Scarlett Schwarzwald – dieser Name steht seit sechs Jahrenfür eines der rätselhaftesten Vermisstenfälle Deutschlands. Was als geplante Wandertour durch den Südschwarzwald begann, endete am 10. September 2020 in einem undurchdringlichen Schweigen. Scarlett Salice, damals 26 Jahre alt, wurde zuletzt in einem Supermarkt in Todtmoos gesehen. Seitdem fehlt jede Spur. Trotz 641 Hinweisen, monatelanger Suchaktionen und einer Belohnung von 100.000 Euro bleibt der Fall ungelöst. Doch warum ist dieser Vermisstenfall so besonders? Und was sagt er über die Risiken des Wanderns in abgelegenen Gebieten aus?
Ein Fall, der Deutschland bewegt
Es gibt Vermisstenfälle, die in den Archiven der Polizei verschwinden. Und dann gibt es Fälle wie den von Scarlett Salice, die das kollektive Bewusstsein einer ganzen Nation berühren. Sechs Jahre ohne Antwort. Sechs Jahre, in denen eine Familie auf ein Zeichen wartet. Sechs Jahre, in denen Freiwillige mit Metalldetektoren, Drohnen und Kletterausrüstung durch den Schwarzwald streifen.
Der Fall Scarlett Schwarzwald ist nicht nur eine persönliche Tragödie für die Familie Salice aus Bad Lippspringe. Er wirft fundamentale Fragen auf: Wie kann ein Mensch in einem der am besten erschlossenen Länder Europas einfach verschwinden? Warum bleiben trotz modernster Technik und hunderten Hinweisen alle Spuren kalt? Und vor allem: Was bedeutet das für die Tausenden von Wanderern, die jedes Jahr die gleichen Wege begehen?
Die letzten Stunden: Ein minutiöser Zeitstrahl
Die Fakten sind bekannt, doch ihre Bedeutung wird erst im Kontext klar. Am 4. September 2020 reiste Scarlett im Schwarzwald an. Fünf Etappen ihrer geplanten sechstägigen Tour absolvierte sie problemlos – darunter anspruchsvolle Abschnitte wie den Weg zum Schluchsee. Sie war erfahren, vorbereitet, allein unterwegs mit Zelt und Rucksack.
Der 10. September 2020 sollte die letzte Etappe bringen: den Schluchtensteig von Todtmoos nach Wehr. Um kurz nach 10 Uhr zeigen Überwachungskameras eines Supermarkts in Todtmoos die junge Frau – schwer bepackt, mit Mundschutz, beim Einkaufen. Gegen 10:48 Uhr besteht der letzte Kontakt via WhatsApp und Videotelefonie. Danach: Funkstille.
Was in den nächsten Stunden geschah, bleibt im Dunkeln. Scarlett kam nie bei ihrer Freundin in Wehr an. Die Familie meldete sie vermisst. Eine der größten Suchaktionen der Region begann – mit Hubschraubern, Hundestaffeln, Feuerwehr und Bergwacht. Ohne Ergebnis.
Warum dieser Fall anders ist
Experten für Vermisstenfälle weisen auf mehrere Besonderheiten im Fall Scarlett Schwarzwald hin. Erstens: das Fehlen jeglicher physischer Spuren. Keine Ausrüstung, keine Kleidung, keine persönlichen Gegenstände wurden gefunden – nicht einmal in den unwegsamsten Schluchten des Gebiets. Zweitens: Scarletts Erfahrung. Sie hatte kurz zuvor den Jakobsweg absolviert, fast 800 Kilometer in sechs Wochen. Sie war mit dem Rucksack in Asien unterwegs. Eine unerfahrene Wanderin, die sich verirrt, war sie nicht.
Drittens: die Einstellung des Todesermittlungsverfahrens nach zweieinhalb Jahren. Die Staatsanwaltschaft sah keine Hinweise auf eine Straftat. Kein Anfangsverdacht, keine forensischen Beweise. Der Fall bleibt als Vermisstensache offen – ein seltener Status, der bedeutet: Solange sie nicht gefunden wurde, kann sie noch leben.
Viertens: die anhaltende Dynamik. Monatlich gehen bei der Polizei drei bis vier neue Hinweise ein. Insgesamt 641 Meldungen wurden registriert. Einige Zeugen wollen Scarlett am Tag ihres Verschwindens oder sogar danach gesehen haben – auf Parkplätzen, an Wegen, in Ortschaften entlang der Route. Doch keine dieser Spuren führte zu einem Durchbruch.
Die Suchenden: Eine Bewegung aus Hoffnung
Hinter dem Fall Scarlett Schwarzwald hat sich etwas entwickelt, das über eine klassische Fahndung hinausgeht. Eine Facebook-Gruppe mit Tausenden Mitgliedern. Eine Website, die Hinweise sammelt und koordiniert. Ein „harter Kern” von Freiwilligen, die sich seit 2020 regelmäßig treffen, um zu suchen – trotz eigener Familien und Jobs.
