15.09.2026
5 Minuten Lesezeit

Klopp, der DFB und die Kunst des echten Neustarts im Fußball

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@2026 Jan Huebner

Fußball lebt von Momenten, in denen etwasNeues beginnt – doch nicht jeder personelle Wechsel ist automatisch ein Neuanfang. Wenn Jürgen Klopp am Donnerstag seinen ersten Kader als Bundestrainer vorstellt, geht es um mehr als nur Namen auf einer Liste. Es geht um die Frage, ob der Deutsche Fußball-Bund (DFB) tatsächlich bereit ist für einenstrukturellen und mentalen Umbruch oder ob am Ende nur ein neuer Trainer alte Muster verwaltet. Die Zeichen deutenauf Ersteres hin – vor allem wegen eines ungewöhnlichen Schachzugs: einem XXL-Kader, der weit über die üblichen 23 Spieler hinausgeht.

Warum ein XXL-Kader mehr ist als eine Personalrochade

Klopp plant Berichten zufolge mit deutlich mehr als den vorgeschriebenen 23 Akteuren für die Nations League. Der Hintergrund ist pragmatisch wie strategisch zugleich: Vier Spiele in elf Tagen – in Amsterdam, Augsburg, München und Thessaloniki – erfordern eine kluge Belastungssteuerung. Das UEFA-Reglement erlaubt es, vor jedem Spiel bis 23.59 Uhr am Vortag eine neue 23er-Liste zu melden. Klopp will diese Flexibilität nutzen, um Teile des Kaders je nach Spielphase nachzureisen zu lassen.

Doch hinter dieser Terminlogik steckt eine tiefere Botschaft. Ein Trainer, der initial 57 Feldspieler auf seiner Liste hatte, braucht mehr als zwei Trainingseinheiten, um sich ein realistisches Bild zu machen. Der XXL-Kader verschafft ihm zwölf Tage Sichtung unter echten Wettkampfbedingungen. Das ist keine Panikmaßnahme, sondern Methode: Klopp zwingt sich selbst, mehr Spieler zu sehen, als er kurzfristig braucht – und den Verband, einen Trainer auszuhalten, der nicht sofort die „beste Elf“ präsentiert, sondern die breiteste.

Im Kontext der aktuellen Fußball-Landschaft ist das ein starkes Signal. In der Bundesliga stehen Vereine wie Bayern München oder Borussia Dortmund ebenfalls vor der Herausforderung, junge Talente zu integrieren, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Die wahre Tabelle 2. Bundesliga zeigt zudem, wie eng der Kampf um Aufstieg und Klassenerhalt ist – dort entscheidet oft die Kaderbreite über Erfolg oder Misserfolg. Ähnlich verhält es sich auf internationaler Ebene: Nur wer tief und breit aufgestellt ist, kann in einem so verdichteten Fenster wie dem der Nations League bestehen.

Die Alten gehen – und warum das ein Geschenk für Klopp ist

Zwei Säulen der jüngeren DFB-Vergangenheit sind bereits gegangen, bevor Klopp überhaupt einen Spieler streichen musste: Manuel Neuer und Antonio Rüdiger. Neuer, bei der WM 2026 noch die Nummer eins, hat sich endgültig verabschiedet. Rüdiger, 86 Länderspiele, trat am 1. September zurück – einen Tag nach dem Transferschluss, drei Wochen nach Klopps Amtsantritt. Beide begründeten ihren Schritt mit dem Wunsch, der jungen Generation Platz zu machen.

Das ist ein seltenes Geschenk für einen Trainer, der Erneuerung verspricht: Er kann sie zulassen, ohne sie aktiv verantworten zu müssen. Gleichzeitig ist es eine Warnung. Der letzte große Umbruch beim DFB nach der WM 2018 fand nicht wirklich statt – Joachim Löw blieb, strich Müller, Hummels und Boateng per Dekret und holte sie zwei Jahre später zurück. Der Verband ist gut darin, Umbrüche anzukündigen, und schlecht darin, sie durchzuhalten, sobald das nächste Turnier näher rückt.

Klopp hat einen Vertrag bis 2028 – die EM 2028 ist der Zeitpunkt, an dem sich zeigt, ob das anders wird. Die Struktur um ihn herum spricht dafür: Rudi Völler als Sportdirektor, Per Mertesacker ab Januar als Geschäftsführer, Klopp mit seinen Vertrauten Peter Krawietz, Pepijn Lijnders und Lars Bender. Das ist eine neue Architektur, die Entscheidungen treffen kann, die dem Verband auch wehtun – wenn sie gewollt sind.

Namen, die niemand erwartet – und die, die jeder erwartet

Was die Medien in den Tagen vor der Kaderbekanntgabe als Kandidaten nannten, ist eine Mischung aus Formkurven, alten Bekanntschaften und taktischen Notwendigkeiten. Karim Adeyemi und Said El Mala, unter Julian Nagelsmann nicht berücksichtigt, zeigen aktuell starke Leistungen – Adeyemi in Barcelona, El Mala in Köln. Julian Brandt und Marc-André ter Stegen werden mit einer Rückkehr ins DFB-Trikot in Verbindung gebracht, ähnlich wie einst Mario Götze. Die Frage nach mehr Premier-League-Spielern bleibt offen, auch wenn die Bayern-Achse um Joshua Kimmich, Aleksander Pavlović, Florian Wirtz und Harry Kane voraussichtlich das Zentrum bilden wird.

