22.09.2026
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Friedrichshain-Kreuzberg kippt: Warum die Linke die grüne Bastion erobert

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@2026 dpa

Friedrichshain-Kreuzberg steht nachder Berliner Abgeordnetenhauswahl vor einem politischen Machtwechsel. Die Linke hat die langjährige Hochburg der Grünen erobert und liegt bei den Zweitstimmen mit rund 44 Prozent deutlich vorn. Die Grünen kommennach dem Auszählungsstand von 92 Prozent der Gebiete nur noch auf 20,8 Prozent – ein dramatischer Einbruch gegenüberden 33,5 Prozent bei der Wahl 2023.

Das Ergebnis ist mehr als eine lokale Niederlage. Friedrichshain-Kreuzberg galt über Jahre als Symbol für grüne Stadtpolitik, progressive Gesellschaftsentwürfe und eine urbane Wählerschaft. Dass die Grünen dort nun nicht nur ihre Spitzenposition verlieren, sondern voraussichtlich auch ohne jedes Direktmandat bleiben, zeigt, wie stark sich die politischen Kräfteverhältnisse in Berlin verschieben.

Ein historischer Einbruch für die Grünen

Noch bei der vorherigen Wahl hatten die Grünen fünf von sechs Direktmandaten in Friedrichshain-Kreuzberg gewonnen. Dieses Mal lag die Linke in allen fünf Wahlkreisen vorn. Damit verliert die Ökopartei eine politische Landschaft, die sie über viele Jahre geprägt hatte.

Besonders deutlich fällt der Abstand im Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg 1 aus. Die Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp erreichte dort nach dem vorläufigen Ergebnis 50,4 Prozent der Erststimmen. Ihre grüne Konkurrentin Kübra Beydaș kam lediglich auf 17,2 Prozent.

Auch im zweiten Wahlkreis konnten die Grünen ihre frühere Dominanz nicht verteidigen. Katrin Schmidberger lag hinter dem Linke-Bewerber Michael Efler. Nach den vorliegenden Ergebnissen setzte sich die Linke damit in sämtlichen Wahlkreisen des Bezirks durch.

Der Bedeutungsverlust lässt sich auch im Vergleich der Zweitstimmen erkennen. 2023 lagen die Grünen mit 33,5 Prozent klar vor der Linken, die damals 21,1 Prozent erreichte. Nun hat sich das Verhältnis nahezu umgekehrt. Die Linke gewann massiv hinzu, während die Grünen rund zwölf Prozentpunkte verloren.

Warum die Linke gerade hier gewinnt

Der Erfolg der Linken kommt nicht völlig überraschend. Friedrichshain-Kreuzberg ist zwar für seine kulturelle Vielfalt, seine politische Aktivismuskultur und seine traditionell starke grüne Wählerschaft bekannt. Gleichzeitig ist der Bezirk stark von sozialen Konflikten geprägt: steigende Mieten, Verdrängung, Nutzungskämpfe im öffentlichen Raum, Belastungen durch Armut und eine angespannte soziale Infrastruktur gehören zum Alltag vieler Menschen.

Die Linke konnte diese Themen offenbar überzeugender mit ihrer politischen Botschaft verbinden. Ihr Wahlkampf konzentrierte sich stärker auf Mieterschutz, soziale Sicherheit und die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Für viele Wählerinnen und Wähler scheint die Partei damit näher an den konkreten Problemen des Bezirks gewesen zu sein als die Grünen.

Die politische Verschiebung lässt sich deshalb nicht allein mit einem allgemeinen Protest gegen die Grünen erklären. Vielmehr geht es um eine veränderte Prioritätensetzung. Klimaschutz und nachhaltige Mobilität bleiben wichtige Themen, doch sie stehen für viele Menschen nicht isoliert im Mittelpunkt. Wenn die eigene Wohnung bedroht ist oder die Lebenshaltungskosten steigen, wird politische Glaubwürdigkeit zunehmend daran gemessen, ob eine Partei unmittelbare soziale Sicherheit verspricht.

Die Linke hat diese Verbindung zwischen Stadtentwicklung und sozialer Frage konsequent genutzt. Friedrichshain-Kreuzberg wurde damit vom natürlichen grünen Milieu zu einem Schauplatz, an dem sich entscheidet, welche progressive Partei die Alltagssorgen der Bevölkerung am besten artikuliert.

