19.08.2026
5 Minuten Lesezeit

Corona-Impfung vor neuem Kurswechsel: Für wen der Schutz jetzt zählt

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@2026 Mariia Vitkovska

Corona-Impfung wird in Deutschland künftig stärker nach dem individuellen Risiko ausgerichtet. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hebt die Altersgrenze für die jährliche Auffrischung bei gesunden Erwachsenen von 60 auf 75 Jahre an. Gleichzeitig bleibt die jährliche Impfung für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen, Bewohner von Pflegeeinrichtungen, gefährdete Schwangere und ausgewählte Beschäftigte im Gesundheitswesen empfohlen.

Warum die Empfehlung angepasst wurde

Die neue Linie bedeutet nicht, dass Covid-19 keine Gefahr mehr darstellt. Sie zeigt vielmehr, wie sich die Ausgangslage seit den ersten Pandemiejahren verändert hat. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts verfügen inzwischen mehr als 95 Prozent der Erwachsenen über eine Immunität, die durch Impfungen, Infektionen oder eine Kombination aus beidem entstanden ist.

Diese breite Immunität reduziert bei gesunden Erwachsenen normalerweise das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Krankenhauseinweisungen und Todesfälle konzentrieren sich dagegen weiterhin besonders auf ältere Menschen und Personen mit gesundheitlichen Belastungen. Schwere Covid-19-Verläufe treten vor allem ab einem Alter von 75 Jahren auf.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der Corona-Politik: Nicht mehr die möglichst umfassende Wiederholungsimpfung der gesamten erwachsenen Bevölkerung steht im Mittelpunkt. Entscheidend ist nun, diejenigen zuverlässig zu erreichen, bei denen eine Infektion weiterhin erhebliche Folgen haben kann.

Für gesunde Menschen zwischen 60 und 74 Jahren entfällt damit die routinemäßige Empfehlung für eine jährliche Corona-Impfung. Das ist eine Empfehlung zur Regelversorgung, kein Verbot. Wer eine individuelle medizinische Begründung hat oder sich nach ärztlicher Beratung impfen lassen möchte, sollte diese Möglichkeit mit der Hausärztin oder dem Hausarzt besprechen.

Wer weiterhin jährlich geschützt werden sollte

Die Stiko empfiehlt eine jährliche Auffrischung im Spätsommer oder Frühherbst für mehrere klar definierte Gruppen. Dazu gehören zunächst alle Menschen ab 75 Jahren. Für sie bleibt die saisonale Impfung ein wichtiger Baustein, um schwere Verläufe, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle zu verhindern.

Auch Personen ab sechs Monaten mit einem erhöhten gesundheitlichen Risiko sollen unabhängig vom Alter jährlich geimpft werden. Dazu zählen unter anderem Menschen mit:

  • chronischen Erkrankungen der Atemwege, etwa COPD;
  • Herz-Kreislauf-, Leber- oder Nierenerkrankungen;
  • Diabetes und anderen Stoffwechselerkrankungen;
  • Adipositas;
  • bestimmten neurologischen Erkrankungen oder Demenz;
  • angeborener oder erworbener Immunschwäche;
  • aktiven Krebserkrankungen;
  • Trisomie 21 oder vergleichbaren besonderen gesundheitlichen Belastungen.

Die Einordnung hängt dabei nicht nur vom Namen einer Diagnose ab. Entscheidend ist, wie stark die Erkrankung das Immunsystem, die Lunge, das Herz-Kreislauf-System oder die allgemeine körperliche Widerstandskraft beeinträchtigt. Zwei Menschen mit derselben Diagnose können daher unterschiedlich gefährdet sein.

Eine Impfung bleibt außerdem für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie für Menschen mit einem erhöhten Risiko in Einrichtungen der Eingliederungshilfe vorgesehen. In diesen Einrichtungen treffen häufig mehrere Risikofaktoren aufeinander: höheres Lebensalter, chronische Krankheiten, eingeschränkte Mobilität und enger Kontakt zu anderen Personen.

