28.10.2026
4 Minuten Lesezeit

Jacqueline Stuhler: Eine Stimme, die Vertrauen schuf

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© 2026 IMAGO / Hoffmann

Jacqueline Stuhler war für viele Zuschauerinnen und Zuschauerüber Jahre hinweg mehr als eine Fernsehmoderatorin: Sie war eine ruhige, verlässliche Präsenz im Alltag. Mit ihrem Tod im Alter von 70 Jahren verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunknicht nur eine erfahrene Journalistin, sondern auch eine Persönlichkeit, die komplexe Themen ohne Pathos und ohne Überforderung vermitteln konnte. Jacqueline Stuhler starb am 24. Oktober 2026 in Friolzheim im Enzkreis nach langer, schwerer Krankheit, wie der Südwestrundfunk unter Berufung auf ihren Ehemann mitteilte.

Ihr Name wird vor allem mit dem „ARD-Buffet“ verbunden bleiben. Doch die Karriere von Jacqueline Stuhler war deutlich vielschichtiger: Sie reichte vom Jugendradio über politische Magazine bis zur Landespolitik und machte sie zu einer der prägenden Stimmen des südwestdeutschen Fernsehens.

Eine Karriere zwischen Jugendkultur und Politik

Jacqueline Stuhler wurde am 23. April 1956 in Lindau geboren und wuchs am Bodensee auf. Ihre journalistische Ausbildung begann sie mit einem Volontariat bei der „Nürnberger Zeitung“, bevor sie in Erlangen Theaterwissenschaft studierte. Diese Kombination aus praktischem Handwerk und geisteswissenschaftlicher Bildung prägte vermutlich auch ihren späteren Stil: präzise, neugierig und stets darauf bedacht, Menschen nicht bloß als Informationsquelle, sondern als Gegenüber zu behandeln.

1980 begann Jacqueline Stuhler ihre Rundfunklaufbahn beim Bayerischen Rundfunk. Dort moderierte sie Formate wie „Zündfunk“ und „Live aus dem Alabama“, die ein junges Publikum erreichten und in den frühen 1980er-Jahren zur kulturellen Selbstverständigung einer Generation beitrugen. Dass sie später im politischen Journalismus Fuß fasste, war kein Bruch, sondern eine logische Weiterentwicklung: Wer junge Menschen ernst nimmt, lernt früh, Themen so zu erzählen, dass sie nicht belehrend wirken.

Auch für den WDR arbeitete sie, unter anderem an der Kindersendung „Links und rechts vom Äquator“. Diese Erfahrung zeigt, wie breit ihr Repertoire war: Jacqueline Stuhler bewegte sich zwischen Jugendkultur, Kinderfernsehen, Nachrichten und politischer Berichterstattung, ohne ihren eigenen Ton zu verlieren.

Vom Süddeutschen Rundfunk in die Landespolitik

Ein entscheidender Abschnitt begann 1990, als Jacqueline Stuhler beim damaligen Süddeutschen Rundfunk die Leitung der Redaktion Innenpolitik übernahm. In dieser Funktion verantwortete sie Formate wie „Pro und Contra“ und das „Schlaglicht“. Letzteres widmete sich jeweils dem Thema der Woche und verband aktuelle Nachrichten mit Einordnung und Diskussion.

Diese Phase ihrer Laufbahn ist heute besonders bemerkenswert. In einer Zeit, in der politische Kommunikation häufig auf Schlagzeilen, Zuspitzung und permanente Erregung setzt, stand Jacqueline Stuhler für eine andere Tradition: gründliche Recherche, klare Sprache und den Willen, Zusammenhänge verständlich zu machen. Sie interviewte Prominente im „SWR Wortwechsel“ und prägte bis 2008 das landespolitische Magazin „Ländersache“ für Baden-Württemberg.

Gerade in der Landespolitik entscheidet sich viel, was Bürgerinnen und Bürger im Alltag spüren: Bildung, Verkehr, Wohnungsbau, Energie, kommunale Finanzen und die Frage, wie demokratische Institutionen funktionieren. Dass Jacqueline Stuhler dieses Feld über Jahre mitgestaltete, machte sie zu einer wichtigen Stimme des öffentlich-rechtlichen Journalismus im Südwesten.

Das „ARD-Buffet“ als zweite Heimat

Bundesweit bekannt wurde Jacqueline Stuhler jedoch durch eine Sendung, die zunächst unscheinbar wirken konnte: das „ARD-Buffet“. 1998 gehörte sie zum Gründungsteam des vom SWR produzierten Ratgeberformats. Elf Jahre lang war sie anschließend das Gesicht der Sendung im Ersten.

Das „ARD-Buffet“ war kein klassisches Nachrichtenformat und auch keine reine Unterhaltungssendung. Es lebte von einer Mischung aus praktischen Tipps, kulinarischen Themen, Servicebeiträgen und Gesprächen. Genau hier lag die Stärke von Jacqueline Stuhler: Sie konnte einen Beitrag über Alltagsfragen genauso glaubwürdig moderieren wie ein politisches Interview. Ihre Art, zuzuhören und Menschen ernst zu nehmen, sorgte dafür, dass die Sendung nicht distanziert wirkte.

