Papst Leo XIV. reist Ende Septembernach Frankreich – und löst in dem säkularen Land eine Welle der Begeisterung aus, die selbst die Organisatoren überrascht hat. Mehr als eine Million Menschen wollen den Papst live sehen, obwohl die französische Kirche seit Jahrzehntenmit schwindenden Mitgliedzahlen kämpft. Dieser scheinbare Widerspruch wirft die Frage auf: Was treibtdie Franzosen an, und hat dieser „Enthusiasmus” etwas mit dem bemerkenswerten Anstieg der Erwachsenentaufen zu tun?
Unerwarteter Besucheransturm übertrifft alle Prognosen
Vom 25. bis 28. September 2026 macht Papst Leo XIV. Station in Paris, Lourdes und Metz – und die Nachfrage nach Teilnahme übersteigt alle Erwartungen bei Weitem. Allein für die Messe auf der Place de la Concorde in Paris am 26. September haben sich bereits rund 600.000 Gläubige angemeldet, täglich gingen bis Mitte September noch etwa 8.000 neue Buchungen ein. „Das ist eine unerwartete Entwicklung, weil wir auf positive Weise von dem Andrang überrascht wurden”, gestand der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich bei der Vorstellung des Programms.
Aufgrund des enormen Interesses wurde der ursprünglich geplante Bereich für die Papstmesse deutlich erweitert. Die Gläubigen können nun nicht nur auf dem Platz selbst und entlang der Champs Élysées bis zum Triumphbogen die Messe auf Großbildschirmen verfolgen, sondern auch darüber hinaus in der Avenue de la Grande Armée – eine Strecke von insgesamt rund drei Kilometern. „Unser Ziel ist es, dass jede Person einmal den Papst live sehen kann. Diese persönliche Begegnung ist sehr wichtig”, betonte General Hervé Wattecamps, der für die Organisation in Paris verantwortlich ist.
Auch außerhalb der Hauptstadt zeigt sich der Ansturm: In Lourdes werden rund 150.000 Pilger für die Sonntagsmesse erwartet, und in Metz sind bereits einen Monat vor dem Besuch sämtliche Hotelzimmer ausgebucht. Für die Berichterstattung in Metz hatten sich 1.000 Journalisten um eine Akkreditierung beworben, von denen nur 400 zugelassen wurden – zusätzlich zu den 60 bis 75 Medienvertretern, die den Papst während der gesamten Reise begleiten.
Finanzierung im laizistischen Staat: Kirche bittet um Spenden
Die Gesamtkosten der Papst-Reise in Frankreich werden auf 27 Millionen Euro geschätzt – eine Summe, die aufgrund der strikten Trennung von Kirche und Staat seit 1905 vollständig von der französischen Kirche aufgebracht werden muss. Nur die Sicherheitsmaßnahmen übernimmt der französische Staat, wie bei allen Großveranstaltungen üblich.
Einzige Ausnahme ist Metz: Da die Stadt als Teil Elsass-Lothringens 1905 nicht zu Frankreich gehörte, gelten dort staatskirchenrechtlich Sonderregeln. Die Stadt war bereit, 250.000 Euro für den Papst-Besuch aufzuwenden – wogegen jedoch umgehend zwei laizistische Vereine Klage einreichten.
Die französische Bischofskonferenz setzt daher auf die Großzügigkeit der Gläubigen als „hauptsächliche Finanzierungsquelle”. Auf der Plattform pape-france.fr konnten bis zum 7. September bereits 5,5 Millionen Euro gesammelt werden. Auch in den Gottesdiensten der Diözese Paris wurde die Gemeinde am vergangenen Sonntag aufgefordert: „Seien Sie heute doppelt großzügig. Die Hälfte Ihrer Gaben wird in die Organisation des Papst-Besuchs fließen.”
Rekord bei Erwachsenentaufen: Junge Erwachsene entdecken den Glauben neu
Hinter dem vielzitierten „Enthusiasmus” steht ein bemerkenswerter Trend: Seit 2022 verzeichnet Frankreich einen kontinuierlichen Anstieg der Taufen, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Zu Ostern 2026 ließen sich 8.200 Jugendliche und 13.200 Erwachsene taufen – 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei stellen 18- bis 25-Jährige mit 42 Prozent die größte Gruppe der Taufbewerber.
Für dieses Phänomen interessiert sich auch Papst Leo XIV. persönlich – es ist einer der Gründe, warum er Frankreich bereits gut ein Jahr nach seiner Wahl besucht. Am Samstag, 26. September, wird er sich im Institut Catholique de Paris speziell mit Taufbewerbern und Neugetauften treffen und austauschen.
Um den „Taufboom” zu untersuchen, reiste kürzlich eine Delegation der Deutschen Bischofskonferenz nach Frankreich, darunter Professor Jan Loffeld von der Tilburg University. Seine Erkenntnis: Woher der Aufschwung genau kommt, „das konnte uns niemand genau erklären”. Doch einige Muster zeichnen sich ab.
