CDU Baden-Württembergsteht nur wenige Monate nach der Landtagswahl vor einer politischen Zäsur. In der aktuellen Sonntagsfragekommt die Christdemokratische Partei noch auf 23 Prozent – genau so viel wie die AfD. Die Grünen von Ministerpräsident Cem Özdemir bleiben mit 30 Prozent klar stärkste Kraft. Das ist mehr als eine Momentaufnahme: Es zeigt, wie schnell sich die politische Lage im Südwesten verändern kann, wenn Regierungsbeteiligung, Bundespolitik und gesellschaftliche Unsicherheit zusammenkommen.
Die Zahlen sind deshalb bemerkenswert, weil die CDU Baden-Württemberg im März noch 29,7 Prozent erreicht hatte. Sie war damit nur hauchdünn hinter den Grünen gelegen und hatte als Juniorpartner der grün-schwarzen Koalition einen soliden Ausgangspunkt. Sieben Monate später sind fast sieben Prozentpunkte verschwunden. Die AfD hingegen legt von 18,8 auf 23 Prozent zu und verzeichnet in diesem Trend ihren bislang höchsten Wert. Damit ist sie nicht mehr nur eine proteststarke Nebenfigur, sondern erstmals auf Augenhöhe mit der Union im Land.
Eine Koalition, die stabil wirkt – und trotzdem Verluste produziert
Die grün-schwarze Regierung ist offenbar nicht der Hauptgrund für die Schwäche der CDU Baden-Württemberg. Im Gegenteil: 51 Prozent der Befragten sind mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden. Auch Ministerpräsident Özdemir liegt mit einer Zustimmung von 58 Prozent deutlich über dem Wert, den er zur Zeit seiner Kandidatur hatte. Die Grünen profitieren damit von einem klassischen Ministerpräsidenten-Bonus: Wer im Amt sichtbar Verantwortung trägt, glaubwürdig auftritt und Konflikte nicht als Dauerkrise inszeniert, kann auch dann Zustimmung gewinnen, wenn die eigene Partei bundespolitisch unter Druck steht.
Für die CDU ist diese Dynamik unangenehm. Sie ist Teil einer Regierung, die insgesamt positiv bewertet wird, verliert aber deutlich stärker als ihr Koalitionspartner. Das deutet darauf hin, dass viele Wähler die Landespolitik nicht primär an der Koalitionsarbeit messen, sondern an der Frage, wem sie politische Orientierung zutrauen. Die CDU Baden-Württemberg scheint derzeit für einen Teil ihrer früheren Anhänger weniger als eigenständige Kraft wahrzunehmen, sondern eher als Juniorpartner der Grünen.
Das ist eine gefährliche Wahrnehmung für eine Volkspartei. Die Union braucht im Südwesten sowohl konservative Stammwähler als auch bürgerliche, wirtschaftsnahe und pragmatische Wählergruppen. Wenn sie den Eindruck vermittelt, in der Landespolitik nur zu verwalten, während sie auf Bundesebene von inneren Konflikten und schwachen Umfragen belastet wird, sucht ein Teil dieser Wähler nach Alternativen. Die AfD bietet genau diese Alternative an – nicht durch programmatische Tiefe, sondern durch klare Feindbilder, Empörung und die Behauptung, die „richtigen“ Probleme endlich offen anzusprechen.
Die AfD profitiert von Stimmung, nicht von Lösungen
Der Aufstieg der AfD in Baden-Württemberg sollte nicht als Ausdruck eines plötzlichen politischen Sinneswandels missverstanden werden. Die Partei erreicht 23 Prozent, obwohl sie inhaltlich kaum neue Antworten auf die zentralen Fragen des Landes liefert. Ihre Stärke entsteht vielmehr dort, where traditionelle Parteien als distanziert, langsam oder gespalten wahrgenommen werden.
