Leo Neugebauer führt den Zehnkampf bei der Leichtathletik-EM in Birmingham zur Halbzeit an. Doch nach einem durchwachsenen 400-Meter-Lauf ist sein Vorsprung kleiner geworden – und plötzlich ist auch Niklas Kaul ein ernsthafter Goldkandidat. Der zweiteWettkampftag verspricht damit nicht nur einen Kampf gegen die internationale Konkurrenz, sondern möglicherweise ein deutsches Duell um den EM-Titel.
Ein Vorsprung, der trügerisch wirkt
Nach fünf Disziplinen steht Leo Neugebauer mit 4483 Punkten an der Spitze. Auf den ersten Blick ist das eine komfortable Ausgangslage. Tatsächlich beträgt sein Vorsprung auf den Niederländer Jeff Tesselaar jedoch nur 71 Punkte, während der Norweger Sander Skotheim 101 Zähler zurückliegt. Im Zehnkampf können solche Abstände innerhalb weniger Disziplinen verschwinden.
Neugebauer hatte den ersten Tag mit einer starken Frühform begonnen. Im Weitsprung erzielte er 7,82 Meter und übernahm damit die Führung. Im Kugelstoßen gelangen ihm 17,13 Meter – die beste Zehnkampf-Weite, die bei einer Europameisterschaft in dieser Disziplin bislang gemessen wurde. Auch im Hochsprung bewies der Weltmeister Nervenstärke: Nachdem er bei 1,96 Meter bereits zweimal gescheitert war, übersprang er 1,99 Meter mit seinem letzten Versuch.
Gerade diese Szene zeigt, weshalb Leo Neugebauer trotz seines schwächeren Abschlusses weiterhin als Favorit gilt. Ein Zehnkampf wird nicht durch einen einzelnen Lauf entschieden. Entscheidend ist, wie ein Athlet nach einem Rückschlag reagiert und ob er in den folgenden Disziplinen wieder in seinen Rhythmus findet.
Über 100 Meter war Neugebauer zunächst nach einem unsicheren Start kurz aus dem Gleichgewicht geraten. Mit 10,91 Sekunden blieb er dennoch konkurrenzfähig. Der 26-Jährige zeigte damit eine Fähigkeit, die bei großen Meisterschaften oft wichtiger ist als eine einzelne Bestleistung: Er kann Fehler begrenzen, ohne den gesamten Wettkampf aus der Hand zu geben.
Kaul nutzt seine große Chance
Während Neugebauer in den ersten Disziplinen erwartungsgemäß Punkte sammelte, entwickelte sich Niklas Kaul zu einem der großen Gewinner des ersten Tages. Der frühere Welt- und Europameister absolvierte in allen fünf Disziplinen einen bemerkenswert konstanten Wettkampf.
Besonders auffällig war sein Kugelstoßen. Mit 15,26 Metern stellte Kaul eine persönliche Bestleistung auf. Im Hochsprung überquerte er 2,02 Meter, im Weitsprung kam er auf 7,22 Meter. Über 100 Meter lief er 11,23 Sekunden. Den stärksten Akzent setzte er schließlich über 400 Meter: 47,99 Sekunden bedeuteten eine Saisonbestleistung und die zweitbeste Zeit seiner Karriere über diese Strecke.
Kaul liegt mit 4214 Punkten auf dem sechsten Platz. Der Rückstand auf die Spitze ist beträchtlich, aber keineswegs unüberwindbar. Seine traditionell stärkere zweite Hälfte des Zehnkampfs beginnt mit den 110 Metern Hürden, gefolgt von Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und 1500 Metern. Genau dort kann der Mainzer seine Erfahrung und sein vielseitiges Punktepotenzial ausspielen.
Kaul selbst trat nach seinem Lauf bewusst gelassen auf. Er betonte, dass ihm der Wettkampf Spaß mache und auch ein vierter Platz für ihn akzeptabel wäre. Diese Haltung ist mehr als eine höfliche Floskel. Nach mehreren Jahren, in denen er mit hohen Erwartungen, Verletzungen und dem Druck früherer Erfolge umgehen musste, wirkt Kaul heute mental freier.
