Kerem Demirbay hat mit einem emotionalen Rückblick eine Debatte ausgelöst, die weit über seine nur zwei Länderspiele für Deutschland hinausgeht. Der 33-jährige Mittelfeldspielersagt heute, er habe nie wirklich für den DFB spielen wollen, sondern sich über anderthalb Jahre um eine Chance bei der Türkei bemüht. Seine Erklärung, ein sichtbares Türkei-Tattoo habe seine weitere Karriere in der deutschen Nationalmannschaft beendet, trifft einen empfindlichen Nerv: Sie verbindet sportliche Entscheidungen mit Identität, Erwartungen und der Frage, wie offen der deutsche Fußball mit Spielern migratorischer Herkunft umgeht.
Ein Entschluss mit langem Schatten
Demirbay wurde in Herten geboren, wuchs aber in einer Familie auf, die sich klar der Türkei zugehörig fühlt. Seine Eltern sind türkischer Herkunft, und der Spieler beschreibt seine Identitätbis heute unmissverständlich: „Mein Blut ist türkisch.“ Diese Selbstverortung ist kein Widerspruch zu einer deutschen Biografie, sondern Ausdruck einer doppelten Erfahrung, die viele Menschen mit Migrationsgeschichte kennen. Für einen Profifußballer wird sie jedoch besonders sichtbar, sobald er ein Nationaltrikot trägt.
Laut Kerem Demirbay wollte er ursprünglich für die Türkei auflaufen. Er behauptet, der türkische Verband sei über einen langen Zeitraum umworben worden, ohne dass es zu einer Einladung kam. Erst dann habe er sich – aus Gründen, die er nicht öffentlich erklären wolle – für Deutschland entschieden. Diese Darstellung macht deutlich, dass Nationalmannschaftsentscheidungen selten nur sportliche Entscheidungen sind. Sie entstehen aus Gesprächen, Erwartungen, Karriereplanung und manchmal auch aus dem Gefühl, nirgendwo vollständig erwünscht zu sein.
Zwei Spiele, ein Tor, ein Wendepunkt
Unter Bundestrainer Joachim Löw kam Kerem Demirbay im Sommer 2017 zu zwei Einsätzen für Deutschland. Beim Konföderationen-Pokal in Russland gehörte er zum Kader, der das Turnier gewann. Gegen Kamerun erzielte er im dritten Gruppenspiel den Führungstreffer beim 3:1-Sieg. Es war sein einziger Treffer für die DFB-Auswahl – und zugleich der Moment, an den sich der Mittelfeldspieler bis heute mit gemischten Gefühlen erinnert.
Nach dem Tor soll Demirbay sein Trikot ausgezogen haben. Dabei wurde das Tattoo auf seinem Schulterblatt sichtbar: die Umrisse der Türkei. Der Spieler selbst sagt, dieser Anblick habe die Dynamik verändert, auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Er fragt sich bis heute, wie ein deutscher Nationalspieler mit der Karte eines anderen Landes auf dem Körper akzeptiert werden konnte. Ob das Tattoo tatsächlich der ausschlaggebende Grund für das Ende seiner DFB-Karriere war, lässt sich nicht objektiv belegen. Aber seine Schilderung zeigt, wie stark ein Symbol die Deutung eines Spielers prägen kann.
Sportliche Konkurrenz darf nicht übersehen werden
Eine nüchterne Einordnung gehört zu dieser Geschichte dazu: Demirbay traf in einer Phase auf extrem starke Konkurrenz im zentralen Mittelfeld. Toni Kroos, Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und Sami Khedira prägten die deutsche Nationalmannschaft rund um die Weltmeisterschaft 2018. Für einen Spieler ohne etablierten Status im DFB-Team war der Weg in den WM-Kader entsprechend schwer.
Gleichzeitig war Kerem Demirbay zu diesem Zeitpunkt kein unbeschriebenes Blatt. Bei Hoffenheim entwickelte er sich zu einem wichtigen Spieler der Bundesliga, später wurde er bei Bayer Leverkusen zu einer zentralen Figur. Gerade weil er in dieser Zeit sportlich auf einem hohen Niveau spielte, wirkt seine Deutung nachvollziehbar: Er hatte das Gefühl, genau in dem Moment übergangen zu werden, in dem seine Karriere wirklich Fahrt aufnahm. Ob sportliche Leistung, interne Bewertung, mediale Wahrnehmung oder eine Kombination aus allem die Nominierungsentscheidungen beeinflusste – die Antwort bleibt komplex.
Warum die Worte jetzt so schwer wiegen
Demirbay sagt nicht nur, dass er die Entscheidung für Deutschland bereut. Er geht weiter: Selbst wenn der DFB ihn heute anrufen würde, würde er nicht mehr für Deutschland spielen. Das ist eine klare Abkehr, die zeigt, wie tief die Enttäuschung sitzt. Für ihn ist das Thema offenbar nicht nur eine verpasste Karrierechance, sondern eine Frage der Würde und der Zugehörigkeit.