Christentum als bewusste Wahl in säkularer Gesellschaft
Aufgrund der Laïcité, der strikten Trennung von Kirche und Staat, war das Christentum in Frankreich bereits deutlich stärker zurückgegangen als beispielsweise in Deutschland. In den letzten 25 Jahren sanken die Taufzahlen von 400.000 auf 180.000 pro Jahr. Das Christentum wurde somit zu einem Angebot unter vielen in einer säkularen und multireligiösen Gesellschaft.
In diese Situation hinein lassen sich nun offenbar manche Menschen wieder von der christlichen Botschaft ansprechen. „Es fehlt offenbar manchen Menschen etwas, was immer mehr anderen Menschen nicht fehlt”, so Loffeld. Bemerkenswert sei, dass die Initialzündung für den Glauben bei den Taufbewerbern in ihnen selbst entstanden sei. „Es gab in ihnen eine Unruhe, eine Unzufriedenheit oder einen Unfrieden. Und das hat sozusagen die Energie freigesetzt, etwas in ihrem Leben zu verändern oder nach etwas zu suchen.”
Viele seien dann einfach in eine Kirche gegangen und hätten dort Menschen angesprochen – daraus entstanden vielerorts engagierte Katechumenengruppen, durch die sogar schon totgeglaubte ländliche Gemeinden wieder auflebten. „Von der Situation in Frankreich könnte auch die deutsche Kirche etwas lernen”, betont Loffeld. „Das Christentum wird nicht verschwinden, aber die Rolle des Christentums wird keine volkskirchliche mehr sein, sondern die einer bewusst praktizierenden Minderheit.”
Papst als Symbolfigur: Spiritueller Durst oder kulturelles Gedächtnis?
Liegen in diesem Wiedererwachen des Glaubens die Gründe für den Enthusiasmus rund um den Papst-Besuch? Darin sieht Loffeld keinen direkten Zusammenhang. Auch das Konklave im vergangenen Jahr sei eines der meistgeschauten Events im Fernsehen gewesen, doch kurz danach sei das öffentliche Interesse schnell wieder abgeklungen.
Der Theologe vermutet vielmehr, dass das Interesse an der singulären Wirkung des Papstes liegt. „Der Papst repräsentiert offenbar für viele Menschen dieses große katholische Gedächtnis Europas. In einer Zeit, in der wir immer mehr mit kulturellen Vergessensprozessen zu tun haben, ist der Papst eine wichtige Signalfigur für die jüdisch-christlichen Wurzeln Europas.”
Kardinal Jean-Marc Aveline, Erzbischof von Marseille und Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz, sieht noch einen anderen Grund: Der Enthusiasmus zeuge „von einem großen spirituellen Durst in unserem Land”. Was es nun auch ist – die Faszination für die Figur des Papstes, ein Fünkchen Sensationsgier oder ein Wiedererwachen des Christentums –, die Papst-Reise nach Frankreich verspricht, ein historisches Ereignis zu werden.
Historische Programmpunkte mit weltweiter Strahlkraft
Einige Programmpunkte der Reise könnten durchaus Strahlkraft in die ganze Welt hinein haben. In Metz wird sich der Papst den Wurzeln Europas widmen und voraussichtlich denkwürdige Worte zum Thema Frieden und Einheit sprechen – ein Thema, das ihm seit Beginn seines Pontifikats am Herzen liegt. Außerdem ist in Metz ein interreligiöser Appell geplant, an dem sich Vertreter verschiedener Religionen beteiligen werden und den der Papst unterzeichnen wird.
Spannend bleibt auch, ob sich der Papst zum Thema Sterbehilfe äußern wird, nachdem in Frankreich erst kürzlich ein neues Gesetz verabschiedet wurde, das den assistierten Suizid für bestimmte schwer kranke Menschen erlaubt. Das Motto der Reise, „Damit die Welt das Leben hat”, legt das zumindest nahe.
Aufmerksam werden Millionen Menschen vor Ort und an den Bildschirmen den Worten des Papstes lauschen und sich möglicherweise vom französischen Enthusiasmus mitreißen lassen. Ob dieser Besuch einen nachhaltigen Impuls für die französische Kirche setzt oder lediglich ein kurzlebiges Medienereignis bleibt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Fest steht: Die Bilder von Hunderttausenden, die den Papst auf den Champs-Élysées erwarten, werden als Symbol für eine mögliche Wende in der europäischen Religionsgeschichte in Erinnerung bleiben.
Quellen
“Ich will den Papst sehen, koste es, was es wolle”
Der Besuch des Papstes in Frankreich dürfte eine Million Menschen anziehen – mit einer Messe und einer Nachtwache in Paris sowie einer Reise nach Lourdes