Ralf Salice, Scarletts Vater, fährt viermal im Jahr aus Ostwestfalen nach Todtmoos. Er hängt Plakate auf, spricht mit Wanderern, organisiert Suchaktionen. Im Herbst 2025 lief eine Kampagne mit einem Smoothie-Hersteller: Zehntausende Flaschen mit Scarletts Foto wurden in Supermärkten in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. Die Reichweite war enorm, die konkreten Hinweise blieben aus.
Diese anhaltende Suche ist mehr als nur Beharrlichkeit. Sie ist ein Statement: Ein Menschenleben zählt mehr als Statistiken. Es ist ein Appell an die Zivilgesellschaft, wachsam zu bleiben. Und es ist ein Trost für die Familie – das Wissen, dass sie nicht allein sind.
Die Risiken des Wanderns: Was der Fall lehrt
Der Schwarzwald ist ein beliebtes Wandergebiet. Jahr für Jahr durchqueren Tausende die Schluchtensteige, die Hochmoore, die dichten Wälder. Die Bergwacht verzeichnete 2025 allein über 1.300 Einsätze – ein deutlicher Anstieg zum Vorjahr. Wanderunfälle gehörten zu den häufigsten Gründen.
Doch der Fall Scarlett Schwarzwald zeigt: Nicht jeder Unfall hinterlässt Spuren. In steilem, schluchtenreichem Gelände kann ein Sturz tödlich enden, ohne dass Ausrüstung gefunden wird. Die Schluchten sind tief, die Vegetation dicht, das Terrain unwegsam. Selbst erfahrene Wanderer können in Schwierigkeiten geraten – durch einen Fehltritt, einen Wettersturz, eine unerwartete gesundheitliche Krise.
Gleichzeitig bleibt die Möglichkeit eines Fremdverschuldens im Raum. Die Polizei ermittelt weiterhin in alle Richtungen. Doch ohne forensische Beweise, ohne DNA-Spuren, ohne konkrete Verdächtige bleibt dies Spekulation.
Die offenen Fragen: Was bleibt unklar?
Sechs Jahre nach dem Verschwinden von Scarlett Schwarzwald bleiben zentrale Fragen unbeantwortet:
- Warum brach der Kontakt so abrupt ab? Ein technisches Problem? Ein Unfall in einer Funkloch-Region? Oder etwas anderes?
- Wo ist die Ausrüstung? Wenn Scarlett verunglückte, müsste irgendwo ihr Rucksack, ihr Zelt, ihre Kleidung zu finden sein.
- Was bedeuten die 641 Hinweise? Sind es falsche Fährten? Oder verbergen sich darunter echte Spuren, die nur nicht richtig gedeutet wurden?
- Warum keine DNA-Spuren? Selbst auf einer gefundenen Sonnenbrille, die ihr gehört haben könnte, wurden keine biologischen Spuren sichergestellt.
Diese Fragen quälen die Familie. Sie treiben die Suchenden an. Und sie halten den Fall im öffentlichen Bewusstsein.
Was bedeutet „findet Scarlett” wirklich?
Die Parole „findet Scarlett” ist mehr als ein Hashtag. Sie ist ein Versprechen. Ein Versprechen, nicht aufzugeben. Ein Versprechen, dass ein Menschenleben zählt – auch nach sechs Jahren. Ein Versprechen, dass die Wahrheit ans Licht kommt, egal wie lange es dauert.
Für die Familie bedeutet es: Hoffnung auf Gewissheit. Für die Ermittler: die Pflicht, jeden Hinweis zu prüfen. Für die Gesellschaft: die Erinnerung, dass hinter jeder Statistik ein Schicksal steht.
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Die Suche geht weiter. Ralf Salice plant weitere Fahrten nach Todtmoos. Die Facebook-Gruppe organisiert regelmäßige Suchaktionen. Die Polizei wertet weiterhin monatlich neue Hinweise aus. Die Belohnung von 100.000 Euro bleibt ausgelobt.
Gleichzeitig wächst die Erkenntnis: Manche Fälle lassen sich nicht lösen. Nicht aus Mangel an Einsatz. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil die Natur des Geschehenen im Dunkeln bleibt. Doch solange es keine Gewissheit gibt, solange bleibt die Hoffnung.
Der Fall Scarlett Schwarzwald ist ein Mahnmal. Ein Mahnmal für die Risiken des Wanderns. Ein Mahnmal für die Grenzen der Ermittlungsarbeit. Und ein Mahnmal für die Kraft der Solidarität.
Scarlett Schwarzwald – dieser Name wird nicht vergessen. Nicht von der Familie. Nicht von den Suchenden. Und nicht von den Tausenden, die hoffen, dass eines Tages die Antwort kommt: Wo bist du nur?
Quellen
Junge Frau verschwindet auf Wandertour – wo ist Scarlett?
Vermisst im Schwarzwald: Seit sechs Jahren fehlt von Wanderin Scarlett Salice jede Spur