Er versucht offenbar nicht mehr, eine frühere Version seiner selbst zu imitieren, sondern akzeptiert, wie er als Athlet aktuell funktioniert. Das könnte in Birmingham ein entscheidender Vorteil sein. Im Zehnkampf sammeln sich nach fünf Disziplinen Müdigkeit, kleine Schmerzen und mentale Belastung. Wer dann nicht ständig gegen sich selbst kämpft, kann seine Reserven besser abrufen.
Der zweite Tag verändert alles
Die Ausgangslage ist deshalb ungewöhnlich spannend. Leo Neugebauer hat den größeren Vorsprung und bringt als Weltmeister das höchste Leistungsniveau mit. Kaul besitzt dagegen den psychologischen Vorteil, am ersten Tag über den Erwartungen geblieben zu sein. Außerdem liegen die Disziplinen, die nun folgen, eher auf seiner Seite.
Die 110 Meter Hürden werden den ersten Hinweis liefern. Neugebauer muss dort vor allem stabil bleiben und darf keinen größeren Fehler machen. Kaul kann hingegen versuchen, den Rückstand sofort zu verkürzen. Im Diskuswurf dürfte Neugebauer seine Kraft erneut ausspielen, während Kaul auf eine technisch saubere Serie angewiesen ist.
Der Stabhochsprung wird anschließend zur Schlüsselstelle. Diese Disziplin kann die Rangliste massiv verändern, weil zwischen einem gelungenen Sprung und drei Fehlversuchen Hunderte Punkte liegen. Für den führenden Neugebauer geht es darum, einen soliden Einstieg zu schaffen. Kaul muss nicht zwingend spektakulär springen, darf aber keinen Totalausfall riskieren.
Im Speerwurf könnten sich die Kräfteverhältnisse wieder verschieben. Kaul verfügt traditionell über starke Wurfdisziplinen und kann dort den Abstand zur Spitze weiter verringern. Neugebauer wird vermutlich versuchen, den Wettkampf kontrolliert zu verwalten, anstatt jedem Risiko hinterherzulaufen.
Am Ende wartet der 1500-Meter-Lauf – eine Disziplin, die selten über die gesamte Medaillenvergabe entscheidet, aber oft darüber, wer seine Platzierung verteidigt. Der Zehnkampf belohnt nicht den Athleten mit der spektakulärsten Einzelaktion, sondern denjenigen, der über zwei Tage hinweg am wenigsten verliert.
Deutschland hat mehr als zwei Optionen
Neben Neugebauer und Kaul sorgt auch Amadeus Gräber für positive Schlagzeilen. Der junge Deutsche liegt nach dem ersten Tag mit 4150 Punkten auf Rang 13. Für sein großes Meisterschaftsdebüt zeigte Gräber bemerkenswerte Stabilität: 10,79 Sekunden über 100 Meter, 7,23 Meter im Weitsprung, 13,29 Meter im Kugelstoßen und 1,99 Meter im Hochsprung bildeten eine starke Grundlage. Über 400 Meter verbesserte er seine persönliche Bestzeit auf 48,31 Sekunden.
Gräbers Platzierung bedeutet nicht automatisch, dass er in den Kampf um Gold oder Silber eingreifen kann. Sie zeigt aber, dass Deutschland im Mehrkampf über eine ungewöhnliche Breite verfügt. In einer Disziplin, die häufig von Verletzungen und Ausfällen geprägt ist, besitzt der Deutsche Leichtathletik-Verband damit drei Athleten, die auf internationalem Niveau konkurrenzfähig sind.
Für die EM ist das ein starkes Signal. Neugebauer steht für die neue Generation des deutschen Zehnkampfs: kraftvoll, athletisch und mit außergewöhnlichen Leistungen in den Wurf- und Sprungdisziplinen. Kaul verkörpert dagegen die Erfahrung eines Athleten, der bereits Weltmeister, Europameister und Olympiateilnehmer war. Gräber könnte langfristig die nächste Entwicklungsstufe dieser deutschen Mehrkampftradition darstellen.