Baden-Württemberg ist ein Land, das besonders stark von Industrie, Export, Fachkräften und technologischem Wandel abhängt. Die Sorge um Arbeitsplätze in der Autoindustrie, um Energiekosten, um internationale Wettbewerbsfähigkeit und um den sozialen Abstieg bestimmter Regionen ist real. Wer diese Ängste ernst nimmt, muss erklären können, wie Transformation gelingen kann, ohne Menschen und Betriebe zurückzulassen. Die AfD nutzt diese Unsicherheit häufig, indem sie komplexe Zusammenhänge auf einfache Schuldzuweisungen verkürzt. Das ist politisch wirksam, aber politisch gefährlich.
Der Vergleich mit dem Wahlergebnis vom März zeigt den Umfang der Verschiebung. Die AfD legte um 4,2 Prozentpunkte zu. Die CDU Baden-Württemberg verlor im gleichen Zeitraum 6,7 Prozentpunkte. Diese Bewegung ist zu groß, um sie allein mit normalen Schwankungen nach einer Wahl zu erklären. Sie deutet auf eine Verschiebung von Wählergruppen hin, die zuvor möglicherweise aus Loyalität, regionaler Verbundenheit oder pragmatischen Gründen der Union nahestanden.
Die SPD wird stärker, bleibt aber kein Machtfaktor
Interessant ist auch die Entwicklung der anderen Parteien. Die SPD verbessert sich auf sieben Prozent, die Linke auf sechs Prozent. Beide liegen damit über ihrem Ergebnis von der Landtagswahl, bleiben aber weit von einer Rolle als prägender Regierungspartner entfernt. Die FDP kommt nur auf vier Prozent und würde den Wiedereinzug in den Landtag erneut verfehlen.
Das verändert die Koalitionsrechnung weniger, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Grüne und CDU kämen zusammen weiterhin auf 53 Prozent. Eine Fortsetzung der bisherigen Regierung wäre rechnerisch möglich. Doch politisch wird diese Konstellation für die CDU Baden-Württemberg immer unangenehmer. Je näher die AfD heranrückt, desto stärker wird der Druck innerhalb der Union, sich sichtbar nach rechts zu positionieren. Gleichzeitig weiß die Parteiführung, dass eine zu starke Annäherung an AfD-Themen die eigenen Wähler im bürgerlich-moderaten Spektrum verunsichern kann.
Hier liegt die eigentliche strategische Falle. Die CDU kann versuchen, AfD-Wähler durch härtere Rhetorik zurückzugewinnen. Das birgt jedoch das Risiko, dass sie die AfD nicht schwächt, sondern deren Themen und Sprache normalisiert. Der andere Weg wäre, klar eigene Antworten auf Wirtschaft, Sicherheit, Migration, Energie und soziale Sicherheit zu entwickeln – ohne sich in der Polemik zu verlieren. Das ist schwieriger, aber auf Dauer die einzige Möglichkeit, eine Volkspartei wieder als Regierungspartei mit eigener politischer Identität zu positionieren.
Manuel Hagel unter besonderem Beobachtungsdruck
Besonders auffällig ist die Bewertung von Innenminister Manuel Hagel. Selbst unter CDU-Anhängern schneidet Ministerpräsident Özdemir besser ab als der eigene Landes- und Fraktionsvorsitzende. 68 Prozent der CDU-Anhänger sind mit Özdemir zufrieden, aber nur 61 Prozent mit Hagel. Fast ein Drittel aller Befragten kann seine Arbeit gar nicht beurteilen oder kennt ihn nicht ausreichend.
Das ist ein Warnsignal. Ein Parteivorsitzender muss nicht nur seine Basis organisieren, sondern auch öffentlich erkennbar machen, wofür er steht. Wenn ein erheblicher Teil der Bevölkerung seine politische Arbeit nicht einordnen kann, fehlt der Person ein wichtiges Profilmerkmal. In einer Phase, in der die CDU Baden-Württemberg Stimmen an die AfD verliert, braucht sie dringend eine klare, wiedererkennbare Stimme.
