Strompreis und Gaspreis entwickeln sich derzeit in entgegengesetzte Richtungen. WährendHaushalte für neue Gasverträge deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen, hat sich der Strompreis für Neukunden im bundesweiten Durchschnitt leicht reduziert. Der Grund liegt in der unterschiedlichen Reaktion beider Energiemärkte auf die angespannte geopolitische Lage im Nahen Osten.
Die Eskalation rund um den Iran und die Sperrung der Straße von Hormus sorgen an den internationalen Energiemärkten für erhebliche Unsicherheit. Über diese wichtige Route wird ein großer Teil der weltweiten Öl- und Flüssiggastransporte abgewickelt. Schon die Sorge vor Lieferausfällen reicht aus, um Preise innerhalb kurzer Zeit stark schwanken zu lassen.
Für Verbraucher bedeutet das: Die Entwicklung an der Börse kommt nicht überall gleich schnell und stark an. Gasverträge reagieren derzeit besonders empfindlich, während sich der Strompreis für Neukunden etwas entspannter zeigt. Das Bild ist jedoch komplexer, als es die Schlagzeile „Energiepreise steigen um 20 Prozent“ vermuten lässt.
Gas wird für Neukunden spürbar teurer
Nach aktuellen Auswertungen des Vergleichsportals Verivox sind die günstigsten empfohlenen Gastarife seit Anfang März in allen Bundesländern deutlich gestiegen. Im bundesweiten Durchschnitt erhöhte sich der Preis von 8,37 auf 9,88 Cent pro Kilowattstunde. Das entspricht einem Anstieg von 18,05 Prozent.
Besonders stark fiel die Entwicklung in Rheinland-Pfalz und Thüringen aus. Dort verteuerten sich die günstigsten empfohlenen Tarife um jeweils rund 20 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern lag der Anstieg bei 19,35 Prozent, in Bayern bei 18,72 Prozent. Selbst in den Bundesländern mit den geringsten Steigerungen mussten Neukunden noch mehr als 15 Prozent zusätzlich einkalkulieren.
Auf den ersten Blick wirkt diese Entwicklung dramatisch. Die Prozentzahl allein erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Entscheidend ist auch der absolute Anstieg: Der Preis legte im Durchschnitt um etwa 1,5 Cent je Kilowattstunde zu.
Für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden ergibt sich daraus eine zusätzliche Belastung von ungefähr 300 Euro im Jahr. Das ist für viele Familien durchaus relevant, liegt aber deutlich unter dem Eindruck, den ein Anstieg von mehr als 20 Prozent zunächst vermittelt.
Warum die Grundversorgung kaum reagiert
Auffällig ist der Unterschied zwischen den Neukundentarifen und der Grundversorgung. Während günstige Angebote am Markt erheblich teurer wurden, blieben die Grundversorgungstarife nahezu unverändert. Im bundesweiten Durchschnitt sanken sie beim Gas sogar geringfügig von 13,44 auf 13,39 Cent pro Kilowattstunde.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Grundversorgung preiswert ist. Sie liegt weiterhin deutlich über den günstigsten empfohlenen Tarifen. Verbraucher, die nie gewechselt haben oder nach einem Umzug automatisch in der Grundversorgung landen, zahlen daher häufig einen hohen Aufschlag.
Eine Ausnahme bildet Bremen. Dort stieg der Grundversorgungspreis um 3,81 Prozent. Insgesamt zeigt sich aber: Die aktuelle Marktbewegung trifft vor allem diejenigen, die jetzt einen neuen Vertrag abschließen müssen oder bewusst einen Anbieterwechsel planen.
Für Bestandskunden hängt die konkrete Belastung davon ab, ob ihr Vertrag eine Preisgarantie enthält, wann die nächste Anpassung vorgesehen ist und wie der jeweilige Anbieter seine Beschaffung organisiert hat. Ein unmittelbarer Anstieg an den internationalen Märkten bedeutet daher nicht automatisch, dass jede Rechnung sofort teurer wird.
Der Strompreis bewegt sich in die andere Richtung
Beim Strom zeigt sich ein deutlich anderes Bild. Der durchschnittliche Preis für den günstigsten empfohlenen Tarif für Neukunden sank von 25,47 auf 24,55 Cent pro Kilowattstunde. Das entspricht einem Rückgang von 3,6 Prozent.
Am stärksten fiel die Entlastung in Hamburg aus. Dort sank der günstigste Tarif von 29,09 auf 26,55 Cent pro Kilowattstunde – ein Minus von 8,71 Prozent. Auch in Nordrhein-Westfalen und Bremen gingen die Preise zurück. In Rheinland-Pfalz und Berlin fiel die Entspannung mit weniger als drei Prozent hingegen deutlich moderater aus.
Für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden im Jahr ergibt ein Rückgang um knapp einen Cent je Kilowattstunde eine jährliche Ersparnis von rund 32 Euro. Das ist keine massive Entlastung, kann aber zusammen mit einem günstigen Vertrag, einem niedrigeren Verbrauch oder einem Bonus spürbar werden.
Der Strompreis zeigt damit momentan eine gewisse Stabilität, obwohl auch der Strommarkt von geopolitischen Risiken betroffen ist. Das liegt unter anderem daran, dass Strom aus mehreren Quellen erzeugt wird. Neben Gas spielen erneuerbare Energien, Kohle, Kernenergie in anderen europäischen Ländern und grenzüberschreitender Stromhandel eine Rolle.
