30.10.2026
5 Minuten Lesezeit

Dunkelflaute in Deutschland: Warum der Strompreis von 13 auf über 300 Euro springt

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© 2026 Jochen Tack/imago

Dunkelflaute ist derzeit kein abstraktes Schlagwort aus der Energiedebatte, sondern eine spürbareMarktrealität: Innerhalb weniger Tage ist der deutsche Großhandelspreis für Strom von rund 13 auf mehr als 300 Euro je Megawattstunde gestiegen. In einzelnen Abendstundenwurden sogar Werte jenseits von 500 Euro erreicht. Der Grund ist eine Wetterlage, die Wind- und Solarstromgleichzeitig schwächelt – ausgerechnet dann, wenn kältere Temperaturen den Energiebedarf steigen lassen.

Die aktuelle Dunkelflaute Deutschland zeigt mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, wie empfindlich das Stromsystem auf das Zusammenspiel von Wetter, Gaspreisen und Verbrauch reagiert. Noch am Sonntag war Strom zeitweise für nur 13 Euro gehandelt worden. Wenige Tage später kostet dieselbe Megawattstunde im Day-Ahead-Handel mehr als 300 Euro. Das ist kein einfacher Preisanstieg, sondern ein Ausdruck davon, wie schnell sich die Energieversorgung zwischen Überschuss und Knappheit bewegen kann.

Wenn Wind und Sonne gleichzeitig ausfallen

Der Begriff Dunkelflaute beschreibt eine Phase, in der weder Windkraft noch Photovoltaik nennenswert Strom liefern. Es ist dunkel oder stark bewölkt, die Sonne trägt kaum zur Stromerzeugung bei, und zugleich fehlt Wind für die Rotoren der Windräder. Diese Kombination ist nicht neu, aber sie wird in einem Stromsystem mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien wirtschaftlich immer wichtiger.

Über Deutschland hat sich derzeit ein Hochdruckgebiet festgesetzt. Es bringt kühles, trübes und vielerorts nebliges Wetter mit sich. Genau diese Bedingungen sind für die Stromerzeugung ungünstig: Hochdruck bedeutet häufig wenig Luftbewegung, während dichte Wolkendecken die Solarproduktion stark begrenzen. Die Folge ist eine doppelte Schwächung der erneuerbaren Einspeisung.

Die deutsche Windkraft soll nach aktuellen Prognosen bis in die kommende Woche hinein im Tagesdurchschnitt unter sieben Gigawatt bleiben. Das entspricht weniger als der Hälfte des bisherigen Jahresmittels. Gleichzeitig bleibt die Sonne hinter Wolken verborgen. Damit fehlt dem Strommarkt plötzlich ein erheblicher Teil der sonst üblichen Erzeugung.

Warum aus 13 Euro schnell über 300 Euro werden

Der Strommarkt funktioniert grundsätzlich nach einem einfachen Prinzip: Die teuerste Kraftwerkstechnologie, die zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird, setzt häufig den Preis für den gesamten Markt. Wenn viel günstiger Wind- und Solarstrom verfügbar ist, sinken die Preise. Wenn diese Quellen ausfallen, müssen teurere Kraftwerke einspringen.

Genau das passiert in der aktuellen Dunkelflaute 2025 und der nun beginnenden Heizsaison. Gaskraftwerke übernehmen einen großen Teil der fehlenden Erzeugung. Doch Erdgas ist derzeit teuer: Der europäische Gaspreis hat erstmals seit der Energiekrise 2022 wieder die Marke von 100 Euro je Megawattstunde überschritten. Wer Gas zur Stromerzeugung nutzt, muss diese hohen Brennstoffkosten einkalkulieren.

Daraus entsteht eine kostentreibende Kette: Kaum Wind und Sonne erhöhen den Bedarf an flexiblen Kraftwerken. Diese Kraftwerke benötigen teures Gas. Gleichzeitig steigt wegen sinkender Temperaturen der Heizbedarf. In Ländern mit vielen elektrischen Heizungen wächst dadurch zusätzlich die Stromnachfrage. Das Ergebnis sind extreme Preisspitzen, besonders in den Abendstunden, wenn Haushalte kochen, heizen und Licht einschalten.