SWR-Intendant Kai Gniffke würdigte sie als kluge Journalistin und zugewandte Moderatorin, die komplexe Themen verständlich gemacht habe. Diese Einschätzung trifft den Kern ihrer Wirkung. Jacqueline Stuhler verkörperte jene Form von Fernsehen, bei dem Kompetenz nicht durch Lautstärke, sondern durch Ruhe, Vorbereitung und menschliche Nähe entsteht.

Warum ihr Tod mehr bedeutet als eine Personalie

Der Tod von Jacqueline Stuhler fällt in eine Zeit, in der sich das Fernsehen grundlegend verändert. Linear genutzte Programme verlieren an Bedeutung, während Streaming, Social Media und personalisierte Inhalte das Medienverhalten prägen. Gerade deshalb lohnt der Blick auf ihre Laufbahn: Sie steht für eine journalistische Haltung, die nicht auf Aufmerksamkeit im Sekundentakt setzt, sondern auf Vertrauen über Jahre.

Ihre Arbeit zeigt, dass Ratgeberfernsehen mehr sein kann als oberflächliche Lebenshilfe. Wenn eine Moderatorin über Jahrzehnte glaubwürdig bleibt, entsteht eine Beziehung zum Publikum, die sich nicht sofort messen lässt. Sie basiert auf Wiedererkennung, Verlässlichkeit und dem Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Jacqueline Stuhler hatte diese Fähigkeit in besonderem Maße.

Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist ihr Verlust auch eine Erinnerung daran, wie wichtig erfahrene Gesichter sind. Algorithmen können Inhalte verteilen, doch sie können keine journalistische Autorität ersetzen. Eine Stimme wie die von Jacqueline Stuhler entstand durch Erfahrung, Recherche, Fehler, Korrekturen und den langen Kontakt mit Menschen. Genau diese Dimension lässt sich nicht einfach digital replizieren.

Auszeichnungen als Beleg für journalistische Qualität

Jacqueline Stuhler erhielt für ihre Arbeit unter anderem 1982 den Ernst-Schneider-Preis für Wirtschaftsjournalismus. 2001 folgte der Hans-Bausch-Mediapreis. Diese Auszeichnungen belegen, dass ihre Wirkung nicht allein auf Popularität beruhte, sondern auf inhaltlicher Qualität.

Besonders der Wirtschaftsjournalismus verlangt die Fähigkeit, abstrakte Zusammenhänge in konkrete Lebensrealitäten zu übersetzen. Ob es um Arbeitsmarkt, Verbraucherfragen, soziale Sicherung oder wirtschaftliche Entwicklungen geht: Wer hier verständlich bleibt, ohne zu vereinfachen, leistet anspruchsvolle Arbeit. Dass Jacqueline Stuhler dafür ausgezeichnet wurde, passt zu ihrem Ruf als gründliche und kluge Journalistin.

Ein Abschied im Programm

Der SWR nimmt am Dienstagabend mit der Hauptausgabe von „SWR Aktuell Baden-Württemberg“ um 19:30 Uhr im Programm Abschied von Jacqueline Stuhler. Diese Geste ist mehr als eine formelle Würdigung. Sie zeigt, wie tief ihre Spuren im Sender und in der Region sind.

Für viele ehemalige Kolleginnen und Kollegen wird wohl nicht nur die professionelle Lücke spürbar sein, sondern auch der Verlust einer Persönlichkeit, die Redaktionen prägte und Menschen im Alltag begleitete. Jacqueline Stuhler war Teil einer Generation von Journalistinnen und Journalisten, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen über Jahrzehnte geformt hat.

Was von Jacqueline Stuhler bleibt

In Erinnerung bleibt Jacqueline Stuhler als jemand, der Brücken baute: zwischen Jugendkultur und Politik, zwischen Region und Bundespublikum, zwischen Information und menschlicher Nähe. Ihre elf Jahre beim „ARD-Buffet“ machten sie bundesweit bekannt, doch ihre eigentliche Bedeutung liegt in der Haltung, mit der sie Journalismus betrieb.

Sie bewies, dass man publikumsnah sein kann, ohne populistisch zu werden. Sie bewies, dass politische Berichterstattung verständlich sein kann, ohne an Tiefe zu verlieren. Und sie bewies, dass eine Moderatorin Vertrauen nicht durch Inszenierung gewinnt, sondern durch Beständigkeit.

Jacqueline Stuhler wird 70 Jahre alt. Ihre Stimme verschwindet aus dem Programm, doch ihr journalistisches Vermächtnis bleibt: Klarheit, Respekt und die Überzeugung, dass gutes Fernsehen beginnt, wenn man den Menschen wirklich zuhört.

Quellen

Bekannt aus „ARD-Buffet“: Jacqueline Stuhler ist tot
SWR trauert um Jacqueline Stuhler


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