Dazu kommen Debatten um Loris Karius, den Klopp 2016 nach Liverpool holte und der nach zwei starken Spielen für Schalke selbst noch keine Einschätzung abgeben will. Paris Brunner, der Monaco-Stürmer, der am Samstag ein Traumtor schoss und dann eine Kehlschnitt-Geste zeigte, steht ebenso im Raum wie Rocco Reitz und Assan Ouédraogo, die beide verletzt fehlen. Angelo Stiller hat Knieprobleme, Jamal Musiala baut sich nach seinen Zusammenbrüchen schrittweise wieder auf.

Die Namen, die jeder erwartet, sind dennoch da: Kimmich als Kapitän, zurück ins zentrale Mittelfeld, Havertz, Wirtz, Kane. Ein Kader, der zu zwei Dritteln aus Spielern besteht, die Nagelsmann auch nominiert hätte, ist kein Neustart. Ein Kader, der nur aus Debütanten besteht, ist keiner, der in Amsterdam gewinnt. Klopps erster Kader wird beides enthalten. Die Frage ist das Verhältnis – und wer nach dem zweiten Spiel bleibt.

Was „Neustart“ beim DFB wirklich bedeuten müsste

Ein neuer Trainer ist kein Neustart. Ein neues System – Klopp hat ein 4-3-3 mit echten Flügelspielern angekündigt – ist eines, wenn es länger hält als drei Niederlagen. Neue Spieler sind gut, wenn sie auch dann nominiert werden, wenn die Alten wieder fit sind. Und eine neue Struktur ist eine, wenn sie Entscheidungen trifft, die dem Verband wehtun.

Der XXL-Kader ist in dieser Lesart ein gutes Zeichen. Er zwingt Klopp, mehr Spieler zu sehen, als er brauchen wird, und zwingt den Verband, einen Trainer auszuhalten, der nicht im ersten Fenster die beste Elf präsentiert, sondern die breiteste. Es ist die Methode eines Mannes, der in Dortmund und Liverpool Mannschaften über Jahre gebaut hat und nie über Wochen.

Ob es ein Neustart ist, weiß man deshalb nicht am Donnerstag. Man weiß es im November, beim Rückspiel gegen die Niederlande in Berlin, wenn die Namen, die im September überrascht haben, entweder noch da sind oder wieder verschwunden. „Weiter so“ erkennt man nicht an der Nominierung. Man erkennt es an der Streichung.

Implikationen für die Zukunft des deutschen Fußballs

Die Nations League 2026 ist mehr als nur ein Turnier – sie ist der erste Lackmus-Test für Klopps Philosophie im DFB-Gewand. Wenn er es schafft, junge Spieler wie El Mala, Adeyemi oder sogar Paris Brunner nachhaltig zu integrieren, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, könnte das eine neue Ära im deutschen Fußball einläuten. Die Parallelen zur Entwicklung in der Bundesliga sind offensichtlich: Auch dort entscheiden nicht nur die Stars, sondern die Tiefe des Kaders über den Erfolg. Die pgl tabelle oder die bundesliga turnyrinė lentelė mögen für andere Ligen relevant sein – im deutschen Fußball zählt am Ende nur, ob die Nationalmannschaft wieder eine Identität findet, die über einzelne Ergebnisse hinausgeht.

Klopps Ansatz, Belastung zu steuern und gleichzeitig Talente zu sichten, könnte zum Vorbild für andere Nationalmannschaften werden. In einer Zeit, in der die Kalender immer dichter werden und die Spieler immer stärker beansprucht werden, ist Flexibilität nicht nur ein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Der DFB hat mit Klopp einen Trainer, der diese Notwendigkeit nicht nur versteht, sondern aktiv gestaltet. Ob das ausreicht, um den deutschen Fußball zurück an die Weltspitze zu bringen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Fazit: Mehr als nur ein Kader – ein Statement

Jürgen Klopps erster DFB-Kader ist mehr als eine Personalentscheidung. Er ist ein Statement an den Verband, an die Spieler und an die Fans. Es ist das Statement eines Trainers, der bereit ist, unkonventionelle Wege zu gehen, um langfristigen Erfolg zu sichern. Der XXL-Kader ist dabei nur der Anfang. Die wahre Prüfung kommt erst, wenn die ersten Spiele gespielt sind und die ersten schwierigen Entscheidungen anstehen. Dann wird sich zeigen, ob der DFB wirklich bereit ist für einen echten Neustart – oder ob am Ende nur die Namen geändert wurden, nicht aber das System.

Quellen

XXL-Kader, Umbruch, Namen: Klopps DFB-Fahrplan
Jürgen Klopp nominiert ersten DFB-Kader – eine Position ist offen wie nie: Aus 57 mach 20 plus 3


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