25.09.2026
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Historiker widersprechen Merz: Warum der Streit um „Remigration“ mehr als ein Wortgefecht ist

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@2026 WELT TV

Generaldebatte: Friedrich Merz hat der AfD im Bundestagvorgeworfen, mit ihrem Konzept der „Remigration“ eine „ethnische Säuberung nach Hautfarbe und Herkunft“ anzustreben. Zwei Historiker halten diesen historischen Vergleich jedoch für unzutreffend. Die Auseinandersetzung zeigt, wie stark sich der politische Streit über Migration zugespitzt hat – und warum eine präzise Sprache gerade in aufgeheiztenZeiten unverzichtbar ist.

Ein Begriff mit historischem Gewicht

Die Äußerung von Merz fiel während der Generaldebatte zum Bundeshaushalt. Der Bundeskanzler verband die AfD-Forderung nach „Remigration“ mit den möglichen Folgen für das deutsche Arbeitsleben. Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte seien in Handwerk, Pflege, Krankenhäusern und Gastronomie beschäftigt. Ein umfassender Wegzug dieser Menschen würde nach seiner Einschätzung zentrale Bereiche des Landes empfindlich treffen.

Politisch war die Aussage als Warnung gemeint. Merz wollte offenbar deutlich machen, dass hinter dem scheinbar technischen Begriff „Remigration“ nicht nur die Rückführung ausreisepflichtiger Personen stehen könnte, sondern auch weitergehende Vorstellungen über Zugehörigkeit, Herkunft und deutsche Staatsbürgerschaft.

Historisch ist der Begriff „ethnische Säuberung“ allerdings außerordentlich belastet. Er wird in der Forschung vor allem für organisierte Vertreibungen ganzer Bevölkerungsgruppen verwendet, häufig unter Einsatz von Gewalt, Einschüchterung und Zwang. Andreas Rödder, Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und CDU-Mitglied, hält den Vergleich deshalb für falsch. Die migrationspolitischen Positionen der AfD könne man ablehnen, eine ethnische Säuberung im historischen Sinn seien sie jedoch nicht.

Auch der emeritierte Historiker Michael Wolffsohn sieht in den offiziellen AfD-Forderungen keinen erkennbaren Plan für gewaltsame Vertreibungen. Beide Wissenschaftler kritisieren damit nicht grundsätzlich die AfD, sondern die historische Einordnung durch den Kanzler.

Was meint die AfD mit Remigration?

Der Streit ist auch deshalb so schwer aufzulösen, weil „Remigration“ von der AfD nicht immer einheitlich verwendet wird. In ihrer aktuellen parlamentarischen Darstellung meint die Partei damit vor allem die konsequente Abschiebung ausreisepflichtiger Ausländer nach geltendem Recht. Diese Definition umfasst Personen, deren Aufenthalt in Deutschland beendet werden muss, etwa nach einer abgelehnten Asylentscheidung.

Die politische Debatte reicht jedoch deutlich weiter. Einzelne AfD-Vertreter und Vertreter des parteinahen Umfelds haben in der Vergangenheit eine „millionenfache Rückführung“ gefordert. Dabei ging es nicht ausschließlich um Menschen ohne Aufenthaltsrecht, sondern teilweise auch um Zugewanderte und ihre Nachkommen, die rechtlich in Deutschland leben oder die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen.

Genau diese unterschiedlichen Aussagen bilden den Kern des Konflikts. Die AfD verweist auf die rechtsstaatliche Abschiebung ausreisepflichtiger Personen. Kritiker befürchten hingegen, dass der Begriff bewusst offen gehalten wird, um später auch Menschen mit gesichertem Aufenthaltsstatus oder deutscher Staatsangehörigkeit einzubeziehen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Was steht in einem offiziellen Parteiprogramm? Ebenso wichtig ist, was führende Funktionäre öffentlich fordern, welche Gruppen sie ansprechen und wie weit der Begriff in politischen Kampagnen ausgelegt wird.