Kein Grund zur Panik – aber ein Warnsignal

Für die meisten Haushalte bedeutet der Börsenpreis von über 300 Euro nicht, dass sich die Stromrechnung über Nacht vervielfacht. Wer einen klassischen Festpreistarif hat, zahlt zunächst weiterhin den vereinbarten Arbeitspreis. Die Börsenpreise wirken sich eher mittelbar aus, etwa wenn Anbieter ihre Tarife neu kalkulieren oder neue Verträge abschließen.

Trotzdem ist die aktuelle Entwicklung ein wichtiges Warnsignal. Sie zeigt, dass Dunkelflaute nicht nur ein technisches Problem für Netzbetreiber ist, sondern auch eine wirtschaftliche Herausforderung für Verbraucher, Industrie und Energiepolitik. Besonders energieintensive Unternehmen, die Strom direkt am Markt beschaffen, spüren solche Schwankungen deutlich schneller als Privathaushalte.

Wichtig ist dabei: Eine Dunkelflaute bedeutet nicht automatisch einen Blackout. Das deutsche Stromsystem verfügt über Reservekraftwerke, internationale Stromverbindungen, Speicher und regelbare Erzeuger. Die Versorgungssicherheit war auch bei früheren Flauten gewährleistet. Die Frage ist weniger, ob das Licht ausgeht, sondern zu welchem Preis Energie in solchen Stunden bereitgestellt werden kann.

Die Schwachstelle liegt im Winter

Die aktuelle Wetterlage trifft in einer besonders heiklen Phase. Die Heizsaison hat begonnen, die Tage sind kürzer, und der Strombedarf steigt tendenziell. Gleichzeitig produzieren Solaranlagen im Winter ohnehin deutlich weniger als im Sommer. Fällt nun auch der Wind aus, verengt sich der Spielraum für das Stromsystem erheblich.

Dunkelflaute 2025 hatte bereits gezeigt, wie schnell Preise reagieren können. In mehreren Phasen mit wenig Wind und Sonne stiegen die Börsenpreise zeitweise stark an, ohne dass die Versorgung zusammenbrach. Der aktuelle Preissprung ist daher weniger ein Einzelfall als eine Wiederholung eines strukturellen Musters: Erneuerbare Energien liefern im Jahresmittel immer mehr Strom, doch in bestimmten Wetterlagen entsteht eine Lücke, die teuer geschlossen werden muss.

Diese Lücke wird umso größer, je länger die Flaute anhält. Batteriespeicher können kurze Spitzen gut abfedern, etwa am Abend, wenn Solarstrom fehlt und der Verbrauch hoch ist. Bei einer mehrtägigen Phase mit kaum Wind und kaum Sonne stoßen sie jedoch an Grenzen, weil sie zuvor geladen werden müssen. Für solche Zeiträume bleiben flexible Kraftwerke, Stromimporte und große Speicherlösungen entscheidend.

Warum Gaspreise den Strompreis verstärken

Die aktuelle Situation wird durch den Gasmarkt verschärft. Erdgas ist nicht nur ein Brennstoff für Heizungen und Industrie, sondern in Zeiten der Dunkelflaute auch ein zentraler Stützpfeiler der Stromerzeugung. Steigen die Gaspreise, steigen tendenziell auch die Kosten für jene Kraftwerke, die in windarmen und sonnenarmen Stunden einspringen.

Das erzeugt eine doppelte Abhängigkeit. Deutschland braucht Gas einerseits für Wärme, andererseits zunehmend als flexible Reserve für das Stromsystem. Wenn beide Nachfragen gleichzeitig steigen, wird der Druck auf Beschaffung, Speicher und internationale Märkte größer. Eine Dunkelflaute Deutschland wird dadurch nicht nur zu einem Strompreisproblem, sondern zu einem gesamtwirtschaftlichen Energiedrucktest.

Zugleich zeigt sich hier eine politische Zwickmühle. Gaskraftwerke sind kurzfristig unverzichtbar, weil sie schnell hochgefahren werden können. Langfristig sollen sie jedoch klimaneutraler werden, etwa durch den Einsatz von Wasserstoff. Bis dahin bleibt Erdgas ein teurer und klimapolitisch umstrittener Puffer für Wetterlagen, in denen Wind und Sonne nicht liefern.

