Strompreis und Vertragsbedingungen sind fürviele Haushalte schwer zu durchschauen. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Gerade Menschen, die ihre Ausgaben besonders genau kontrollieren müssen, bleiben häufig in teuren Tarifen – und zahlen dadurch jedes Jahr mehrere hundert Euro mehrals nötig. Betroffen sind vor allem Rentnerinnen und Rentner, Arbeitslose sowie Haushalte mit geringem Einkommen.
Das Problem liegt dabei nicht allein an hohen Energiepreisen. Entscheidend ist auch, welcher Tarif abgeschlossen wurde, wie lange er besteht und ob der Anbieterwechsel regelmäßig geprüft wird. Wer sich jahrelang nicht mit seinem Vertrag beschäftigt, wird im Energiemarkt schnell zum sogenannten passiven Verbraucher.
Strompreis entscheidet sich nicht nur am Verbrauch
Wie viel ein Haushalt für Elektrizität bezahlt, hängt zunächst vom Verbrauch ab. Eine ebenso wichtige Rolle spielt jedoch der Arbeitspreis pro Kilowattstunde. Bereits wenige Cent Unterschied können die jährliche Rechnung deutlich verändern.
Bei einem Verbrauch von 3.000 Kilowattstunden ergeben sich beispielhaft folgende Kosten:
| Preis pro kWh | Jährliche Kosten |
|---|---|
| 42 Cent | 1.260 Euro |
| 33 Cent | 990 Euro |
| 30 Cent | 900 Euro |
Zwischen 42 und 30 Cent pro Kilowattstunde liegen in diesem Beispiel 360 Euro im Jahr. Für einen Haushalt mit kleiner Rente oder knappem Monatsbudget ist das kein nebensächlicher Betrag. Er kann darüber entscheiden, ob am Monatsende noch Geld für Medikamente, Reparaturen oder Lebensmittel übrig bleibt.
Die Diskussion über den Strompreis darf deshalb nicht nur auf Großhandelspreise, Netzentgelte oder staatliche Abgaben reduziert werden. Für Verbraucher zählt am Ende vor allem die konkrete Rechnung. Zwei Haushalte in derselben Straße können bei ähnlichem Verbrauch völlig unterschiedliche Beträge zahlen, wenn sie in verschiedenen Tarifen sind.
Wer besonders häufig im teuren Tarif bleibt
Eine von YouGov im Auftrag von Octopus Energy durchgeführte Befragung unter 3.157 Personen deutet auf ein klares Muster hin. Als passive Verbraucher gelten Haushalte, die in den vergangenen drei Jahren ihren Stromanbieter nicht gewechselt haben. Nur 36 Prozent dieser Gruppe wussten, wie hoch ihr aktueller Kilowattstundenpreis ist.
Besonders häufig gehören Rentnerinnen und Rentner zu den Nicht-Wechslern. In der Umfrage wurden 55 Prozent der älteren Befragten dieser Gruppe zugerechnet. Bei Arbeitslosen lag der Anteil bei 49 Prozent, bei Menschen mit Migrationshintergrund bei 43 Prozent. Haushalte mit höherem Einkommen wechseln dagegen häufiger ihren Anbieter oder überprüfen zumindest regelmäßig ihre Vertragsbedingungen.
Diese Unterschiede sind nicht zwangsläufig auf Desinteresse zurückzuführen. Ein Anbieterwechsel kann kompliziert wirken, wenn Fachbegriffe wie Arbeitspreis, Grundpreis, Preisgarantie, Bonus, Laufzeit und Kündigungsfrist zusammenkommen. Ältere Menschen haben außerdem häufiger Sorge, bei einem Wechsel etwas falsch zu machen oder plötzlich ohne Versorgung dazustehen.
Diese Angst ist in der Regel unbegründet. Die Stromversorgung wird durch einen Anbieterwechsel nicht unterbrochen. Der Netzbetreiber bleibt zuständig, während sich lediglich der Lieferant und die Abrechnung ändern. Der neue Anbieter übernimmt häufig die Kündigung beim bisherigen Versorger.
Grundversorgung kostet oft besonders viel
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Grundversorgung. Wer nach einem Umzug keinen eigenen Stromvertrag abschließt, wird normalerweise vom örtlichen Grundversorger beliefert. Dieser Tarif stellt zwar sicher, dass der Haushalt jederzeit Strom erhält, ist aber nicht automatisch die günstigste Lösung.