Besonderheiten bei Schwangerschaft und Kontaktpersonen

Für gesunde Schwangere sieht die Stiko keine allgemeine Empfehlung zur Corona-Impfung mehr vor, wenn keine zusätzlichen Risiken bestehen. Anders ist die Situation bei einer Grunderkrankung oder bei schwangerschaftsbedingten Komplikationen. Dazu gehören beispielsweise Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck in der Schwangerschaft. In solchen Fällen wird die Impfung ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel weiterhin empfohlen.

Diese Differenzierung ist medizinisch relevant, weil eine Schwangerschaft die Belastung für den Körper verändern kann, zugleich aber nicht jede Schwangere automatisch zur Hochrisikopatientin macht. Eine pauschale Entscheidung wird dem individuellen Gesundheitszustand daher nicht gerecht.

Auch enge Kontaktpersonen von Menschen mit stark eingeschränkter Immunantwort sollen sich weiterhin impfen lassen. Das betrifft beispielsweise Familienangehörige oder Betreuungspersonen von Patientinnen und Patienten, bei denen eine Impfung selbst möglicherweise keinen ausreichenden Schutz aufbaut.

Hier geht es nicht allein um den Eigenschutz. Die Impfung kann Teil einer Schutzstrategie für das gesamte Umfeld sein. Besonders bei Menschen nach bestimmten Krebstherapien, mit schweren Immundefekten oder nach Organtransplantationen kann diese Strategie wichtig sein. Das Umfeld reduziert dadurch das Risiko, das Virus in den Haushalt oder die Einrichtung einzutragen.

Das Ende der allgemeinen Basisimmunität

Eine der wichtigsten Änderungen betrifft die bisherige Empfehlung, mindestens drei Kontakte mit Bestandteilen des Coronavirus aufzubauen. Diese sogenannte Basisimmunität konnte durch Impfungen, Infektionen oder eine Kombination aus beidem entstehen.

Für Erwachsene hält die Stiko diese allgemeine Vorgabe nun nicht mehr für notwendig. Der Grund ist die hohe bereits vorhandene Immunität in der Bevölkerung. Die Empfehlung entfällt auch für gesunde Frauen während der Schwangerschaft.

Das ist nicht gleichbedeutend mit der Aussage, dass jede Person ausreichend geschützt ist. Die Immunität kann im Laufe der Zeit abnehmen, und bestimmte Erkrankungen oder Medikamente können die Immunantwort deutlich schwächen. Die neue Regelung bedeutet vielmehr, dass die Bevölkerung nicht mehr einheitlich nach demselben Schema behandelt werden muss.

Für gesunde Säuglinge, Kinder und Jugendliche wird die Corona-Impfung weiterhin nicht allgemein empfohlen. Bei Kindern mit relevanten Vorerkrankungen kann die Situation anders bewertet werden. Eltern sollten deshalb nicht nur auf das Alter, sondern auch auf bestehende Erkrankungen und die Empfehlung der behandelnden Kinderärztin oder des Kinderarztes achten.

Welche Impfstoffe vorgesehen sind

Für die Saison 2026/2027 empfiehlt die Stiko zugelassene mRNA- und proteinbasierte Impfstoffe, deren Zusammensetzung an aktuell zirkulierende Virusvarianten angepasst wurde. Die Präparate sollen die Immunantwort möglichst nah an die Varianten ausrichten, die in der jeweiligen Saison eine Rolle spielen.

Für die praktische Entscheidung bedeutet das: Patientinnen und Patienten müssen in der Regel nicht selbst zwischen verschiedenen Variantenbezeichnungen auswählen. Arztpraxen und Apotheken verwenden die jeweils zugelassenen und verfügbaren Präparate.

Wichtig bleibt jedoch, die Variantenanpassung nicht mit einem vollständigen Infektionsschutz zu verwechseln. Das zentrale Ziel der saisonalen Impfung ist der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen. Eine Infektion oder Übertragung lässt sich dadurch nicht in jedem Fall verhindern.