Was über Neugebauer privat bekannt ist
Das öffentliche Interesse an Leo Neugebauer reicht inzwischen weit über seine Wettkampfergebnisse hinaus. Suchanfragen wie „leo neugebauer freundin“, „leo neugebauer eltern“, „leo neugebauer größe“ oder „leo neugebauer schwester“ zeigen, wie stark sich Fans auch für die Person hinter dem Athleten interessieren.
Dabei sollte zwischen gesicherten Informationen und Spekulation unterschieden werden. Bekannt ist, dass Neugebauer in Görlitz geboren wurde und familiäre Wurzeln in Deutschland und Kamerun hat. Sein Vater Terence war selbst sportlich aktiv. Neugebauer studierte in den USA an der University of Texas und entwickelte dort seine internationale Karriere.
Bei seiner Körpergröße finden sich in öffentlichen Profilen unterschiedliche Angaben; meist wird sie mit ungefähr zwei Metern angegeben. Zu einer Freundin oder einer Schwester gibt es dagegen keine verlässlich bestätigten Informationen. Der Sportler hält sein Privatleben weitgehend aus der Öffentlichkeit heraus.
Diese Zurückhaltung ist bemerkenswert, weil Leo Neugebauer in den vergangenen Jahren zu einem der bekanntesten deutschen Leichtathleten geworden ist. Sein sportliches Profil steht im Mittelpunkt: Training, Wettkampf, Studium und die Entwicklung zum Weltklasse-Zehnkämpfer.
Gerade in einer Zeit, in der Sportler oft permanent Einblicke in ihr Privatleben geben, setzt Neugebauer damit eine klare Grenze. Für seine Leistung in Birmingham ist ohnehin nicht entscheidend, wer neben der Stadionbahn auf ihn wartet. Entscheidend wird sein, ob er nach dem Einbruch über 400 Meter seine Belastung richtig einschätzt und am Donnerstag wieder aggressiv, aber kontrolliert in den Wettkampf findet.
Ein Duell mit offenem Ausgang
Das Szenario für den zweiten Tag könnte kaum interessanter sein. Leo Neugebauer bleibt der Mann, den alle schlagen müssen. Sein Vorsprung ist klein genug, um Spannung zu garantieren, aber groß genug, um ihn nicht zum Jäger zu machen. Kaul hat dagegen nichts zu verlieren. Er kann Druck aufbauen, ohne selbst die Führungsposition verteidigen zu müssen.
Sollte Kaul in den Hürden und im Diskuswurf Boden gutmachen, könnte aus dem deutschen Medaillentraum tatsächlich ein Gold-Duell werden. Für Neugebauer wäre das zugleich Herausforderung und Motivation. Beide Athleten kennen und respektieren sich. Ein starker Teamkollege kann die eigene Leistung zusätzlich antreiben.
Der Titel wird am Donnerstag deshalb nicht allein durch rohe Punktzahlen entschieden. Es geht um Renneinteilung, Technik, Erholung und die Fähigkeit, in kritischen Momenten ruhig zu bleiben. Leo Neugebauer hat den ersten Schritt gemacht. Niklas Kaul hat jedoch deutlich gemacht, dass die Krone noch nicht vergeben ist.
Deutschland darf sich auf einen zweiten Wettkampftag freuen, an dem nicht nur die internationale Konkurrenz, sondern möglicherweise auch die eigene Mannschaftsgemeinschaft über Gold entscheidet. In Birmingham könnte der Zehnkampf damit zu einem besonderen Kapitel der deutschen Leichtathletik werden: ein Wettbewerb, in dem zwei Generationen, zwei unterschiedliche Stile und zwei starke Persönlichkeiten um denselben Titel kämpfen.
Quellen
Neugebauer stürzt sich in die Halbzeit – auch Kaul jetzt Goldkandidat
Das ist Zehnkämpfer Leo Neugebauer: Freundin, Herkunft, Studium, Rekorde & Preisgeld

