28.10.2026
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Wahlen Israel: Arabische Parteien werden zum Zünglein an der Waage

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Wahlen Israel stehen diesmal für mehr als ein gewohntes Kräftemessen zwischen BenjaminNetanjahu und seinen Gegnern. Nach der Parlamentswahl zeichnet sich zwar ein Vorsprung für das Lager des amtierenden Premierministers ab, doch ohne eine klare Mehrheit in der 120 Sitze zählenden Knesset bleibt die Machtfrage offen. Entscheidendwerden nun die arabischen Parteien, die mit einem historisch starken Ergebnis ihre politische Rolle deutlich gestärkt haben.

Das Netanjahu-Lager kam nach Auszählungvon rund 70 Prozent der Stimmen auf 54 Sitze, das Oppositionsbündnis um Gadi Eisenkot auf 47. Für eine Regierung wären 61 Mandate nötig. Die arabischen Parteien – die Vereinte Liste und Ra’am – lagen demnach bei 19 Sitzen und gewannen damit deutlich hinzu.

Ein Ergebnis ohne Sieger

Die Wahlen in Israel haben ein vertrautes israelisches Muster erzeugt: Eine Partei oder ein Block gewinnt an Stimmen, doch die Koalitionsarithmetik verweigert beiden Seiten den Sieg. Netanjahus Likud bleibt zwar stärkste Kraft, doch sein Verbündetenblock liegt weiterhin unter der Mehrheitsgrenze. Eisenkots Lager kommt ebenfalls nicht ohne weitere Partner aus.

Das macht die arabische Vertretung im Parlament zum politischen Schwerpunkt. Nicht weil diese Parteien automatisch eine Regierung tragen würden, sondern weil ihre Sitze rechnerisch den Weg zu einer Mehrheit öffnen oder versperren können. Eine Regierung ohne sie ist für Eisenkot kaum denkbar; für Netanjahu sind sie politisch weitgehend tabu. Genau daraus entsteht die Spannung der kommenden Wochen.

Warum die arabischen Parteien stärker wurden

Das Ergebnis der arabischen Listen ist keine bloße statistische Randnotiz. Die Vereinte Liste und Ra’am konnten ihre Präsenz in der Knesset offenbar erheblich ausbauen, nachdem ihnen zuvor zehn Sitze zugestanden hatten. Diese Entwicklung zeigt, dass ein erheblicher Teil der arabischen israelischen Bevölkerung politische Teilhabe nicht als Nebenschauplatz versteht, sondern als Instrument, um Einfluss auf Sicherheitspolitik, Gleichbehandlung, Haushaltsmittel und gesellschaftliche Debatten auszuüben.

Der Vorsitzende der Vereinten Liste, Jussef Dschabarin, bezeichnete das Wahlergebnis als historisch und kündigte an, den Weg für eine Ablösung der Regierung Netanjahu, Itamar Ben-Gvirs und Bezalel Smotrichs ebnen zu wollen. Diese Rhetorik ist bewusst klar: Sie richtet sich sowohl an die eigene Wählerschaft als auch an mögliche Koalitionspartner.

Gleichzeitig bleibt die Rolle der arabischen Parteien komplex. Eine formale Regierungsbeteiligung würde für einige Wählerinnen und Wähler politische Verantwortung bedeuten, für andere jedoch den Vorwurf einer zu großen Annäherung an das Establishment auslösen. Eine Tolerierung einer Minderheitsregierung wäre daher möglicherweise der realistischere Weg – weniger sichtbar, aber politisch wirkungsvoll.

Netanjahus Vorsprung ist kein Mandat

Der langsame Anstieg des Netanjahu-Lagers während der Auszählung zeigt, wie empfindlich das israelische Wahlsystem auf späte Stimmbezirke, Soldatenstimmen und Stimmen von im Ausland lebenden Diplomaten reagiert. Diese Stimmen werden nach den Stimmen der im Land lebenden Zivilisten ausgezählt und können knappe Sitzverteilungen noch verschieben.

Doch selbst wenn Netanjahus Block weiter zulegt, bleibt sein Problem unverändert: Ein Vorsprung ist keine Mehrheit. Netanjahu kann darauf setzen, dass kleine Parteien aus taktischen, religiösen oder persönlichen Gründen zu ihm halten. Politisch überzeugender wäre jedoch eine Konstellation, die über die bisherige rechtsreligiöse Koalition hinausgeht. Eine breite Regierung der nationalen Einheit, wie sie einzelne Stimmen aus Deutschland bereits anregen, würde voraussetzen, dass Netanjahu auf seine radikalsten Partner verzichtet – eine Voraussetzung, die er bislang kaum je akzeptiert hat.

Eisenkot zwischen Mitte und Realpolitik

Für Gadi Eisenkot ist die Lage ambivalent. Sein Lager liegt zurück, besitzt aber eine reale Chance, eine Alternative zu Netanjahu zu formieren, sofern es gelingt, arabische Parteien einzubinden oder zumindest zu dulden. Eisenkot, ehemaliger Militärchef und Vertreter eines sicherheitspolitisch geprägten Pragmatismus, verkörpert dabei einen anderen politischen Ton als die bisherige Regierungskoalition.

Die entscheidende Frage lautet, ob seine möglichen Partner bereit sind, mit arabischen Abgeordneten zusammenzuarbeiten. Jair Golan, Vorsitzender der linksliberalen Demokraten, hat eine solche Koalition ausdrücklich gefordert. Er argumentiert, Israel dürfe die Unterscheidung zwischen jüdischen und arabischen Stimmen nicht politisch akzeptieren. Das ist nicht nur ein moralisches Signal, sondern auch eine strategische Ansage: Ohne die arabischen Abgeordneten gibt es für eine Regierungsbildung gegen Netanjahu kaum einen belastbaren Weg.