Was Verbraucher jetzt tun können

Für Privathaushalte lohnt ein nüchterner Blick auf den eigenen Stromtarif. Festpreistarife bieten Planungssicherheit, während variable Tarife oder dynamische Strompreise von Börsenschwankungen stärker betroffen sein können. Wer einen dynamischen Tarif nutzt, kann von günstigen Stunden profitieren, muss aber auch mit Preisspitzen rechnen.

Praktisch bedeutet das: Stromintensive Geräte wie Waschmaschine, Trockner, Geschirrspüler oder das Laden eines E-Autos lassen sich, wenn möglich, in Stunden mit niedriger Nachfrage verlegen. In Zeiten einer Dunkelflaute sind das häufig die Mittagsstunden, sofern überhaupt Solarstrom verfügbar ist, oder späte Nachtstunden. Am Abend hingegen, wenn Heizungen, Beleuchtung und Haushaltsgeräte gleichzeitig laufen, sind die Preise besonders hoch.

Auch Wärmepumpenbesitzer können von intelligenten Steuerungen profitieren. Wer Wärme in günstigen Stunden erzeugt und in einem Pufferspeicher zwischenspeichert, reduziert die Abhängigkeit von teuren Abendstunden. Das ersetzt keine umfassende Energiewende, kann aber helfen, die eigenen Kosten besser zu steuern.

Was Deutschland künftig braucht

Die aktuelle Dunkelflaute macht deutlich, dass der Ausbau erneuerbarer Energien allein nicht ausreicht. Entscheidend ist ein System, das auch dann funktioniert, wenn Windräder stillstehen und Solarmodule kaum liefern. Dazu gehören größere und langlebigere Speicher, flexible Kraftwerke, eine stärkere Vernetzung mit europäischen Nachbarländern sowie eine intelligentere Steuerung des Verbrauchs.

Batteriespeicher sind für stundenweise Engpässe besonders wertvoll. Sie können tagsüber überschüssigen Solarstrom aufnehmen und abends wieder abgeben. Für mehrtägige Flauten brauchen sie jedoch Ergänzung: Wärmespeicher, wasserstofffähige Kraftwerke, flexible Biogasanlagen und Netze, die Strom dorthin transportieren können, wo er gerade benötigt wird.

Gleichzeitig gewinnt das Lastmanagement an Bedeutung. Statt nur die Erzeugung an den Verbrauch anzupassen, muss künftig auch der Verbrauch flexibler werden. Industrie, Wärmepumpen, E-Autos und Haushaltsgeräte können so gesteuert werden, dass sie Strom dann nutzen, wenn er verfügbar und günstig ist. Das entlastet nicht nur das Netz, sondern kann auch Preisspitzen in Dunkelflauten abmildern.

Ein Vorgeschmack auf künftige Winter

Die aktuelle Preisspitze ist ein Vorgeschmack darauf, wie der Strommarkt in den kommenden Wintern funktionieren könnte. Erneuerbare Energien liefern zunehmend günstigen Strom, aber ihre Verfügbarkeit schwankt mit dem Wetter. Solange die Systeme für Speicherung, Flexibilität und gesicherte Leistung nicht schnell genug ausgebaut werden, bleiben Perioden mit kaum Wind und Sonne teuer.

Die gute Nachricht: Deutschland steht nicht vor einer Versorgungskrise, sondern vor einer Beschaffungs- und Preiskrise. Die schlechte Nachricht: Ohne zusätzliche Speicher, flexible Kraftwerke und intelligentere Verbrauchssteuerung könnten solche Preissprünge häufiger auftreten. Die Dunkelflaute wird damit zum wichtigsten Belastungstest der Energiewende – nicht weil sie die Energiewende scheitern lässt, sondern weil sie zeigt, welche Bausteine noch fehlen, damit günstiger Wind- und Solarstrom auch in windstillen, dunklen Wochen verlässlich und bezahlbar bleibt.

Quellen

Dunkelflaute rollt über Deutschland: Strompreis springt von 13 auf über 300 Euro
Europe’s first winter ‘Dunkelflaute’ sends power prices soaring

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