18.08.2026
3 Minuten Lesezeit

Jugend und Politik in Sachsen-Anhalt: Zwischen Frust, Identität und der Suche nach Gehör

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@2026 Harald Krieg

Jugend steht in Sachsen-Anhalt derzeit im Zentrum einer politischen Dynamik, die weit über bloße Wahlstatistiken hinausreicht. Wenn man mit jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren in ländlichen Regionenspricht, wird schnell klar: Ihre politische Orientierung ist weniger das Ergebnis fundierter Ideologien, sondern vielmehr ein Ausdruck von Frustration, Perspektivlosigkeit und dem dringenden Wunsch, gehört zu werden.

Warum die AfD bei Jugendlichen so stark punktet

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Bei der letzten Bundestagswahl wählten 38,8 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Sachsen-Anhalt die AfD, gefolgt von der Linken mit 27 Prozent. SPD, CDU, Grüne und FDP kamen zusammengerechnet auf gerade einmal knapp 20 Prozent. Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern das Resultat struktureller Probleme, die in ländlichen Regionen besonders spürbar sind.

Studien zeigen, dass politische Einstellungen bereits zwischen der 7. und 9. Klasse entstehen – eine Phase intensiver politischer Prägung. Besonders auffällig: Jugendliche aus Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Bildungshintergrund zeigen eine signifikant höhere Zustimmung zur AfD. In Sachsen beispielsweise wuchs die Identifikation mit der AfD von fünf Prozent in der 7. Klasse auf 25 Prozent in der 9. Klasse.

Die Gründe sind vielfältig. Wirtschaftliche Sorgen, sinkende Löhne und die Angst vor Arbeitsplatzverlust stehen für fast 40 Prozent der Befragten in Sachsen-Anhalt an erster Stelle. Dazu kommen Themen wie digitale Versorgung, Verkehrsinfrastruktur und ÖPNV, die im ländlich geprägten Flächenland besonders relevant sind. Migration und Asylpolitik folgen mit 23 Prozent auf Platz drei.

Streetwork: Zuhören statt Ausgrenzen

Inmitten dieser politischen Polarisierung leisten Sozialarbeiter:innen wie Ronja Muth in Gommern wichtige Arbeit. Die 37-Jährige, von ihren Schützlingen liebevoll „Mutter Ronja” genannt, betreibt Streetwork – eine Form der Sozialarbeit, die aktiv auf Jugendliche zugeht, anstatt auf sie zu warten.

Im Gegensatz zur Schulsozialarbeit gehen Streetworker:innen an jene Orte, an denen sich ihre Zielgruppe selbstbestimmt aufhält: Parks, Bushaltestellen, Fußballplätze oder eben Jugendklubs. Das Ziel ist es, all jene Jugendlichen zu erreichen, welche andere Hilfsangebote nicht abholen – und das möglichst niedrigschwellig.

„Solange die Jugendlichen sich benehmen, schicke ich niemanden weg”, sagt Muth. „Da wäre ich ja wieder jemand, der sie ausschließt, weil sie nicht funktionieren.” Diese Haltung ist entscheidend: Die Angebote gelten unabhängig von sozialer Schicht oder politischer Gesinnung.

Jugend trifft auf harte Realitäten

Die Arbeit von Streetworker:innen ist jedoch nicht ohne Herausforderungen. Muth musste bereits durchgreifen, um zu verhindern, dass rechte Jugendgruppen den Jugendtreff übernehmen. Dies zeigt die Gratwanderung zwischen Akzeptanz und klaren Grenzen, die in der Praxis notwendig ist.

Die Jugendlichen selbst beschreiben ihre politische Realität oft drastisch: „Bei uns in der Schule gibt es eigentlich nur drei Gruppen: Rechte, Linke und die Unpolitischen”, erzählt ein Teenager. Ein anderer, der sich selbst als links bezeichnet, würde gern eine Diversity-Woche an seiner Schule einführen. Politische Inhalte konsumieren sie häufig auf TikTok – eine Plattform, die sowohl für linke als auch für rechte Inhalte genutzt wird.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die politische Polarisierung unter Jugendlichen hat weitreichende Konsequenzen. Wenn fast 40 Prozent der jungen Wähler:innen in Sachsen-Anhalt die AfD wählen, die vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wird, ist das mehr als nur eine statistische Auffälligkeit.

Vor der Landtagswahl am 6. September 2026 könnte die AfD laut Umfragen über 40 Prozent der Stimmen erreichen – manche Prognosen sprechen sogar von 42 Prozent. Eine absolute Mehrheit ist nicht auszuschließen. Sollte dies eintreten, bekäme die Partei nicht nur Zugang zum Sitz des Ministerpräsidenten, sondern auch Kontrolle über den Landesverfassungsschutz, die Polizei und einen mächtigen Überwachungs- und Kontrollapparat.

Perspektiven für die jugend

Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklungen gibt es auch positive Ansätze. Die Linke plant beispielsweise, jungen Menschen in Kommunen und Kreistagen eine Beteiligung über digital gewählte Jugendparlamente zu ermöglichen. Diese sollen neben dem eigenen Budget ein Mitsprache- und ein Vetorecht bei allem bekommen, was junge Menschen betrifft.

Solche Initiativen sind wichtig, denn sie zeigen Jugendlichen konkrete Wege, wie sie ihre Interessen vertreten können. Jugend fun reisen, Haus der Jugend oder Angebote wie das Euroville Jugend Sporthotel Naumburg können zusätzliche Räume schaffen, in denen junge Menschen sich entfalten und miteinander austauschen können.

Auch kulturelle Referenzen wie Gri, Göttin der Jugend aus der griechischen Mythologie, symbolisieren die Kraft und Energie, die in dieser Generation steckt. Die Herausforderung besteht darin, diese Energie in konstruktive Bahnen zu lenken.

Fazit: Mehr als nur Wählerstatistiken

Die politische Landschaft unter Jugendlichen in Sachsen-Anhalt ist komplex. Sie spiegelt nicht nur parteipolitische Präferenzen wider, sondern auch tieferliegende gesellschaftliche Probleme: fehlende Perspektiven, soziale Ungleichheit und das Gefühl, nicht gehört zu werden.

Streetworker:innen wie Ronja Muth leisten hier wichtige Arbeit, indem sie zuhören, Fragen stellen und Räume schaffen, in denen sich Jugendliche sicher fühlen. Doch langfristig braucht es mehr: echte Beteiligungsmöglichkeiten, wirtschaftliche Perspektiven und eine Politik, die die Sorgen junger Menschen ernst nimmt – unabhängig davon, ob sie sich als rechts, links oder unpolitisch bezeichnen.

Die bevorstehende Landtagswahl wird zeigen, wie sich diese Dynamiken auf die politische Landschaft auswirken. Eines ist jedoch klar: Die Jugend in Sachsen-Anhalt hat viel zu sagen – es wird Zeit, dass wir ihr wirklich zuhören.

Quellen

Viel Platz für Frust
Politische Sozialisierung im Klassenzimmer



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