Elif Eralp als Gesicht des Erfolgs

Eine zentrale Rolle spielt Elif Eralp. Die Linke-Spitzenkandidatin trat in Friedrichshain-Kreuzberg an und gewann ihren Wahlkreis mit großem Vorsprung. Ihr Erfolg ist nicht nur rechnerisch bemerkenswert. Er zeigt auch, dass die Linke im Bezirk ein personelles Angebot machen konnte, das über die klassische Parteibindung hinaus Wirkung entfaltete.

Eralp verband den Anspruch auf soziale Veränderung mit einer klaren politischen Präsenz. Ihr starkes Ergebnis dürfte die innerparteiliche Position der Berliner Linken zusätzlich stärken. Die Partei gewann die Berlin-Wahl insgesamt deutlich und wurde stärkste Kraft. Elif Eralp erklärte anschließend, sie sehe darin einen Regierungsauftrag und bekräftigte ihr Ziel, Regierende Bürgermeisterin zu werden.

Der Sieg im eigenen Wahlkreis liefert ihr dafür ein wichtiges Argument. Eine Spitzenkandidatin, die ihren Wahlkreis mit deutlichem Abstand gewinnt, kann innerhalb der Partei und bei möglichen Koalitionspartnern selbstbewusst auftreten. Friedrichshain-Kreuzberg wird dadurch nicht nur zum Symbol für den Aufstieg der Linken, sondern auch zur politischen Ausgangsbasis für Eralps weitere Ambitionen.

Das Ende einer grünen Selbstverständlichkeit

Für die Grünen stellt sich nun eine grundsätzliche Frage: Warum konnte eine Partei, die in Friedrichshain-Kreuzberg über Jahrzehnte fest verankert war, innerhalb einer Wahlperiode so stark an Unterstützung verlieren?

Ein Teil der Antwort liegt in der Konkurrenz durch die Linke. Lange Zeit konnten sich die Grünen darauf verlassen, dass progressive, urbane und gesellschaftspolitisch liberale Wählerinnen und Wähler automatisch bei ihnen landeten. Diese Bindung scheint schwächer geworden zu sein. Die Linke hat sich in sozialen und stadtpolitischen Fragen als glaubwürdige Alternative positioniert und dabei offenbar auch Stimmen aus dem früheren grünen Lager gewonnen.

Hinzu kommt die zunehmende Politisierung lokaler Konflikte. Verkehrsprojekte, Parkraumbewirtschaftung, Bauvorhaben, die Umgestaltung von Straßen und der Umgang mit öffentlichen Plätzen werden in Berlin nicht nur sachlich, sondern als Fragen sozialer Gerechtigkeit bewertet.

Eine Maßnahme, die aus Sicht der Grünen dem Klimaschutz dient, kann von anderen als zusätzliche Belastung wahrgenommen werden – etwa von Gewerbetreibenden, Familien oder Menschen mit niedrigerem Einkommen. Die Grünen müssen deshalb klären, wie sie ökologische Ziele mit sozialer Entlastung verbinden wollen.

Eine rein moralische Kommunikation dürfte in einem Bezirk, in dem Verteilungskämpfe besonders sichtbar sind, nicht ausreichen. Wer politische Mehrheiten zurückgewinnen will, muss erklären, wie Klimaschutz bezahlbar bleibt und welche konkreten Vorteile er für die Bevölkerung bringt.

Friedrichshain-Kreuzberg als Warnsignal für Berlin

Die Entwicklung im Bezirk fügt sich in ein größeres Berliner Muster ein. Die Linke wurde bei der Abgeordnetenhauswahl stärkste Kraft und konnte ihren Stimmenanteil im Vergleich zu 2023 deutlich ausbauen. Die Grünen verloren landesweit spürbar an Zustimmung.

Friedrichshain-Kreuzberg ist dabei der deutlichste Ausdruck einer breiteren Verschiebung. Auch bei der Bezirksverordnetenversammlung erzielte die Linke das stärkste Ergebnis und lag klar vor den Grünen.

Für die Berliner Grünen bedeutet das, dass sie nicht nur über einzelne Wahlkampffehler oder unglückliche Kandidatenaufstellungen sprechen können. Der Verlust der Hochburg weist auf ein strukturelles Problem hin. Die Partei muss ihre Verbindung zur traditionellen Kernwählerschaft erneuern und zugleich neue Gruppen erreichen.

