Schuster sieht Sicherheitslage als stabil, aber Sorgen bleiben
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat sich erneut zur Sicherheitslage jüdischer Gemeinden geäußert. In einem aktuellen Interview betonte er, dass die Situation für jüdisches Leben hierzulande im Vergleich zu anderen europäischen Ländern relativ sicher sei. Dennoch bestehe laut Schuster ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem – die Normalisierung von antisemitischen Haltungen im Alltag.
Diese Einschätzung steht im Kontext wachsender Spannungen infolge internationaler Krisen und innenpolitischer Polarisierung. Schuster warnte davor, Antisemitismus als Randphänomen zu betrachten, und forderte zu einem moralischen Schulterschluss auf: „Ein neuer Aufstand der Anständigen wäre notwendig, um klar Haltung zu zeigen.“
Gesellschaftliche Verantwortung und politische Maßnahmen
Schuster betonte, dass Sicherheit nicht allein durch Polizeischutz und Gesetze gewährleistet werden könne. Vielmehr brauche es einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, der auf Bildung, Aufklärung und Zivilcourage beruhe. Schon in den frühen 2000er-Jahren wurde der Begriff „Aufstand der Anständigen“ geprägt, nachdem rechtsextreme Übergriffe für breite Proteste gesorgt hatten. Diese moralische Bewegung müsse, so Schuster, neu belebt werden – diesmal gegen Antisemitismus, Rassismus und Hass in sozialen Medien.
Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren verschiedene Programme zur Förderung von Toleranz und zur Bekämpfung von Antisemitismus aufgelegt, darunter den Nationalen Aktionsplan gegen Antisemitismus (NAP) und das Demokratiefördergesetz. Dennoch zeigen aktuelle Studien, dass antisemitische Klischees in Teilen der Gesellschaft fortbestehen.
Angst vor gesellschaftlicher Gleichgültigkeit
Besonders beunruhigend findet Schuster die schleichende Gewöhnung an hetzerische Rhetorik im Netz. Auf sozialen Plattformen kursieren zunehmend antisemitische Verschwörungsnarrative, die oft unbehelligt bleiben. Laut einer Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld (2023) äußerten rund 40 % der Befragten zumindest unterschwellige antisemitische Denkmuster.
„Wenn die Anständigen schweigen, überlässt man das Feld den Lauten und den Hasserfüllten“, sagte Schuster. „Deshalb müssen wir wieder laut werden – für die Demokratie und für das friedliche Miteinander.“
Quellen
Zentralratspräsident Schuster hofft auf »neuen Aufstand der Anständigen«
Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster: Deutschland braucht einen „neuen Aufstand der Anständigen“