Rothschild – dieser Name stehtseit mehr als zwei Jahrhunderten für finanziellen Einfluss, historische Bedeutung und kulturelles Engagement. Mit dem Tod von Jacob Rothschild, Lord Rothschild, im Februar 2024 endet eine Ära, die die europäische Finanzgeschichte ebensoprägte wie die Philanthropie in Kunst und Kulturerbe. Doch wer war dieser Mann wirklich, und welche Spuren hinterlässtdie Familie Rothschild heute in einer Welt, die sich wirtschaftlich und gesellschaftlich grundlegend gewandelt hat?
Vom privilegierten Erben zum eigenständigen Finanzstrategen
Jacob Nathaniel Charles Rothschild wurde am 29. April 1936 in Cambridge geboren – als Sohn des Zoologen und Geheimdienstmitarbeiters Victor Rothschild und der Künstlerin Barbara Hutchinson, die dem Bloomsbury-Kreis nahestand. Seine Kindheit war von der schwierigen Scheidung der Eltern geprägt, als er neun Jahre alt war. Trotz dieser emotionalen Belastungen wuchs er in privilegierten Verhältnissen auf, besuchte das Eton College und studierte Geschichte am Christ Church College in Oxford, wo er mit einem erstklassigen Abschluss abschnitt.
Statt einer akademischen Laufbahn zu folgen, trat er 1963 in das Familienunternehmen NM Rothschild ein – die Merchant Bank, die sein Vorfahr Nathan Mayer Rothschild Anfang des 19. Jahrhunderts in London gegründet hatte. Jacob drängte darauf, die Bank wettbewerbsfähiger und innovativer zu gestalten. Er sprach von einer „Bank des Verstandes”, die Deals sucht und gestaltet – etwa die Finanzierung der Trans-Alaska-Pipeline in den 1960er-Jahren oder die Übernahme der Brauerei Watney Mann durch Grand Metropolitan im Jahr 1972.
Doch als 1976 der Vorsitz der Bank vakant wurde, entschied sich sein Vater Victor zugunsten des konservativeren Cousins Evelyn Rothschild. Jacob übernahm stattdessen die Leitung des kleinen Investmenttrusts der Bank. Was folgte, war eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte: Aus einer Kapitalisierung von fünf Millionen Pfund machte er bis zu seinem Rücktritt 2019 ein Vermögen von mehr als drei Milliarden Pfund – den größten Investmenttrust Großbritanniens.
Der Bruch mit der Familienbank und der Aufstieg von RIT Capital Partners
In den späten 1970er-Jahren kam es zum endgültigen Bruch zwischen Jacob und seinem Cousin Evelyn. Jacob verkaufte seine Anteile an der Familienbank und führte den Investmenttrust als unabhängiges Unternehmen weiter – unter dem neuen Namen J Rothschild Holdings mit Hauptsitz in St James’s, London. Das Unternehmen florierte und übertraf bald die traditionelle Familienbank. Es profitierte stark von der Privatisierungswelle unter Margaret Thatcher in den 1980er-Jahren.
Zu den Beteiligungen gehörten Plantagen in Asien, Immobilien in Paris, das elektronische Bezahlsystem Paypoint, die Zeitschrift The Economist und das Textilunternehmen Coats Viyella. 1988 spaltete sich das Unternehmen in St James’s Place Capital und RIT Capital Partners auf. RIT bezog Spencer House – das Londoner Stammhaus der Familie von Prinzessin Diana – und renovierte das historische Anwesen.
Nicht alle Deals waren erfolgreich: Der versuchte Übernahmeversuch von Distillers durch Guinness im Jahr 1986 scheiterte spektakulär, und ein 13-Milliarden-Pfund-Versuch, British American Tobacco zu übernehmen, scheiterte 1989 ebenfalls. Doch persönlich wurde Jacob Rothschild von Vorwürfen im Guinness-Skandal freigesprochen.
Philanthropie als Lebensaufgabe: Kunst, Kulturerbe und jüdische Wohltätigkeit
Neben seiner finanziellen Karriere war Jacob Rothschild ein leidenschaftlicher Philanthrop. Sein kulturelles Engagement begann früh: Mit 22 Jahren kaufte er sein erstes Kunstwerk – eine Skulptur von Alberto Giacometti. Er las Kunstkataloge „wie andere Comics”, wie er selbst sagte, und wurde zu einem begeisterten Sammler.
Von 1985 bis 1991 saß er als Vorsitzender den Treuhändern der National Gallery vor. In dieser Zeit beauftragte er neue Architekten für die Erweiterung der Galerie, nachdem Prinz Charles das ursprüngliche Design als „monströsen Karbunkel” kritisiert hatte. Später leitete er den National Heritage Memorial Fund (1992-1998) und den Heritage Lottery Fund (1995-1998), die unter anderem die Renovierung und Öffnung von Somerset House im Zentrum Londons ermöglichten.
Ein zentrales Projekt war Waddesdon Manor – das im 19. Jahrhundert erbaute, schlossartige Anwesen der Familie in Buckinghamshire. Das Haus war 1957 dem National Trust vermacht worden, und Jacob übernahm 1988 die Verwaltung im Namen des Trusts. Unter seiner Führung wurde das Anwesen von 1990 bis 1997 umfassend restauriert, die Besucherattraktionen erweitert und die jährlichen Besucherzahlen auf über 300.000 gesteigert. Die Rothschild Foundation, die das Anwesen gemeinsam mit dem National Trust betreut, unterstützt bis heute Kunst, Kulturerbe, Umwelt und soziale Wohlfahrt durch Zuschüsse und Dialogförderung.