Nach den Angaben aus der Umfrage zahlten Kundinnen und Kunden in der Grundversorgung durchschnittlich 42 Cent pro Kilowattstunde. Bestandskunden in anderen Tarifen kamen auf rund 33 Cent, Neukunden auf etwa 30 Cent. Die konkreten Preise können regional und zeitlich abweichen; das Grundproblem bleibt jedoch bestehen: Der bequemste Tarif ist häufig nicht der preiswerteste.
Viele Verbraucher überschätzen zudem die Qualität ihres Vertrags. Rund 60 Prozent der Grundversorgungskunden gingen laut Befragung davon aus, ungefähr den deutschen Durchschnittspreis zu bezahlen. Tatsächlich kann der Abstand zu einem günstigeren Sondertarif erheblich sein.
Die Verbraucherzentrale unterscheidet zwischen Grundversorgung und Sondervertrag. Wer einen speziellen Tarif abschließt, sollte die Vertragsunterlagen, Laufzeit und Kündigungsfristen prüfen. In der Grundversorgung ist ein Wechsel vergleichsweise flexibel: Haushaltskunden können den Vertrag grundsätzlich mit einer Frist von zwei Wochen kündigen
Neukundenbonus schafft falsche Anreize
Viele Anbieter werben Neukunden mit Boni und zeitlich begrenzten Rabatten. Dadurch wirkt ein Angebot im ersten Vertragsjahr besonders attraktiv. Nach Ablauf des Bonus kann sich die Rechnung jedoch deutlich verändern. Wer anschließend nicht erneut prüft, bleibt möglicherweise in einem Tarif, dessen Preis längst nicht mehr konkurrenzfähig ist.
Das führt zu einem strukturellen Ungleichgewicht: Aktive Kunden vergleichen, wechseln und erhalten Angebote. Passive Kunden bleiben häufig im bestehenden Vertrag und finanzieren indirekt die günstigen Einstiegskonditionen anderer Kundengruppen mit.
Allerdings ist nicht jeder günstige Neukundentarif automatisch empfehlenswert. Ein Bonus kann den ersten Jahrespreis künstlich senken, während der reguläre Preis im zweiten Jahr deutlich höher liegt. Verbraucher sollten daher nicht nur auf den angezeigten Gesamtbetrag achten, sondern auch auf:
- den Arbeitspreis ohne einmaligen Bonus,
- den monatlichen Grundpreis,
- die Dauer der Preisgarantie,
- die Vertragslaufzeit,
- die Kündigungsfrist,
- die Bedingungen für Bonuszahlungen,
- mögliche Einschränkungen bei Preiserhöhungen.
Portale und Suchbegriffe wie powerpreis24, selectra strom, stromauskunft de erfahrungen oder web.de strom können bei der Recherche auftauchen. Entscheidend ist jedoch nicht der Name eines Vergleichsangebots, sondern die Qualität der angezeigten Vertragsdaten. Ein Preisvergleich sollte immer mit der letzten Jahresrechnung abgeglichen werden.
Warum Information allein nicht ausreicht
Die Umfrage zeigt nicht nur ein Preisproblem, sondern auch ein Informationsproblem. Wer den eigenen Tarif nicht kennt, kann kaum beurteilen, ob ein Wechsel sinnvoll ist. Gleichzeitig erreichen Hinweise der Anbieter nicht immer diejenigen Menschen, die besonders viel zahlen.
Ein älterer Mensch, der seit Jahren denselben Vertrag nutzt, erhält möglicherweise keine verständliche Gegenüberstellung mit günstigeren Optionen. Stattdessen stehen auf der Rechnung komplizierte Angaben, Abschlagsbeträge und gesetzliche Hinweise. Das macht es schwer, den tatsächlichen Preis zu erkennen.
Ein sinnvoller Vergleich müsste deshalb mindestens drei Werte verständlich darstellen:
- den aktuellen Arbeitspreis,
- die voraussichtlichen Jahreskosten,
- die Kosten eines vergleichbaren Alternativtarifs.
Besonders wichtig wäre eine klare Information, wenn ein Haushalt in der Grundversorgung bleibt. Verbraucher sollten erfahren, dass die Grundversorgung zwar sicher und flexibel kündbar, aber nicht zwingend günstig ist.