Warum Merz’ Wortwahl problematisch ist

Die Kritik der Historiker bedeutet nicht, dass Merz’ politische Warnung gegenstandslos wäre. Der Bundeskanzler kann die AfD mit Blick auf ihre migrationspolitischen Forderungen scharf kritisieren. Problematisch wird es dort, wo ein Begriff aus der Geschichte verwendet wird, der eine konkrete Verbindung zu systematischer Gewalt und Vertreibung enthält.

Eine solche Zuspitzung kann drei Folgen haben. Erstens verschiebt sie die Diskussion von den konkreten politischen Plänen auf die Wortwahl des Kanzlers. Zweitens liefert sie der AfD die Möglichkeit, sich als Opfer einer ungerechtfertigten Diffamierung darzustellen. Drittens erschwert sie eine sachliche Prüfung der tatsächlichen Forderungen.

In der Generaldebatte sollte es deshalb nicht nur um moralische Abgrenzung gehen, sondern auch um überprüfbare Fragen: Wer soll Deutschland verlassen? Nach welchen Kriterien? Welche Rechte gelten für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit? Wie sollen Familien, Unternehmen und Kommunen mit möglichen Folgen umgehen? Und welche Maßnahmen wären überhaupt mit dem Grundgesetz vereinbar?

Je schwerer der Vorwurf, desto genauer müssen die Belege sein. Das gilt für jede politische Partei – auch für die AfD.

Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Kern

Merz verwies in seiner Rede auf die praktische Bedeutung von Menschen mit Migrationshintergrund für die deutsche Wirtschaft. Dieser Punkt wird in der politischen Auseinandersetzung häufig unterschätzt. Deutschland ist in vielen Branchen auf ausländische Arbeitskräfte und auf Menschen angewiesen, deren Familien seit Jahrzehnten eingewandert sind.

Ein umfassendes Programm zur Rückführung von Millionen Menschen hätte daher nicht nur eine rechtliche und humanitäre Dimension. Es würde auch den Arbeitsmarkt, die Rentenfinanzierung, den Wohnungsmarkt und die kommunale Infrastruktur betreffen. Besonders angespannt wäre die Lage in Pflege, Medizin, Logistik, Baugewerbe, Gastronomie und Industrie.

Dabei sollte die wirtschaftliche Abhängigkeit nicht als Argument dienen, jede migrationspolitische Kritik zurückzuweisen. Staaten müssen entscheiden dürfen, wer einreisen und dauerhaft bleiben kann. Gleichzeitig müssen politische Forderungen realistisch, rechtssicher und gesellschaftlich umsetzbar sein.

Die zentrale Unterscheidung lautet: Die Abschiebung ausreisepflichtiger Personen ist ein staatliches Verfahren auf Grundlage des Aufenthaltsrechts. Die Entfernung von Menschen wegen ihrer ethnischen Herkunft oder ihrer familiären Wurzeln wäre dagegen ein grundlegend anderer Vorgang. Genau diese Grenze muss in der Generaldebatte klar benannt werden.

Die AfD profitiert von der Eskalation

Die scharfe Formulierung des Kanzlers hat der AfD eine zusätzliche Angriffsfläche gegeben. Parlamentarischer Geschäftsführer Bernd Baumann wies den Vorwurf zurück und erklärte, die Partei meine mit „Remigration“ lediglich die Rückführung ausreisepflichtiger Ausländer nach Recht und Gesetz. Stephan Brandner griff Merz in einer Talkshow persönlich an und bezeichnete dessen Auftritt als völlig unangemessen.

Solche Reaktionen sind Teil einer bekannten politischen Dynamik: Je drastischer der Vorwurf, desto leichter lässt sich die inhaltliche Debatte durch Empörung ersetzen. Die AfD kann sich auf die Definition des Rechtsstaats berufen, während ihre Gegner auf frühere oder radikalere Aussagen aus dem parteinahen Umfeld verweisen.

