11.10.2026
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Winfried Kretschmann im Ruhestand: Wenn aus dem Regierungschef ein Tablet-Nutzer wird

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@2026 dpa Baden

Winfried Kretschmann hat Baden-Württemberg über 15 Jahre geprägt, Koalitionen zusammengehalten und politische Krisen mit einer Mischungaus Ruhe, Pragmatismus und südwestdeutscher Bodenständigkeit begleitet. Doch nach seinem Abschied aus demAmt zeigt sich eine überraschend alltagsnahe Seite des langjährigen Ministerpräsidenten: Sein größter Gegner ist derzeit nicht die Opposition, sondern sein eigenes Tablet.

Im Gespräch mit der „taz“ beschrieb der 78-Jährige, dass ihn vor allem digitale Geräte im neuen Alltag vor Probleme stellen. Ein plötzlich geöffnetes Fenster auf dem Bildschirm könne ihn völlig aus dem Konzept bringen. „Dann bin ich hilflos“, sagte Kretschmann über solche Situationen.

Ein Abschied, der mehr verändert als das Amt

Der Rückzug aus der Politik bedeutet für Winfried Kretschmann nicht nur das Ende von Terminen, Reden und Regierungssitzungen. Er bedeutet auch den Verlust einer ganzen Infrastruktur: Mitarbeitende, technische Unterstützung, Protokolle, Vorbereitungen und Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass ein Regierungschef sich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren kann.

Genau darin liegt der eigentliche Kern dieser Geschichte. Kretschmanns Tablet-Probleme wirken auf den ersten Blick amüsant, sind aber zugleich ein ehrliches Beispiel dafür, wie stark politische Ämter von Unterstützungssystemen getragen werden. Im Regierungsbetrieb war immer jemand da, der wusste, wie ein Gerät funktioniert oder ein technischer Fehler behoben werden kann. Im Privatleben fällt dieser Sicherheitsnetz weg.

Das macht die Situation nachvollziehbar. Ein Mensch, der jahrzehntelang komplexe politische Prozesse gesteuert hat, muss sich nach dem Ruhestand mit Dingen auseinandersetzen, die für viele selbstverständlich erscheinen: Updates, Pop-ups, Menüs, Passwörter und Benachrichtigungen. Die Schwierigkeit liegt dabei nicht unbedingt im Mangel an Intelligenz, sondern in der veränderten Rolle. Kretschmann war es gewohnt, dass Technik funktioniert, wenn sie funktioniert. Sobald sich etwas unerwartet verändert, entsteht Stress.

Warum diese Offenheit bemerkenswert ist

Viele ehemalige Spitzenpolitiker erzählen nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt von Freiheit, Reisen, Familie oder neuen Projekten. Winfried Kretschmann wählt einen anderen Ton. Er spricht nicht großspurig über seinen neuen Lebensabschnitt, sondern nennt ein konkretes, menschliches Problem. Diese Ehrlichkeit macht ihn nahbar.

Sein Abschied als Ministerpräsident war zugleich das Ende einer politischen Ära. Von 2011 bis 2026 führte Kretschmann Baden-Württemberg, zunächst in einer Koalition mit der SPD und später mit der CDU. Am 13. Mai 2026 übernahm sein Parteifreund Cem Özdemir das Amt; die neue Landesregierung wird ebenfalls von Grünen und CDU getragen.

Dass ausgerechnet ein Mann mit einer solchen politischen Erfahrung über ein Tablet klagt, hat Symbolkraft. Es erinnert daran, dass Digitalisierung nicht nur ein Thema für Ministerien, Unternehmen und Schulen ist. Sie verändert auch den Alltag älterer Menschen, die nicht in einem professionell unterstützten Umfeld arbeiten. Wenn selbst ein langjähriger Regierungschef von digitalen Hürden spricht, wird deutlich, wie wichtig verständliche Bedienung, gute Beratung und geduldige Hilfe sind.

Technik, Vertrauen und die Grenzen der Digitalisierung

Kretschmanns Bemerkung, er könne nur mit Geräten umgehen, solange sie so funktionieren wie immer, trifft einen wichtigen Punkt. Digitale Systeme setzen oft voraus, dass Nutzer ständig lernen, sich anpassen und Fehler selbst lösen. Für jüngere Menschen ist das häufig Routine. Für ältere Nutzer kann jeder kleine Bruch im gewohnten Ablauf jedoch ein echtes Hindernis sein.

Interessant ist auch sein Hinweis auf die Tech-Giganten. Wenn die Unternehmen, die diese Technologien entwickeln, selbst vor den Folgen ihrer Produkte warnen, sei das bezeichnend, sagte Winfried Kretschmann. Damit bringt er eine Kritik auf den Punkt, die weit über sein persönliches Tablet-Problem hinausgeht: Technik wird oft als Fortschritt verkauft, doch ihr Nutzen hängt stark davon ab, ob Menschen sie verstehen, kontrollieren und ohne Angst benutzen können.

Für die Politik bedeutet das: Digitalisierung darf nicht nur bedeuten, dass Behörden Formulare online stellen oder Termine digital gebucht werden können. Sie muss auch die Menschen erreichen, die nicht digitalaffin sind, keine technische Unterstützung im Haushalt haben oder schlicht nicht jedes Update mitverfolgen wollen. Kretschmanns Erfahrung zeigt, wie schnell ein vermeintlich kleines Problem zur Barriere werden kann.

