09.09.2026
4 Minuten Lesezeit

Warnung ignoriert? Die Netanjahu-Affäre vor der Wahl

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@2026 tagesschau

Benjamin Netanjahu steht im Zentrumeiner politischen Erschütterung, die Israel wenige Wochen vor der Parlamentswahl erfasst hat. Was als bekannte Kritik an der Sicherheitslage begann, hat durch neue Enthüllungen eine Dimension erreicht, die weit über den üblichenWahlkampf hinausgeht. Die Frage, was benjamin netanjahu vor dem 7. Oktober 2023 wusste – und was er damittat –, berührt das Fundament des öffentlichen Vertrauens in die Führung des Landes.

Eine Warnung, die nicht ankam

Laut einem investigativen Bericht der israelischen Zeitung Haaretz soll benjamin netanjahu Ende September 2023 ein rund 45-minütiges Telefongespräch mit Mohammed bin Zayed, dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), geführt haben. In diesem Gespräch habe der emiratische Staatschef eindringlich vor einem bevorstehenden Großangriff der Hamas gewarnt – nur etwa zehn Tage vor dem verheerenden Überfall am 7. Oktober, bei dem fast 1.200 Menschen getötet und rund 250 als Geiseln verschleppt wurden.

Besonders bemerkenswert: Das Telefonat soll über ein spezielles, direktes Kommunikationsgerät gelaufen sein, das eigens für vertrauliche Gespräche zwischen den beiden Führungspersönlichkeiten eingerichtet wurde. Bin Zayed habe benjamin netanjahu mehrfach gedrängt, die Bedrohung ernst zu nehmen. Doch der israelische Premierminister soll relativ gelassen reagiert und erklärt haben, die größere Gefahr gehe eher vom besetzten Westjordanland aus – nicht aus dem Gazastreifen.

Noch gravierender wiegt der Vorwurf, dass benjamin netanjahu diese Warnung für sich behielt. Er habe weder eine Sondersitzung des Sicherheitskabinetts einberufen noch die führenden Köpfe des israelischen Sicherheitsapparats informiert. Das Ergebnis war der Angriff, den Israel am 7. Oktober erlebte – mit allen tragischen Folgen, die bis heute nachwirken.

Dementi aus dem Premierministerbüro

Auf die Enthüllungen reagierte das Büro von benjamin netanjahu umgehend und scharf. Ein Sprecher bezeichnete den Haaretz-Bericht als „absolute Lüge” und stellte klar, dass der Ministerpräsident im fraglichen Zeitraum weder mit Mohammed bin Zayed telefoniert noch eine derartige Warnung erhalten habe. Topaz Luk, einer der engsten Berater von benjamin netanjahu, wies die Vorwürfe im Radio als typisches Wahlkampfgetöse zurück: Im Vorfeld von Wahlen kursierten viele Falschmeldungen, dies sei ein weiterer Versuch, die Wahrheit zu verschleiern.

Interessanterweise äußerte sich das Außenministerium der VAE nicht eindeutig bestätigend oder dementierend. In einer Pressemitteilung hieß es lediglich, dass Regierungsstellen der VAE und Israels seit Beginn ihrer Beziehungen vor mehr als fünf Jahren offene und direkte Kommunikationswege unterhielten. Bei Bedarf würden alle relevanten nachrichtendienstlichen Informationen zwischen den zuständigen Stellen ausgetauscht – eine Formulierung, die Raum für Interpretationen lässt.

Warum diese Enthüllung jetzt kommt

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist alles andere als zufällig. Ende Oktober 2025 steht in Israel eine neue Parlamentswahl an, und die Frage nach der Verantwortung für den 7. Oktober ist längst zu einem zentralen Wahlkampfthema geworden. Fast drei Jahre nach dem Massaker gibt es immer noch keine unabhängige staatliche Untersuchungskommission, die systematisch aufarbeitet, welche Fehler vor dem Angriff gemacht wurden – und wer dafür verantwortlich ist.

