Radsport hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Öffnung erlebt: Die Grenzen zwischen Straße, Schotter, Cyclocross und Breitensport verschwimmen zunehmend. Genau in diesem Umfeld äußert sich nun Tadej Pogacar, dass er sich künftig Gravel-Rennen vorstellen kann. Für den fünfmaligen Tour-de-France-Sieger wäre das keine bloße Nebensache, sondern ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich der professionelleRadsport wandelt – weg vom reinen Straßenzirkus, hin zu vielseitigeren Formen des Rennfahrens.
Pogacar ist derzeit noch mit der Genesung nach seinem schweren Sturz bei der Vuelta a España beschäftigt. Dennochblickt der Slowene bereits über den unmittelbaren Comeback-Zeitpunkt hinaus. Gravel sei „wirklich beliebt geworden“, sagte er am Rande einer Sponsorenveranstaltung. Er habe die erste Gravel-Weltmeisterschaft als Zuschauer erlebt und das Event als Fan genossen. Die Botschaft dahinter ist klar: Pogacar sieht im Gravel nicht nur einen Trend, sondern eine Disziplin, die ihn sportlich und emotional anspricht.
Ein Superstar zwischen Straße und Schotter
Im Radsport gilt Pogacar seit Jahren als Fahrer, der kaum eine Herausforderung scheut. Er gewinnt Grand Tours, Klassiker, Bergankünfte, Zeitfahren und selbst Rennen mit anspruchsvollen Schotterpassagen. Gerade deshalb wirkt die Idee eines Gravel-Engagements weniger abwegig, als sie auf den ersten Blick klingt. Bei Strade Bianche hat er bereits gezeigt, wie stark er auf staubigen Weißen Wegen agieren kann. Auch bei der Tour de France around Troyes setzte er seine Konkurrenten auf Schotterabschnitten massiv unter Druck.
Der Unterschied zwischen solchen Etappen und einem echten Gravel-Rennen ist allerdings erheblich. Im professionellen Radsport auf der Straße stehen Teamstrategie, Materialwahl, Verpflegung und taktische Absprachen im Mittelpunkt. Gravel-Rennen sind oft länger, technischer und weniger vorhersehbar. Wind, Staub, lose Steine, enge Wege und plötzliche Anstiege verlangen eine andere Fahrtechnik. Hinzu kommt: Viele Veranstaltungen haben einen eigenen Charakter, der näher am Abenteuer liegt als an einem klassischen Eintagesrennen.
Pogacar bringt für diese Umgebung wichtige Voraussetzungen mit. Er besitzt eine außergewöhnliche Leistungsfähigkeit, ein ausgeprägtes Gespür für schwierige Strecken und die Fähigkeit, Rennen allein zu entscheiden. Seine Cyclocross-Vergangenheit dürfte ihm ebenfalls helfen. Der Slowene war in dieser Disziplin bereits aktiv, gewann 2018 einen nationalen Titel und kehrte später mehrfach ins Gelände zurück. Wer im Cyclocross gelernt hat, mit Schlamm, Kurven und schnellen Wechseln umzugehen, findet im Gravel zwar keine identische Disziplin, aber doch verwandte Anforderungen.
Warum die Zeit das größte Problem ist
Doch genau hier liegt die entscheidende Einschränkung. Pogacar selbst betont, dass sein Jahreskalender kaum Raum für zusätzliche Gravel-Rennen lässt. Der professionelle Radsport ist für einen Fahrer seiner Klasse ein komplexes Projekt: Vorbereitungslager, Frühjahrsklassiker, Grand Tours, WM-Ziele, Regeneration, Medienpflichten und Sponsorentermine füllen den Kalender bis zum Rand.
Ein Gravel-Programm wäre daher nicht einfach als lockere Ergänzung zu verstehen. Wer bei den Gravel-Weltmeisterschaften antreten möchte, muss sich in der Regel über Qualifikationsrennen einen Startplatz sichern. In den UCI-Gravel-Veranstaltungen qualifizieren sich unter anderem die besten 25 Prozent einer jeweiligen Kategorie für die WM. Das klingt für einen Fahrer wie Pogacar machbar, verlangt aber dennoch konkrete Rennen, Reiseplanung und eine Formkurve, die mit dem Straßenprogramm harmoniert.
Für einen Athleten, dessen Hauptziel weiterhin der sechste Tour-de-France-Sieg sein dürfte, ist jedes zusätzliche Rennen ein Risiko. Ein Sturz auf Schotter, eine Erkältung nach einem langen Rennen oder eine zu intensive Belastung könnten die Vorbereitung auf die wichtigste Veranstaltung des Jahres beeinträchtigen. Teams und Athleten denken deshalb nicht nur daran, welche Rennen gewonnen werden können, sondern auch daran, welche Belastungen sich in den Gesamtplan einfügen.