Darüber hinaus engagierte sich Rothschild in der jüdischen Gemeinschaft. Als Mitglied der Reform-Synagoge und Präsident des Institute of Jewish Affairs erbte er die israelische Familienstiftung Yad Hanadiv. Diese finanzierte den Bau der Knesset, des israelischen Obersten Gerichtshofs und der Nationalbibliothek sowie Bildungsprojekte für jüdische und arabische Kinder. 1998 wurde er zum Ritter geschlagen, 2002 in den Order of Merit aufgenommen.
Die Rothschilds heute: Vom Bankimperium zur diversifizierten Vermögensverwaltung
Wer sind die Rothschilds eigentlich heute? Die Familie, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert in Frankfurt zurückreichen, baute ab den 1760er-Jahren unter Mayer Amschel Rothschild ein internationales Bankimperium auf. Seine fünf Söhne etablierten Niederlassungen in London, Paris, Frankfurt, Wien und Neapel – und finanzierten im 19. Jahrhundert Regierungen, Kriege, Eisenbahnen und Infrastrukturprojekte.
Doch im 20. Jahrhundert veränderte sich die Landschaft. Die traditionelle Familienbank NM Rothschild & Sons verkaufte 2003 ihre Beteiligung am Investmentbanking an die französische Gruppe Banque Rothschild und konzentrierte sich auf Vermögensverwaltung und Beratung. Heute ist die Familie Rothschild nicht mehr die dominierende Finanzmacht des 19. Jahrhunderts, sondern agiert als diversifizierter Vermögensverwalter, Weinproduzent und Philanthrop.
Rothschild heute bedeutet also nicht mehr primär politische Einflussnahme durch Kredite an Staaten, sondern nachhaltige Vermögenssicherung, kulturelles Mäzenatentum und gesellschaftliches Engagement. Das Vermögen von Jacob Rothschild wurde zuletzt auf mindestens 825 Millionen Pfund geschätzt – aufgebaut durch kluge Investitionen und Erbschaften, darunter das 90-Millionen-Pfund-Vermögen seiner Cousine Dollie de Rothschild.
Zukunftsperspektiven: Was bleibt vom Rothschild-Erbe?
Mit Jacob Rothschilds Tod endet eine Generation, die noch direkt im Familienunternehmen tätig war und die Transformation von der traditionellen Merchant Bank zur modernen Vermögensverwaltung miterlebte. Seine vier Kinder – Nathaniel, Hannah, Beth und Emily – führen das Erbe fort, wobei Nathaniel Charles Jacob Rothschild den Titel des 5. Baron Rothschild geerbt hat.
Die Rothschild Foundation bleibt ein zentraler Pfeiler des familiären Engagements. Mit Waddesdon Manor als „lebendigem Emblem” ihrer Mission unterstützt die Stiftung langfristig Projekte in Kunst, Gemeinschaft und Umwelt. In einer Zeit, in der private Stiftungen zunehmend an Bedeutung gewinnen, um Lücken in der öffentlichen Kulturförderung zu schließen, ist dieses Modell beispielhaft.
Wer ist Rothschild also im 21. Jahrhundert? Nicht länger der allmächtige Bankier, der europäische Kriege finanziert, sondern ein Mäzen, Sammler und Bewahrer kulturellen Erbes. Die Familie hat gelernt, sich anzupassen – von der Finanzierung der Schlacht bei Waterloo über die Beteiligung am Suezkanal bis hin zur Unterstützung zeitgenössischer Kunst und sozialer Projekte.
Ein Vermächtnis jenseits des Geldes
Jacob Rothschild selbst sagte 2012 im Sunday Times-Interview: „Wir sind nicht so reich wie Familien, die im Ausland leben und keine Steuern zahlen, und wir glauben an die Great Society. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Dinge am Laufen zu halten.” Diese Worte spiegeln ein Selbstverständnis wider, das über reine Vermögensanhäufung hinausgeht: Verantwortung für das kulturelle Erbe, für die Gemeinschaft und für die Zukunft.
Sein Tod markiert das Ende einer Ära, doch das Vermächtnis der Rothschild-Familie lebt weiter – nicht durch politische Macht oder finanzielle Dominanz, sondern durch Stiftungen, Museen, restaurierte Schlösser und Bildungsprojekte. In einer Welt, die zunehmend von kurzfristigem Denken geprägt ist, steht dieses Modell für langfristiges, generationenübergreifendes Engagement.
Die Frage „Wer sind die Rothschilds?” lässt sich also nicht mehr mit einem Wort beantworten. Sie sind Bankiers, ja – aber auch Kunstsammler, Stiftungsgründer, Denkmalpfleger und Philanthropen. Und vielleicht ist genau diese Vielfalt das eigentliche Erbe, das Jacob Rothschild hinterlässt: die Fähigkeit, Reichtum nicht nur zu mehren, sondern ihn sinnvoll einzusetzen – für Kunst, für Kultur, für die Gesellschaft.
Quellen
Nachruf auf Lord Rothschild
Lord Jacob Rothschild: einer der führenden britischen Finanziers und Kunstmäzene – Nachruf