Hagel steht zudem vor der Aufgabe, die Union als eigenständige Kraft innerhalb der Koalition sichtbar zu machen. Das bedeutet nicht, die Zusammenarbeit mit den Grünen grundsätzlich infrage zu stellen. Es bedeutet aber, eigene Erfolge, eigene Prioritäten und eigene Konfliktlinien deutlicher zu kommunizieren. Eine Regierungspartei, die nur als stiller Partner wahrgenommen wird, zahlt am Ende den Preis für die gesamte Koalition, ohne die politische Anerkennung dafür zu erhalten.
Was die Umfrage wirklich bedeutet
Sonntagsfragen sind keine Wahlprognosen. Sie messen eine aktuelle Stimmung, keine feststehende Entscheidung. Die nächste Landtagswahl findet turnusgemäß erst im Frühjahr 2031 statt. Bis dahin können sich wirtschaftliche Lage, Bundespolitik, persönliche Popularität und politische Fehler erheblich verändern. Die Schwankungsbreite der Erhebung liegt bei zwei Prozentpunkten bei einem Anteil von zehn Prozent und bei drei Prozentpunkten bei einem Anteil von 50 Prozent.
Trotzdem ist die Richtung eindeutig. Die CDU Baden-Württemberg hat ein Motivations- und Profilproblem. Die Grünen haben derzeit einen Popularitätsvorteil durch ihren Ministerpräsidenten. Die AfD hat eine politische Öffnung genutzt, die durch Unzufriedenheit, Unsicherheit und die Wahrnehmung politischer Entwurzelung entstanden ist.
Für die Union ist die entscheidende Frage nicht, ob sie in einer einzelnen Umfrage hinter der AfD zurückfällt. Entscheidend ist, ob sie es schafft, ihre frühere Wählerschaft wieder politisch zu binden. Dazu braucht es mehr als Abgrenzungsrhetorik. Es braucht glaubwürdige Antworten auf die Frage, wie Baden-Württemberg industriell wettbewerbsfähig bleibt, wie bezahlbares Wohnen möglich wird, wie Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit zusammengehören und wie politische Entscheidungen näher bei den Menschen ankommen.
Ein Test für die politische Mitte
Die aktuelle Lage ist auch ein Test für die demokratische Mitte insgesamt. Wenn die CDU Baden-Württemberg weiter an Zustimmung verliert, entsteht kein Machtvakuum, das automatisch von gemäßigten Kräften gefüllt wird. In der Praxis rücken dann häufig populistische Kräfte nach. Die AfD hat verstanden, dass politische Unzufriedenheit nicht erst dann wirksam wird, wenn sie sich in einem Wahlprogramm niederschlägt. Sie beginnt viel früher – in Alltagsdebatten, sozialen Medien, lokalen Konflikten und im Gefühl vieler Menschen, nicht mehr ernst genommen zu werden.
Die Antwort der demokratischen Parteien darf nicht darin bestehen, jede populistische Position zu übernehmen. Sie muss darin bestehen, Vertrauen zurückzugewinnen: durch verständliche Entscheidungen, sichtbare Ergebnisse und die Bereitschaft, auch unbequeme Konflikte offen zu führen. Die Grünen zeigen derzeit, dass kompetente Landespolitik und ein populärer Regierungschef eine schützende Wirkung haben können. Die CDU muss nun beweisen, dass sie nicht nur Koalitionspartner ist, sondern eine politische Alternative mit eigener Erzählung.
Die nächsten Monate werden zeigen, ob die CDU Baden-Württemberg diese Verluste als kurzfristige Bundestrendfolge einordnet oder als strukturelle Krise versteht. Die Umfrage liefert jedenfalls eine klare Botschaft: Wer im Südwesten regieren will, muss nicht nur gut regieren, sondern auch verständlich machen, wofür er steht. Sonst füllt jemand anderes die Lücke – und das muss nicht die politische Mitte sein.
Quellen
CDU stürzt in Baden-Württemberg ab, AfD erreicht Höchstwert – Grüne bleiben stärkste Kraft
Umfrage in Baden-Württemberg versetzt CDU Tiefschlag