Warum Gas und Strom nicht gleich reagieren
Die unterschiedliche Entwicklung lässt sich vor allem durch die Struktur der beiden Märkte erklären. Gas wird direkt als Brennstoff gehandelt und ist stark von internationalen Lieferwegen, Speichern und Importmöglichkeiten abhängig. Wenn eine wichtige Transportroute gefährdet ist, steigen die Beschaffungskosten oft schnell.
Beim Strom ist die Lage komplizierter. Der Strompreis entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Kraftwerke, der Nachfrage, des Wetters, der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und des europäischen Stromhandels. Gas beeinflusst zwar häufig den Preis, ist aber nur ein Teil des gesamten Systems.
Wenn Wind- und Solaranlagen viel Strom produzieren, kann das den Börsenpreis drücken. Gleichzeitig können stabile Lieferketten, volle Speicher oder eine geringere Nachfrage dafür sorgen, dass sich ein Schock am Gasmarkt nicht im gleichen Umfang beim Strom bemerkbar macht.
Hinzu kommt, dass Endkundenpreise nicht ausschließlich aus den aktuellen Einkaufskosten bestehen. Netzentgelte, Steuern, Abgaben, Vertriebskosten und die Marge des Anbieters machen einen erheblichen Anteil der Rechnung aus. Deshalb reagiert der Strompreis für Verbraucher oft zeitverzögert und weniger stark als der Preis an den Energiebörsen.
Grundversorgung bleibt ein teurer Sicherheitsanker
Besonders kritisch ist die Situation für Haushalte in der Strom-Grundversorgung. In Thüringen lag der Preis laut Auswertung bei 47,08 Cent je Kilowattstunde, in Hamburg bei 44,26 Cent. Damit liegen diese Tarife deutlich über den günstigsten Angeboten für Neukunden.
Die Grundversorgung erfüllt eine wichtige Funktion: Niemand steht nach einem Umzug oder einer Kündigung ohne Strom oder Gas da. Der örtliche Grundversorger muss die Belieferung sicherstellen. Diese Sicherheit hat jedoch ihren Preis.
Wer dauerhaft in der Grundversorgung bleibt, sollte deshalb regelmäßig prüfen, ob ein Wechsel möglich ist. Dabei darf nicht nur der erste Jahrespreis betrachtet werden. Wichtig sind auch die Vertragslaufzeit, die Kündigungsfrist, die Preisgarantie, die Bedingungen nach Ablauf von Bonuszahlungen und die Frage, ob der Anbieter eine monatliche oder jährliche Abschlagszahlung verlangt.
Ein besonders niedriger Einstiegspreis kann sich als kurzfristiges Lockangebot erweisen, wenn er nur durch einen einmaligen Bonus zustande kommt. Aussagekräftiger ist der Gesamtpreis über die tatsächliche Vertragslaufzeit.
Was Verbraucher jetzt beachten sollten
Die aktuelle Entwicklung spricht gegen überstürzte Entscheidungen, aber auch gegen passives Abwarten. Wer einen neuen Gasvertrag benötigt, sollte Angebote sorgfältig vergleichen und auf eine nachvollziehbare Preisgarantie achten. Eine lange Bindung kann vor weiteren Steigerungen schützen, schränkt aber die Möglichkeit ein, bei fallenden Preisen schnell zu wechseln.
Beim Strompreis ist die Lage etwas entspannter. Der leichte Rückgang bietet Verbrauchern die Chance, einen bestehenden Vertrag zu überprüfen. Wer bislang einen sehr teuren Tarif nutzt, kann möglicherweise stärker sparen als durch die allgemeine Marktbewegung.
Auch der eigene Verbrauch verdient Aufmerksamkeit. Bei Gasheizungen können eine niedrigere Raumtemperatur, die Wartung der Anlage und die Vermeidung unnötiger Wärmeverluste die Rechnung stärker beeinflussen als kleine Schwankungen beim Tarif. Beim Strom helfen effiziente Geräte, ein bewusster Umgang mit Stand-by-Verbrauch und – sofern möglich – eine zeitliche Verlagerung bestimmter Verbraucher.
Die nächsten Monate bleiben schwer kalkulierbar
Ob sich Gas wieder verbilligt oder weiter verteuert, hängt stark von der geopolitischen Entwicklung, den Transportwegen und der Reaktion der internationalen Märkte ab. Eine Entspannung im Nahen Osten könnte den Druck schnell reduzieren. Eine längere Sperrung wichtiger Handelsrouten oder neue politische Konflikte würden dagegen weitere Preissprünge wahrscheinlicher machen.
Beim Strompreis ist mit einer weniger geradlinigen Entwicklung zu rechnen. Erneuerbare Energien können für Entlastung sorgen, gleichzeitig bleiben Netzausbau, Kraftwerksverfügbarkeit und internationale Energiepreise wichtige Einflussfaktoren. Der aktuelle Rückgang sollte deshalb nicht als dauerhafte Trendwende verstanden werden.
Für Haushalte bleibt eine klare Schlussfolgerung: Der Strompreis ist derzeit zwar etwas günstiger, aber nicht automatisch niedrig. Gas ist prozentual stark gestiegen, wobei die tatsächliche Mehrbelastung vom Verbrauch und vom individuellen Vertrag abhängt. Wer seine Energiekosten kontrollieren möchte, sollte nicht nur auf Schlagzeilen reagieren, sondern Tarife, Vertragsbedingungen und den eigenen Verbrauch gemeinsam betrachten.
Quellen
Energiepreise teilweise um bis zu 20 Prozent gestiegen
Gas- und Strompreise aktuell

