10.10.2026
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Wildeshausen vor dem Wandel: Mädchen sollen beim Kinderschützenfest mitschießen dürfen

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@2026 taz

Schießen war beim Kinderschützenfest in Wildeshausen bisher Jungen vorbehalten. Nun empfiehltdas Offizierskorps, Mädchen künftig gleichberechtigt teilnehmen zu lassen. Ob daraus schon 2027 Wirklichkeit wird, entscheidet allerdingserst die Generalversammlung am 20. Februar2027.

Ein Vorschlag, noch kein Beschluss

Die Nachricht markiert eine überraschende Wende in einer Debatte, die sich über Jahre zugespitzt hat. Das Offizierskorps der Schützengilde hat sich für eine Öffnung des Kinderwettbewerbs ausgesprochen und will der Generalversammlung einen entsprechenden Antrag vorlegen. Nach Angaben des Gilde-Sprechers waren 38 Offiziere an der Abstimmung beteiligt; die Empfehlung fiel mit deutlicher Mehrheit aus.

Der nächste Schritt liegt damit bei der Generalversammlung – dem wichtigsten Vereinsorgan. Sie muss dem Vorschlag zustimmen, bevor Mädchen tatsächlich antreten können. Die Gilde stellt eine Umsetzung im Jahr 2027 in Aussicht, falls das Votum positiv ausfällt. Noch offen ist, ob Mädchen und Jungen in einem gemeinsamen Wettbewerb antreten oder ob es getrennte Wertungen geben wird.

Diese Unterscheidung ist mehr als eine organisatorische Detailfrage. Ein gemeinsamer Wettbewerb würde Gleichberechtigung unmittelbar sichtbar machen: Alle Kinder könnten nach denselben Regeln um die Königswürde kämpfen. Eine separate Konkurrenz könnte zwar den Einstieg erleichtern, zugleich aber eine neue Trennung schaffen. Welche Lösung die Gilde wählt, wird mitbestimmen, ob die Öffnung als echte Teilhabe oder lediglich als begrenzte Ergänzung erlebt wird.

Was bisher ausgeschlossen war

Beim Wildeshauser Kinderschützenfest durften bislang Jungen zwischen zehn und 14 Jahren mit einer Armbrust auf den sogenannten Papagoy schießen. Mädchen waren nicht Teil des Wettbewerbs. Ihre Rolle beschränkte sich unter anderem darauf, als Ehrendamen den Kinderkönig zu begleiten; selbst um die Königswürde konnten sie nicht antreten.

Der Streit betrifft deshalb nicht nur die Frage, wer am Schießstand stehen darf. Es geht auch darum, welche Aufgaben und Anerkennung Kindern innerhalb eines öffentlichen Festes zukommen. Wer mitmacht, kann sich als Teil des Brauchs erleben – wer nur begleitet, bleibt in einer anderen, weniger entscheidungsstarken Rolle. Gerade bei einem Fest, das Kinder an gemeinschaftliches Engagement und lokale Geschichte heranführen soll, ist diese Unterscheidung bedeutsam.

Die Auseinandersetzung wurde 2025 besonders sichtbar. Damals lehnte die Generalversammlung einen Antrag auf gleichberechtigte Teilnahme ab: 170 Mitglieder stimmten dafür, 292 dagegen. Im darauffolgenden Jahr organisierte die Initiative „Gilde für alle“ ein eigenes Angebot für Kinder aller Geschlechter. Der Wettbewerb mit Sandsäckchen beziehungsweise Cornhole schuf eine alternative Möglichkeit, sich zu messen – außerhalb des offiziellen Schützenwettbewerbs.

Tradition ist keine unveränderliche Regel

Die Gilde versteht sich als Hüterin des örtlichen Brauchtums. Ihre Statuten nennen Heimatpflege, traditionelle Bräuche und das Vogelschießen ausdrücklich als Vereinszwecke. Zugleich legen sie fest, dass ordentliche Mitglieder männlich sein müssen. Diese Regeln zeigen, warum die Debatte nicht mit einer einzelnen Änderung des Kinderprogramms erledigt sein muss: Die Frage nach der Teilnahme von Mädchen am Wettbewerb berührt ein Vereinsmodell, das in zentralen Bereichen weiterhin Männern vorbehalten ist.

Dabei ist wichtig, zwei Ebenen auseinanderzuhalten. Die geplante Öffnung betrifft zunächst das Kinderschützenfest – nicht automatisch die Mitgliedschaft von Frauen in der Gilde. Das aktuelle Vorhaben könnte also die Teilnahme von Mädchen am Wettbewerb ermöglichen, während die bestehenden Regeln für die Erwachsenenorganisation unverändert bleiben.

Für die Befürworterinnen und Befürworter ist das kein Grund, den Schritt kleinzureden. Eine Öffnung im Kinderbereich würde eine konkrete Benachteiligung beenden und zeigen, dass ein überliefertes Fest weiterentwickelt werden kann. Für Kritikerinnen und Kritiker bleibt dagegen die Frage, ob eine solche Änderung mit dem bisherigen Selbstverständnis vereinbar ist. Der Kern des Konflikts liegt deshalb weniger im Schießen selbst als in der Deutung von Tradition: Ist sie vor allem Bewahrung bestehender Rollen – oder eine gemeinsame Praxis, die sich mit der Stadt und ihren Kindern verändern darf?