Vom Honoratiorentisch ins Gartenfest

Neben der Technik beschreibt Winfried Kretschmann auch eine soziale Veränderung. Statt am Honoratiorentisch zu sitzen, sei er nun beim Gartenfest in Laiz „bei den Leuten“. Das klingt nach einer kleinen Szene, enthält aber eine bemerkenswerte Einsicht über das Leben nach politischer Macht.

Als Ministerpräsident spricht man in der Regel mit Menschen, die ein Thema vorbereitet haben, eine Position vertreten oder ein Anliegen professionell formulieren. Im Alltagsgespräch entsteht etwas anderes: ungeplante Fragen, persönliche Geschichten, Kritik ohne Agenda und Gespräche, die nicht auf ein Ergebnis hinauslaufen. Kretschmann selbst betont, dass es ein Unterschied sei, ob man ein Thema intensiv am Tisch bespricht oder drei Stunden Alltagsgespräche führt.

Diese Erfahrung könnte für ihn eine neue Form politischer Wahrnehmung eröffnen. Wer nicht mehr ständig als Entscheidungsträger auftritt, hört möglicherweise anders zu. Er wird nicht mehr sofort mit Erwartungen, Forderungen oder Verantwortung konfrontiert. Gleichzeitig verliert er den direkten Zugang zu Informationen, Beratern und Entscheidungsprozessen. Der Ruhestand ist daher kein einfacher Übergang, sondern eine Neuorientierung.

Das Haus von Winfried Kretschmann als Rückzugsort

Ein wichtiger Teil dieser Neuorientierung dürfte sein privates Umfeld sein. Winfried Kretschmann blieb auch während seiner Amtszeit seiner Heimat Laiz bei Sigmaringen verbunden und nutzte die Dienstvilla in Stuttgart nicht als Wohnsitz. Das Haus von Winfried Kretschmann steht damit symbolisch für eine politische Biografie, die stets zwischen staatlicher Verantwortung und regionaler Verwurzelung pendelte.

Nach dem Abschied gewinnt dieser Ort vermutlich eine noch größere Bedeutung. Statt Villa Reitzenstein, Kabinettssitzungen und Staatsbesuche bestimmen nun Gartenfest, Nachbarschaft und private Routinen den Alltag. Das ist kein Rückzug aus der Gesellschaft, sondern eine Verschiebung der Perspektive: weg von der Bühne, hin zum unmittelbaren Umfeld.

Familie, Namen und öffentliche Wahrnehmung

In der öffentlichen Diskussion tauchen gelegentlich Namen wie Christian Kretschmann oder Michael Kretschmann auf. Sie zeigen, wie stark der Nachname mit der politischen Geschichte Baden-Württembergs verbunden ist. Doch im Zentrum der aktuellen Berichte steht klar Winfried Kretschmann selbst: nicht als aktiver Regierungschef, sondern als Mensch, der nach dem Abschied seinen Alltag neu ordnet.

Diese Verschiebung ist auch medial interessant. Während seiner Amtszeit wurde Kretschmann vor allem als verlässlicher, konsensorientierter und populärer Landesvater wahrgenommen. Jetzt entsteht ein anderes Bild: das eines älteren Mannes, der offen zugibt, dass ihn digitale Geräte überfordern können. Gerade diese Verletzlichkeit könnte seine öffentliche Wahrnehmung langfristig noch verstärken.

Was von der Ära Kretschmann bleibt

Winfried Kretschmanns Abschied markiert einen Generationswechsel in der baden-württembergischen Politik. Cem Özdemir tritt mit einem anderen Kommunikationsstil und einem anderen politischen Tempo an. Beobachter beschreiben ihn als direkter, schneller und stärker auf öffentliche Debatten ausgerichtet als seinen Vorgänger.

Für Kretschmann bedeutet das zugleich eine Entlastung. Der tägliche Politikbetrieb nervt ihn inzwischen nicht mehr, sagte er. Die Konflikte, Kompromisse und öffentlichen Auseinandersetzungen gehören nun anderen. Seine Aufgabe ist es offenbar, einen neuen Rhythmus zu finden – ohne Apparat, ohne Terminkalender und ohne jemanden, der im Zweifel das Tablet repariert.

Eine Lektion für die digitale Gesellschaft

Die Geschichte von Winfried Kretschmann und seinem Tablet ist deshalb mehr als eine Anekdote über einen ehemaligen Ministerpräsidenten. Sie zeigt, dass digitale Teilhabe keine Selbstverständlichkeit ist. Sie hängt davon ab, ob Technik menschlich gestaltet wird, ob Hilfe verfügbar ist und ob Gesellschaften akzeptieren, dass nicht jeder Nutzer dieselben Voraussetzungen mitbringt.

Kretschmanns Offenheit macht daraus eine politische Botschaft, ohne sie als solche zu formulieren: Fortschritt muss messbar sein an der Frage, ob er Menschen wirklich hilft. Ein Gerät, das im entscheidenden Moment ein Fenster öffnet und den Nutzer ratlos zurücklässt, ist dann kein Fortschritt, sondern eine kleine alltägliche Niederlage.

Für Winfried Kretschmann beginnt nun eine Phase, in der er nicht mehr über Koalitionen, Haushalte oder Landespolitik entscheidet. Stattdessen muss er lernen, mit einem Gerät umzugehen, das scheinbar einfach ist, aber genau dann kompliziert wird, wenn etwas unerwartet passiert. Vielleicht ist das die ehrlichste Beschreibung seines Ruhestands: weniger Macht, mehr Alltag – und ein Tablet, das nicht immer mitdenkt.

Quellen

Kretschmann kämpft mit seinem Tablet: «Dann bin ich hilflos»
„Ich habe mir die AfD nie umfassend vorgeknöpft“

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