Was die Änderung für die Impfplanung bedeutet

Die neue Empfehlung macht den Impfkalender übersichtlicher, verlangt aber zugleich mehr Eigenverantwortung. Wer 75 Jahre oder älter ist, sollte die Corona-Impfung saisonal einplanen. Gleiches gilt für Menschen mit relevanten Vorerkrankungen, Pflegeheimbewohner und bestimmte Beschäftigte im medizinischen oder pflegerischen Bereich.

Für viele ältere Menschen ist es sinnvoll, den Schutz im Spätsommer oder Frühherbst zu organisieren. So besteht die Auffrischung rechtzeitig vor den Monaten, in denen Atemwegsinfektionen typischerweise wieder stärker auftreten. Ob die Corona-Impfung gemeinsam mit einer Grippeimpfung erfolgen kann, sollte das medizinische Personal anhand der individuellen Situation und der verfügbaren Präparate beurteilen.

Die Änderung bietet außerdem die Chance, den gesamten Impfstatus zu überprüfen. Gerade bei älteren Erwachsenen fehlen häufig andere wichtige Standard- oder Auffrischimpfungen. Dazu können je nach Alter, Gesundheitszustand und Lebenssituation etwa die Tetanus-Impfung, die FSME-Impfung, die HPV-Impfung oder eine RSV-Impfung gehören.

Diese Impfungen verfolgen unterschiedliche Ziele und ersetzen einander nicht. Eine RSV-Impfung richtet sich beispielsweise nach Alter und individueller Gefährdung. Die FSME-Impfung ist vor allem bei Aufenthalten in Risikogebieten und entsprechender Zeckenexposition relevant. Die HPV-Impfung wird überwiegend im Kindes- und Jugendalter empfohlen, kann aber in bestimmten Situationen auch später ein Thema sein. Die Tetanus-Impfung benötigt regelmäßige Auffrischungen, weil der Schutz nicht lebenslang unverändert anhält.

Warum die Debatte sachlich bleiben sollte

Impfempfehlungen werden regelmäßig an neue Daten angepasst. Das kann in der Öffentlichkeit wie ein Widerspruch wirken: Erst galt eine jährliche Corona-Impfung ab 60 Jahren als sinnvoll, nun beginnt die Standardempfehlung für gesunde Erwachsene erst ab 75 Jahren. Tatsächlich spiegelt diese Änderung die veränderte epidemiologische Lage, die breite Immunität und die inzwischen genauer erkennbare Verteilung schwerer Verläufe wider.

Eine Empfehlung ist zudem keine persönliche Diagnose. Sie beschreibt, für welche Bevölkerungsgruppen der erwartete Nutzen besonders groß ist. Bei einer Person mit chronischer Lungenerkrankung kann eine Impfung auch unterhalb der neuen Altersgrenze sinnvoll bleiben; bei einer gesunden Person kann der zusätzliche Nutzen einer jährlichen Auffrischung deutlich kleiner sein.

Für die kommenden Jahre dürfte deshalb ein risikobasiertes Modell bestimmend bleiben. Entscheidend werden nicht nur neue Virusvarianten sein, sondern auch die Dauer des Impfschutzes, die Zahl schwerer Erkrankungen, die Belastung der Krankenhäuser und die Frage, wie gut aktualisierte Impfstoffe vor Komplikationen schützen.

Die zentrale Botschaft

Die Stiko beendet nicht die Corona-Impfung, sondern konzentriert sie stärker auf Menschen mit dem größten Risiko. Für gesunde Erwachsene unter 75 Jahren entfällt die routinemäßige jährliche Empfehlung; gefährdete Personen sollen ihren Schutz dagegen weiterhin regelmäßig auffrischen lassen.

Wer unsicher ist, sollte die Entscheidung nicht allein anhand des Alters treffen. Vorerkrankungen, Medikamente, berufliche Kontakte und die Situation im persönlichen Umfeld können ebenso wichtig sein. Eine ärztliche Beratung hilft dabei, den individuellen Nutzen der Impfung realistisch einzuschätzen.

Quellen

Corona-Impfung: Stiko ändert Empfehlung
COVID-19: STIKO passt Impfempfehlung an


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