Dabei wird auch die politische Kommunikation eine Rolle spielen. Viele Menschen informieren sich heute über eine Mischung aus klassischen Nachrichtensendungen, sozialen Netzwerken und digitalen Livestreams. Angebote wie rbb24, die Berichterstattung der rbb 24 Moderatoren, der rbb24 Inforadio Livestream oder der Inforadio rbb Live Stream begleiten solche Wahlabende und prägen, welche Themen öffentlich wahrgenommen werden.

Die Grünen müssen ihre politischen Entscheidungen daher nicht nur treffen, sondern verständlicher und konkreter vermitteln. Abstrakte Zielsetzungen reichen nicht mehr aus, wenn Wählerinnen und Wähler wissen möchten, wie sich politische Beschlüsse auf Miete, Mobilität, Arbeit und den Alltag auswirken.

Welche Folgen die Wahl haben kann

Der Machtwechsel dürfte mehrere Konsequenzen haben. Zunächst wird die Linke in Friedrichshain-Kreuzberg mit größerem Selbstvertrauen in die parlamentarische Arbeit gehen. Die Partei kann sich darauf berufen, nicht nur von einer Proteststimmung profitiert, sondern in einem ihrer wichtigsten Berliner Bezirke breite Zustimmung erhalten zu haben.

Für die Grünen beginnt dagegen eine Phase der Neuorientierung. Besonders die Niederlage in den Direktwahlkreisen schmerzt, weil sie den Verlust lokaler Netzwerke und persönlicher Mandate bedeutet. Direkt gewählte Abgeordnete verfügen meist über eine besonders enge Verbindung zu ihrem Wahlkreis. Ihr Ausscheiden kann die öffentliche Präsenz der Grünen im Bezirk spürbar schwächen.

Inhaltlich dürfte die soziale Stadtpolitik noch stärker in den Mittelpunkt rücken. Mietregulierung, kommunaler Wohnungsbau, Verdrängung, öffentliche Daseinsvorsorge und der Umgang mit sozialen Brennpunkten werden zentrale Themen bleiben. Gleichzeitig wird die Linke zeigen müssen, ob sie aus dem Wahlerfolg konkrete politische Ergebnisse entwickeln kann.

Denn ein starkes Wahlergebnis ist noch kein Regierungsprogramm. Die Partei muss beweisen, dass sie bezahlbaren Wohnraum schaffen, die Verwaltung effizienter machen und Konflikte im Bezirk praktisch lösen kann. Gerade in Friedrichshain-Kreuzberg sind die Erwartungen hoch – und die politischen Auseinandersetzungen intensiv.

Ein Signal über den Bezirk hinaus

Der Verlust Friedrichshain-Kreuzbergs ist für die Grünen deshalb so wichtig, weil er eine politische Gewissheit beendet. Der Bezirk ist nicht länger automatisch grün. Progressive Wählerinnen und Wähler entscheiden sich dort offenbar stärker nach sozialen und wirtschaftlichen Fragen – und nicht allein nach ökologischen oder gesellschaftspolitischen Grundüberzeugungen.

Für die Linke eröffnet sich damit eine große Chance. Sie kann Friedrichshain-Kreuzberg als Beleg dafür präsentieren, dass sie in der modernen Großstadt wieder mehrheitsfähig ist. Für die Grünen hingegen ist das Ergebnis ein Weckruf: Wer seine traditionelle Hochburg zurückgewinnen will, muss den Alltag der Menschen wieder stärker zum Ausgangspunkt der eigenen Politik machen.

Die ausführliche Wahlberichterstattung von rbb24, die Analysen der rbb 24 Moderatoren und die laufende Einordnung im rbb24 Inforadio Livestream werden in den kommenden Tagen vermutlich genau diese Fragen begleiten. Entscheidend ist jedoch nicht nur, wie die Parteien das Ergebnis kommentieren. Entscheidend wird sein, ob sie aus dem politischen Wandel Konsequenzen ziehen.

Friedrichshain-Kreuzberg hat gezeigt, dass selbst langjährige Hochburgen nicht dauerhaft vergeben sind. Die Grünen haben dort eine Ära verloren. Die Linke muss nun beweisen, dass ihr Sieg der Beginn einer neuen politischen Ordnung ist – und nicht lediglich das Ergebnis eines besonders erfolgreichen Wahlabends.

Quellen

Grüne verlieren Berliner Hochburg Friedrichshain-Kreuzberg
Linke erobern Grünen-Hochburg: Das Ende einer Ära in Friedrichshain-Kreuzberg

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