Gravel als neue Bühne des Radsports

Interessant ist Pogacars Aussage vor allem deshalb, weil sie einen größeren Wandel im Radsport beschreibt. Gravel ist längst keine Nische mehr für Hobbyfahrer mit Abenteuerlust. Die Disziplin hat eigene Weltmeisterschaften, eine wachsende Serie von Qualifikationsrennen und ein Publikum, das sowohl Leistungssport als auch Gemeinschaftsgefühl schätzt. Profis von der Straße entdecken diese Szene zunehmend, weil sie neue Herausforderungen, neue Strecken und eine weniger streng reglementierte Atmosphäre bietet.
Für den Radsport insgesamt könnte diese Entwicklung positiv sein. Gravel-Rennen erreichen Menschen, die sich von der hochprofessionellen Straßen-Szene manchmal distanziert fühlen. Sie verbinden Amateur- und Profisport, ermöglichen Teilnahme am gleichen Event und erzeugen Geschichten, die nicht allein von Sekunden, Bergwertungen oder Teamfunktionen leben. Wenn ein Fahrer wie Pogacar tatsächlich startet, würde das die Aufmerksamkeit auf diese Welt lenken – und möglicherweise weitere Topathleten ermutigen, es ihm gleichzutun.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob der Gravel-Sport seinen besonderen Charakter bewahren kann. Je mehr Weltklassefahrer und große Sponsoren einsteigen, desto professioneller werden Organisation, Materialentwicklung und Wettbewerb. Das kann die Qualität erhöhen, birgt aber auch die Gefahr, dass aus der freien Gravel-Kultur ein weiterer hochkommerzieller Zweig des Radsports wird. Pogacars möglicher Einstieg wäre daher nicht nur eine sportliche Entscheidung, sondern auch ein kulturelles Signal.
Kein Platz für virtuelle Rennen
Während Pogacar dem Gravel grundsätzlich offen gegenübersteht, macht er bei E-Sport-Rennen auf dem Rad eine klare Ausnahme. Indoor auf dem Hometrainer, online gegen andere Fahrer, bei hohem Schweißverlust und ohne Wind, Landschaft oder echte Straßenatmosphäre – das sei für ihn mental zu hart. Er habe großen Respekt vor Athleten, die viel auf dem Hometrainer trainieren, sagte er, aber er leide dabei zu sehr.
Diese Haltung ist nachvollziehbar. Virtueller Radsport hat seine Berechtigung: Er ist sicher, wetterunabhängig und ermöglicht Wettkämpfe ohne Reiseaufwand. Für viele Hobbyfahrer ist er sogar ein echter Einstieg in den Radsport. Für einen Fahrer wie Pogacar, dessen Stärke gerade in der Verbindung von Körper, Natur, Taktik und Risiko liegt, fehlt jedoch vermutlich ein wesentlicher Reiz. Er lebt von der Straße, vom Berg, vom Wetter, vom Duell mit realen Gegnern und von der Fähigkeit, unter unberechenbaren Bedingungen zu entscheiden.
Was ein Gravel-Debüt bedeuten würde
Sollte Pogacar tatsächlich bei einem Gravel-Rennen starten, wäre das mehr als eine kurze Abwechslung. Es wäre ein Test, ob die Dominanz des Straßenradsports auf andere Untergründe übertragbar ist. Seine Gegner wären nicht nur die bekannten Gesichter der WorldTour, sondern Spezialisten, die ihre Saison gezielt auf Schotter ausgerichtet haben. Diese Fahrer kennen die Strecken, die Materialwahl und die taktischen Feinheiten ihrer Disziplin oft besser als jeder Straßenprofi.
Ein Sieg wäre deshalb keineswegs selbstverständlich. Pogacar würde zwar als Favorit gelten, doch Gravel belohnt nicht nur Leistung. Es verlangt Erfahrung, Nervenstärke, technisches Geschick und die Bereitschaft, sich auf ein Rennen einzulassen, das weniger kontrollierbar ist als ein Straßenklassiker. Genau diese Unberechenbarkeit dürfte ihn reizen.
Für die Zukunft des Radsports wäre ein Pogacar-Engagement im Gravel ein starkes Zeichen. Es würde zeigen, dass selbst der erfolgreichste Fahrer seiner Generation nicht in einer Disziplin eingesperrt bleiben will. Vielleicht beginnt es mit einem einzelnen Rennen, einem Versuch ohne großen Erwartungsdruck. Vielleicht wird daraus irgendwann ein ernsthaftes WM-Ziel. Fest steht: Pogacar hat im Radsport bereits fast alles gewonnen, was die Straße zu bieten hat. Der Schotter könnte der nächste Ort sein, an dem er seine Grenzen auslotet.
Quellen
Tadej Pogacar kann sich Teilnahme an Gravel-Rennen vorstellen – Slowene schon beim Cyclocross unterwegs gewesen
Pogacar strebt eine neue Herausforderung jenseits des Straßenradsports an: „Das möchte ich auf jeden Fall ausprobieren“