Sein größtes Bedauern sei, nie das Trikot der türkischen Nationalmannschaft getragen zu haben. Dieser Satz erklärt viel. Kerem Demirbay erlebt in der Türkei eine emotionale Verbindung, die er in Deutschland offenbar vermisst hat. In einem früheren Interview hatte er bereits gesagt, die Atmosphäre in einem türkischen Stadion und der Rückhalt der Fans seien für ihn etwas Besonderes. Heute spielt er für Kasimpasa in der Süper Lig und ist dort weiterhin ein wichtiger Mittelfeldspieler.
Identität im Fußball ist keine Fußnote
Die Geschichte von Kerim Demirbay zeigt, dass Fußballnationalmannschaften mehr verkörpern als Kaderplanung. Sie sind auch Bühnen nationaler Erzählungen. Wer für ein Land spielt, wird oft als Repräsentant dieses Landes wahrgenommen – manchmal stärker, als es der eigenen Identität entspricht. Ein Spieler mit türkischen Wurzeln, der für Deutschland aufläuft, muss damit rechnen, dass seine Loyalität hinterfragt wird. Umgekehrt kann ein Spieler, der sich stark zur Türkei bekennt, in Deutschland als „nicht ganz deutsch“ gelesen werden. Genau diese Dynamik beschreibt Demirbay, wenn er sagt, er sei als Ausländer betrachtet worden.
Das Problem liegt nicht darin, dass Spieler multiple Identitäten haben. Das Problem entsteht, wenn öffentliche Debatten daraus einen Beweis für mangelnde Loyalität machen. Ein Tattoo, ein Familienname, eine Sprache oder ein Herkunftsland sagen nichts darüber aus, ob jemand professionell, loyal oder leistungsbereit ist. Im Fall von Demirbay wurde jedoch aus einem persönlichen Symbol offenbar eine öffentliche Erzählung, die seine Zugehörigkeit in Frage stellte.
Was der DFB daraus lernen muss
Der Fall Kerem Demirbay ist auch eine Warnung für Verbände. Nationalmannschaften brauchen klare sportliche Kriterien, aber ebenso eine Kultur, in der sich Spieler nicht fragen müssen, ob sie ihre Herkunft verbergen sollen. Ein Verband, der von Spielern verlangt, ausschließlich die eine nationale Geschichte zu erzählen, verliert möglicherweise Talente, die gerade wegen ihrer doppelten Perspektive wertvoll sind.
Die deutsche Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren vielfach betont, wie wichtig Vielfalt ist. Doch solche Aussagen wirken nur glaubwürdig, wenn Spieler die Erfahrung machen, dass ihre Identität nicht zur Belastung wird. Demirbay schildert das Gegenteil: Er fühlte sich nicht als vollwertiger Teil des Systems, sondern als jemand, der wegen seiner Herkunft anders betrachtet wurde. Selbst wenn sein Tattoo nicht der alleinige Grund für das Ende seiner DFB-Zeit war, bleibt die Botschaft relevant: Wahrnehmung kann Entscheidungen beeinflussen, bevor eine sportliche Leistung überhaupt bewertet wird.
Eine Karriere, die weitergeht
Trotz der Verbitterung ist Demirbay keine tragische Figur ohne Erfolg. Nach Jahren als Leistungsträger bei Hoffenheim und Bayer Leverkusen wechselte er zu Galatasaray und steht inzwischen bei Kasimpasa unter Vertrag. In der Süper Lig bleibt er ein erfahrener, technisch starker Mittelfeldspieler, der regelmäßig spielt und kürzlich auch wieder an einem Tor beteiligt war. Seine Karriere hat sich also nicht am DFB festgemacht, auch wenn die Frage bleibt, was möglich gewesen wäre.
Gerade diese Weiterentwicklung macht seine Worte glaubwürdig. Kerem Demirbay spricht nicht aus dem Nichts, sondern aus der Position eines erfahrenen Profis, der beide Fußballwelten kennt: die Bundesliga, internationale Wettbewerbe und schließlich den türkischen Fußball. Seine Kritik ist deshalb kein kurzlebiger Aufschrei, sondern das Fazit eines Spielers, der lange genug geschwiegen hat.
Was nun folgt
Ob der DFB offiziell auf die Vorwürfe reagiert, ist offen. Wahrscheinlich wird die Diskussion jedoch nicht bei Demirbay enden. Sie könnte dazu beitragen, dass Verbände transparenter darüber sprechen, wie sie Talente mit Migrationsgeschichte betreuen, wie sie mit öffentlichen Debatten umgehen und wie sie verhindern, dass äußere Symbole über sportliche Leistungen gestellt werden.
Für Kerem Demirbay ist die Sache dagegen entschieden. Er sieht sich als Türke, bereut die Entscheidung für Deutschland und wünscht sich vor allem eines: einmal das Trikot der türkischen Nationalmannschaft getragen zu haben. Seine Geschichte erinnert daran, dass Fußball nicht nur Spiele gewinnt und verliert. Er kann auch Zugehörigkeit formen – oder das Gefühl erzeugen, nie vollständig dazuzugehören.
Quellen
“Ich würde nie wieder für Deutschland spielen”
Zweimal lief Kerem Demirbay für die deutsche Nationalmannschaft auf. Rückblickend hätte er sich lieber für die Türkei entschieden.