Für die Opposition kommt der Haaretz-Bericht genau zur rechten Zeit. In seltener Einmütigkeit haben die Vorsitzenden der vier wichtigsten Oppositionsparteien eine gemeinsame Erklärung verfasst: Die israelische Öffentlichkeit habe ein Recht zu erfahren, was am 7. Oktober geschehen ist. Sollten sie gewählt werden, würden sie unverzüglich eine staatliche Untersuchungskommission einsetzen. Damit wird die Aufarbeitung des 7. Oktober zu einer konkreten politischen Forderung – und benjamin netanjahu sieht sich mit einer Frage konfrontiert, die seine politische Zukunft direkt bedroht.

Die Autoren des Berichts, Shlomi Eldar und Ruth Yuval, weisen den Vorwurf der Wahlbeeinflussung entschieden zurück. Eldar erklärte im öffentlich-rechtlichen Sender Kan, die Recherche sei Teil eines längeren Buchprojektes, das erst jetzt fertig geworden sei. Er habe anderthalb Jahre recherchiert und drei unabhängige Quellen gefunden, seine Aussagen mit Dokumenten und Quervergleichen untermauert. „Ich hatte ständig Angst, dass die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangen würde”, so Eldar – ein Hinweis darauf, dass die Veröffentlichung keineswegs leichtfertig erfolgte.

Was auf dem Spiel steht

Die Affäre um benjamin netanjahu und die angebliche Warnung der VAE ist mehr als nur ein weiterer Skandal im ohnehin polarisierten israelischen Wahlkampf. Sie berührt eine fundamentale Frage: Hat die politische Führung ihre wichtigste Aufgabe erfüllt – den Schutz der Bürgerinnen und Bürger? Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten sollten, wäre dies nicht nur ein politisches, sondern möglicherweise auch ein strafrechtlich relevantes Versäumnis.

Der frühere israelische Ministerpräsident Naftali Bennett hat den Haaretz-Bericht bestätigt und erklärt, die Missachtung der Warnungen komme einer strafrechtlich relevanten Fahrlässigkeit gleich. Damit wird die Debatte um benjamin netanjahu auf eine neue Ebene gehoben: Es geht nicht mehr nur um politische Verantwortung, sondern um die Frage, ob hier fundamentale Pflichten des Staates verletzt wurden.

Gleichzeitig zeigt die Reaktion der VAE-Regierung, wie sensibel die diplomatischen Beziehungen in der Region sind. Die Abraham-Abkommen, die Israel mit mehreren arabischen Staaten normalisiert haben, sind ein zentrales außenpolitisches Projekt – und genau diese Abkommen sollen laut Bericht auch Gegenstand der Warnung von Mohammed bin Zayed gewesen sein. Er habe befürchtet, ein Hamas-Angriff könnte die gesamte Region destabilisieren und die Normalisierungsbemühungen gefährden.

Die Suche nach Wahrheit

Bislang bleibt die zentrale Frage offen: Gab es dieses Telefonat wirklich? Wenn ja, warum hat benjamin netanjahu geschwiegen? Und hätte der Angriff der Hamas – und damit auch der darauf folgende verheerende Krieg in Gaza – verhindert werden können? Diese Fragen werden Israel noch lange beschäftigen, unabhängig vom Wahlergebnis Ende Oktober.

Was bereits jetzt klar ist: Die Aufarbeitung des 7. Oktober 2023 ist nicht abgeschlossen. Die Forderung nach einer unabhängige Untersuchungskommission wird lauter, und die politischen Konsequenzen für benjamin netanjahu könnten erheblich sein. In einem Land, das von tiefen gesellschaftlichen Spaltungen geprägt ist, wird diese Affäre die Debatte über Sicherheit, Verantwortung und Vertrauen in die Führung weiter anheizen.

Die israelische Öffentlichkeit steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll sie einem Premierminister vertrauen, dem vorgeworfen wird, eine direkte Warnung ignoriert zu haben? Oder ist dies alles nur Wahlkampfgetöse, wie benjamin netanjahu und sein Umfeld behaupten? Die Antwort auf diese Frage wird nicht nur die Wahl Ende Oktober bestimmen, sondern möglicherweise auch die Zukunft Israels in einer ohnehin instabilen Region prägen.

Quellen

Was wusste Netanjahu vor dem 7. Oktober?
Netanjahu ignorierte laut Recherche prominente Warnung vor Hamas-Angriff


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