Der lange Weg zur Regierung

Nach dem vorläufigen Ergebnis am Freitag und dem amtlichen Endergebnis etwa eine Woche später beginnt die eigentliche Verhandlungsphase. Präsident Isaak Herzog wird Vertreter aller Parteien empfangen, die die Sperrklausel von 3,25 Prozent geschafft haben. Anschließend erhält der Kandidat den Auftrag zur Regierungsbildung, dem der Präsident die besten Chancen einräumt.

Dieser Kandidat hat bis zu 42 Tage Zeit. Scheitert er, erhält ein anderer Politiker 28 Tage. Bleibt auch das erfolglos, können Knesset-Abgeordnete beim Präsidenten einen Antrag stellen, einen bestimmten Kandidaten zu beauftragen. Erst wenn auch dieser Versuch scheitert, drohen Israel Neuwahlen.

Diese Prozedur wirkt technisch, entscheidet aber über die politische Stabilität des Landes. In einem System mit vielen Parteien, niedrigen Koalitionsschwellen und starken ideologischen Bruchlinien kann eine Regierungsbildung Monate dauern. Solange keine neue Regierung vereidigt ist, bleibt die alte im Amt – mit allen politischen, diplomatischen und sicherheitspolitischen Konsequenzen.

Was auf dem Spiel steht

Die Wahlen Israel betreffen nicht nur die Zusammensetzung der Knesset, sondern die künftige Ausrichtung des Landes. Eine Fortsetzung der Regierung Netanjahu würde vermutlich die bisherige Linie einer engen Verzahnung von nationaler Sicherheit, religiöser Identität und scharfer innenpolitischer Polarisierung verstärken. Eine Regierung unter Eisenkot oder in breiterer Koalition würde dagegen eher auf institutionelle Stabilisierung, internationale Verbindlichkeit und eine Entschärfung der innergesellschaftlichen Konflikte setzen.

Besonders wichtig ist die Frage der Gleichbehandlung arabischer Israelis. Ihre stärkere parlamentarische Vertretung kann dazu beitragen, Themen wie Diskriminierung, Wohnungsbau, Bildung, Polizei und kommunale Finanzierung stärker auf die politische Agenda zu bringen. Ob daraus echte politische Macht wird, hängt jedoch davon ab, ob andere Parteien bereit sind, arabische Stimmen als gleichwertigen Teil der israelischen Demokratie zu behandeln.

Internationale Signale

Auch international wird das Ergebnis genau beobachtet. US-Präsident Donald Trump zeigte sich zufrieden mit Netanjahus Abschneiden und wertete das knappe Ergebnis als Erfolg. Seine Äußerung unterstreicht, wie stark die Wahlen in Israel auch in den transatlantischen Beziehungen und im Nahostkonflikt wahrgenommen werden.

Aus Deutschland kamen dagegen Stimmen, die eine Regierung ohne rechtsextreme Kräfte begrüßen würden. Der CDU-Politiker Armin Laschet sprach von der Möglichkeit einer Koalition der nationalen Einheit, während Jürgen Hardt eine Niederlage des Konzepts sah, mit Rechtsradikalen zu regieren. Diese Reaktionen zeigen: Die Zusammensetzung der nächsten israelischen Regierung wird unmittelbar Auswirkungen auf diplomatische Beziehungen, sicherheitspolitische Kooperation und die internationale Wahrnehmung Israels haben.

Mögliche Szenarien

Es gibt im Kern drei Wege. Erstens könnte Netanjahu eine erneute rechtsreligiöse Koalition bilden, falls ihm doch noch die fehlenden Sitze zufallen. Zweitens könnte Eisenkot versuchen, eine breite Koalition aus Mitte, Linksliberalen und gegebenenfalls geduldeten arabischen Parteien zu schmieden. Drittens könnte keine Seite eine tragfähige Mehrheit finden, woraufhin Israel Neuwahlen drohen.

Das wahrscheinlichste Szenario ist derzeit ein zähes Ringen. Die arabischen Parteien haben ihre Verhandlungsposition verbessert, doch eine stabile Regierung verlangt mehr als rechnerische Mehrheiten. Sie braucht gemeinsame politische Grundlagen, Vertrauen und die Fähigkeit, Konflikte ohne dauerhafte Eskalation zu regulieren.

Eine Wahl mit langfristiger Wirkung

Die Wahlen Israel haben gezeigt, dass die politische Landkarte des Landes beweglicher ist, als viele Beobachter erwartet hatten. Netanjahu bleibt ein zentraler Machtfaktor, doch seine bisherige Koalitionsformel ist geschwächt. Eisenkot hat eine Alternative angeboten, ohne bereits über die nötige Mehrheit zu verfügen. Und die arabischen Parteien haben bewiesen, dass sie keine randständige Kraft mehr sind, sondern ein entscheidender Faktor für Israels künftige Regierungsfähigkeit.

Die kommenden Verhandlungen werden daher zeigen, ob Israel in eine erneute Phase politischer Blockade gerät oder ob eine breitere, inklusivere Koalition entsteht. Für die Bürgerinnen und Bürger des Landes geht es dabei um mehr als Parlamentssitze: Es geht um die Frage, wie offen, plural und handlungsfähig die israelische Demokratie in den nächsten Jahren sein wird.

Quellen

Wachsender Vorsprung für das Netanjahu-Lager
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