Forderungen nach politischer Reform
Die Ergebnisse erklären, warum viele Menschen politische Eingriffe befürworten. 85 Prozent der Befragten würden es begrüßen, wenn Stromanbieter Bestandskunden aktiv über günstigere Tarife informieren müssten. 89 Prozent halten es für ungerecht, dass die attraktivsten Angebote überwiegend Neukunden vorbehalten sind. 62 Prozent wünschen sich eine gezieltere Unterstützung für Haushalte mit geringem Einkommen.
Denkbar wären mehrere Reformen:
- eine verständliche jährliche Tarifinformation für Bestandskunden,
- ein verpflichtender Hinweis auf günstigere Tarife desselben Anbieters,
- eine bessere Kennzeichnung von Grundversorgung und Sonderverträgen,
- Sozialtarife für besonders belastete Haushalte,
- strengere Transparenzregeln bei Boni und Anschlusskosten,
- kostenlose Beratungsangebote für ältere und einkommensschwache Menschen.
Ein Sozialtarif könnte allerdings nur dann funktionieren, wenn die Anspruchsberechtigung einfach und unbürokratisch geprüft wird. Zu komplizierte Verfahren würden gerade jene ausschließen, die Hilfe benötigen. Ebenso sollte eine Informationspflicht nicht zu Werbeschreiben führen, die lediglich einen weiteren teuren Vertrag verkaufen.
Was Verbraucher jetzt prüfen sollten
Der erste Schritt ist die letzte Jahresrechnung. Dort stehen der Verbrauch, der Arbeitspreis, der Grundpreis und meist auch die Tarifbezeichnung. Wer diese Angaben notiert, kann den eigenen Strompreis realistisch mit Alternativen vergleichen.
Danach sollten Verbraucher nicht nur den monatlichen Abschlag betrachten. Ein niedriger Abschlag bedeutet nicht automatisch einen günstigen Vertrag. Maßgeblich sind die erwarteten Gesamtkosten für ein Jahr.
Beim Wechsel sind außerdem folgende Punkte wichtig:
- Zählernummer und aktuellen Zählerstand bereithalten.
- Den Jahresverbrauch aus der letzten Abrechnung übernehmen.
- Bonusbedingungen vollständig lesen.
- Auf Preisgarantie und Laufzeit achten.
- Den regulären Folgepreis nach dem ersten Jahr prüfen.
- Den Zählerstand am Wechseltag fotografieren.
- Die Bestätigung des neuen Anbieters und die Schlussrechnung aufbewahren.
Die Bundesnetzagentur weist darauf hin, dass ein Grundversorgungsvertrag mit zwei Wochen Frist gekündigt werden kann. Bei anderen Verträgen gelten die vereinbarten Bedingungen; nach der Erstlaufzeit darf die Kündigungsfrist grundsätzlich höchstens einen Monat betragen.
Der Strommarkt muss verständlicher werden
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass hohe Stromkosten nicht allein ein Problem der Energieerzeugung sind. Sie entstehen auch durch komplizierte Tarife, fehlende Transparenz und eine ungleiche Verteilung von Aufmerksamkeit. Wer Zeit, Wissen und Erfahrung hat, kann Angebote vergleichen. Wer diese Möglichkeiten nicht besitzt, bleibt eher im teuren Vertrag.
Für Rentner, Arbeitslose und Haushalte mit niedrigem Einkommen kann der Strompreis deshalb zu einer sozialen Frage werden. Ein jährlicher Tarifcheck sollte so einfach sein wie die Prüfung einer Versicherungsrechnung. Dafür braucht es verständliche Informationen, faire Angebote und einen besseren Schutz vor dauerhaft ungünstigen Bestandsverträgen.
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Nicht jeder hohe Strompreis lässt sich vermeiden, aber viele Haushalte zahlen mehr, als notwendig wäre. Ein Blick auf die letzte Rechnung und ein Vergleich der tatsächlichen Jahreskosten können bereits zeigen, ob der eigene Tarif noch zeitgemäß ist.
Quellen
Rentner und diese Gruppe zahlen die höchsten Strompreise
Grundversorgung oder Sondervertrag? Verträge bei Strom und Gas






