen im Spitzenfußball verschieben – selbst für Spieler, die als Kapitäne, Meister und Vorbilder galten. Ob Ilker Gündogan, wie der Name gelegentlich falsch geschrieben wird, in Istanbul noch einmal zurückkehrt oder ob Ilkay Hakan Gündogan einen neuen Verein sucht, wird sich in den kommenden Wochen entscheiden. Bis dahin bleibt seine Lage ein Lehrstück über Alter, Leistung, Loyalität und die unbequeme Wahrheit des Profifußballs: Kein Vertrag schützt vor dem Verlust der sportlichen Bedeutung.

Hinweis: Die Schreibweisen „Walizei Gündogan“ und „Ilker Gündogan“ kommen in öffentlichen Berichten nicht als korrekte Namensformen vor; korrekt ist Ilkay Gündogan.

Quellen

Der Absturz des ehemaligen Kapitäns der Nationalmannschaft
Nur elf Minuten Spielzeit: Gündogan bei Galatasaray auf dem Abstellgleis

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