Für die Öffentlichkeit entsteht dadurch ein schwer durchschaubares Bild. Wer die Positionen der Partei bewerten will, muss zwischen offiziellen Programmen, Äußerungen einzelner Funktionäre und Forderungen aus der politischen Bewegung rund um die AfD unterscheiden.

Das gilt auch für die Berichterstattung. Schlagworte wie „ethnische Säuberung“, „Massenabschiebung“ oder „offene Grenzen“ erzeugen Aufmerksamkeit, ersetzen aber keine genaue Analyse. Im Zeitgeschehen im Fokus sollte deshalb stehen, welche konkreten Maßnahmen tatsächlich beschlossen, beantragt oder öffentlich gefordert werden.

Was jetzt politisch folgen muss

Die Debatte könnte langfristig zu einer Präzisierung der AfD-Positionen führen. Wenn die Partei behauptet, ausschließlich ausreisepflichtige Ausländer abschieben zu wollen, müsste sie klar erklären, ob Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit ausdrücklich ausgeschlossen sind. Ebenso müsste sie offenlegen, wie sie mit Familien, Doppelstaatlern und Personen umgehen will, deren Aufenthalt rechtlich gesichert ist.

Auch die Bundesregierung steht unter Druck. Nach der Generaldebatte reicht es nicht, die AfD mit historischen Vergleichen zu bekämpfen. Notwendig wären nachvollziehbare Zahlen zur Rückführung, schnellere Gerichtsverfahren, funktionierende Abkommen mit Herkunftsstaaten und eine klare Integrationspolitik.

Andere Themen, die in sozialen Netzwerken unter Suchbegriffen wie „scholz sanierungskonzepte“, „whatsapp sprüche politik aktuell“ oder „friedrich merz hymne“ kursieren, können die politische Aufmerksamkeit kurzfristig auf Nebenschauplätze lenken. Für die demokratische Debatte entscheidend bleibt jedoch, ob Parteien konkrete Lösungen anbieten und ihre Begriffe eindeutig erklären.

Die Generaldebatte hat damit ein grundlegendes Problem sichtbar gemacht: Migration wird zunehmend nicht mehr nur als Sachthema verhandelt, sondern als Kampf um nationale Identität. Gerade deshalb müssen Regierung und Opposition darauf achten, historische Begriffe nicht leichtfertig einzusetzen. Wer zu stark übertreibt, schwächt möglicherweise die eigene Warnung und stärkt den politischen Gegner.

Ein Streit mit Folgen für die politische Kultur

Der Widerspruch von Rödder und Wolffsohn sollte nicht als Entlastung der AfD missverstanden werden. Er ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass politische Kritik und historische Genauigkeit zusammengehören. Die AfD muss sich an ihren tatsächlichen Aussagen messen lassen. Merz muss erklären, warum er einen Begriff verwendet hat, der nach Einschätzung mehrerer Historiker den historischen Sachverhalt nicht korrekt beschreibt.

Für die kommenden Wahlkämpfe dürfte die Auseinandersetzung prägend bleiben. Die AfD wird „Remigration“ vermutlich weiter als Symbol für eine härtere Migrationspolitik nutzen. Andere Parteien werden versuchen, die möglichen Folgen dieser Politik herauszustellen. Ob daraus eine sachliche Diskussion entsteht, hängt maßgeblich davon ab, ob Begriffe definiert und politische Konsequenzen konkret benannt werden.

Die Generaldebatte hat gezeigt: Nicht jede scharfe Formulierung ist automatisch eine starke politische Aussage. Manchmal ist die präzise Beschreibung wirksamer als der historische Superlativ. Und gerade beim Thema Migration entscheidet sich an der Sprache, ob eine Debatte zur Aufklärung beiträgt – oder nur die nächste Eskalationsstufe vorbereitet.

Quellen

Nach Aussage über „ethnische Säuberung“ – Historiker kritisieren Wortwahl von Merz
Abschiebungen mit Panzern und Drohnen?


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