Warum der Kurswechsel zählt

Dass die Initiative der Gilde selbst nun einen Antrag vorbereitet, verändert die Ausgangslage. 2025 kam der Vorstoß von außen und scheiterte in der Generalversammlung. Jetzt unterstützen führende Vertreter des Offizierskorps eine Öffnung und wollen sie den Mitgliedern zur Entscheidung vorlegen. Damit verschiebt sich die Debatte von einem Konflikt zwischen Aktivistinnen und Vereinsführung zu einer Frage, die innerhalb der Gilde erneut entschieden werden muss.

Das bedeutet nicht, dass das Ergebnis feststeht. Die Ablehnung von 2025 macht deutlich, dass es in der Versammlung unterschiedliche Auffassungen gibt. Auch ist die Teilnahmeberechtigung nicht einfach durch die Empfehlung des Offizierskorps geschaffen: Das letzte Wort hat die Generalversammlung. Die entscheidende Frage wird sein, ob sich seit der vergangenen Abstimmung genügend Mitglieder überzeugen ließen, dass eine Öffnung den Brauch nicht zerstört, sondern seine Zukunft sichern kann.

Darin steckt ein praktischer Gedanke: Ein Fest bleibt nicht allein deshalb lebendig, weil seine Abläufe unverändert bleiben. Es braucht auch Menschen, die sich mit ihm identifizieren und es an die nächste Generation weitergeben. Wenn Kinder erleben, dass ihnen eine zentrale Rolle unabhängig vom Geschlecht offensteht, kann das die Bindung an den Ort und das Fest stärken. Bleiben bestimmte Aufgaben dagegen dauerhaft einer Gruppe vorbehalten, kann der Brauch für andere zunehmend wie eine Veranstaltung wirken, in der sie zwar willkommen sind, aber nicht wirklich dazugehören.

Der Blick über den Wettbewerb hinaus

Auch nach einem positiven Votum bleiben Fragen zu klären. Welche Altersgrenzen gelten genau? Wie werden Sicherheit und Ablauf organisiert? Welche Regeln gelten bei Gleichstand oder bei der Ermittlung der Königswürde? Und was geschieht mit den bisherigen Rollen der Ehrendamen? Die Gilde hat zu diesen Details bislang keine abschließenden Pläne vorgelegt.

Eine sorgfältige Vorbereitung wäre deshalb entscheidend. Dazu gehört nicht nur, die technischen Regeln für das Armbrustschießen festzulegen. Ebenso wichtig ist eine klare Kommunikation an Familien und Kinder: Wer darf teilnehmen, wie läuft die Anmeldung, und was bedeutet „gleichberechtigt“ konkret? Transparente Antworten können verhindern, dass die Öffnung zwar beschlossen wird, ihre Umsetzung aber neue Unsicherheit oder den Eindruck einer Sonderlösung erzeugt.

Der Fall Wildeshausen berührt außerdem eine größere Herausforderung für Vereine: Teilhabe wird nicht allein durch eine formale Einladung hergestellt. Entscheidend ist, ob Menschen tatsächlich Zugang zu den Aufgaben, Symbolen und Entscheidungen bekommen, die ein Gemeinschaftsereignis prägen. Die Debatte zeigt damit, dass Inklusion kein einmaliger Beschluss ist, sondern eine fortlaufende Aufgabe.

Februar wird zum Prüfstein

Bis zur Generalversammlung bleibt die Öffnung eine Empfehlung, kein beschlossenes Recht. Der Termin am 20. Februar 2027 wird daher zum Prüfstein für den Wandel: Bestätigen die Mitglieder den Vorschlag, könnte das Kinderschützenfest noch im selben Jahr erstmals Mädchen zum Wettbewerb zulassen.

Für die Initiative „Gilde für alle“ ist die Zustimmung des Offizierskorps ein wichtiges Signal, aber noch kein Grund, die Umsetzung als sicher anzusehen. Sie hat angekündigt, genau darauf zu achten, wie ernst es der Gilde mit der neuen Haltung ist. Das ist nachvollziehbar: Nach der Ablehnung von 2025 entscheidet nicht nur das Ergebnis, sondern auch, ob aus einer öffentlichen Debatte eine verlässliche Veränderung wird.

Sollten Mädchen künftig mitschießen, würde das nicht jede Grundsatzfrage zur Gilde beantworten. Es wäre aber ein sichtbarer Schritt: Kinder könnten dann nicht nur am Rand des Wettbewerbs stehen, sondern selbst um die Königswürde antreten. Ob dieser Schritt gelingt, entscheiden die Mitglieder – und mit ihnen, welches Verständnis von gelebter Tradition das Kinderschützenfest künftig prägen soll.

Quellen

Bald auch Mädchen beim Schützenfest
Mädchen sollen auch schießen dürfen: Schützenoffiziere für Änderung

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