Die koordinierte Weltzeit wird ab dem 20. Mai 2027 als fortlaufendeZeitmaßstab gelten – ohne die bisherigenSchaltsekunden. Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat damit eine Reform beschlossen, die auf den ersten Blick technisch wirkt, in Wahrheit aber die Grundlage moderner digitaler Infrastrukturbetrifft: von Börsen und Rechenzentren über Mobilfunknetze bis zu Navigationssystemen.
Bisher wurde die koordinierte Weltzeit immer wieder künstlich angepasst, damit sie nicht zu weit von der astronomischen Zeit abweicht, die sich aus der Rotation der Erde ergibt. Diese Korrektur hat sich jedoch zu einem Risiko für hochpräzise Computersysteme entwickelt. Die Entscheidung bedeutet deshalb nicht nur das Ende einer kuriosen Extra-Sekunde, sondern einen grundsätzlichen Wandel: Die Zeitmessung orientiert sich künftig stärker an der Stabilität atomarer Uhren als an der unregelmäßigen Bewegung unseres Planeten.
Zwei Zeitbegriffe, ein Konflikt
Um zu verstehen, warum die koordinierte Weltzeit reformiert wird, muss man zwischen zwei Zeitsystemen unterscheiden. Die koordinierte Weltzeit, international als UTC bekannt, beruht auf Atomuhren. Diese messen Zeit über Schwingungen von Atomen und liefern ein extrem gleichmäßiges Zeitsignal. Eine Sekunde ist dabei keine Beobachtung des Himmels, sondern eine physikalisch definierte Einheit.
Ganz anders funktioniert die astronomische Zeit UT1. Sie folgt der tatsächlichen Rotation der Erde. Ein Tag endet nicht exakt nach 86.400 gleichmäßigen Sekunden, sondern dann, wenn sich die Erde relativ zu einem Referenzpunkt am Himmel einmal gedreht hat. Da sich die Rotationsgeschwindigkeit der Erde durch Gezeitenkräfte, Massenverschiebungen im Erdinneren, Klimaeffekte und andere Faktoren verändert, ist dieser Tag nicht perfekt konstant.
Genau hier entstand das Dilemma. Die koordinierte Weltzeit läuft gleichmäßig, die Erde dreht sich jedoch nicht immer mit derselben Geschwindigkeit. Ohne Korrektur würden Uhren und Sonnenstand mit der Zeit auseinandergehen. Seit 1972 wurde deshalb bei einer Abweichung von bis zu 0,9 Sekunden eine Schaltsekunde eingefügt. In der betreffenden Minute erschien dann die Zeit 23:59:60 – eine Minute mit 61 Sekunden.
Warum die Extra-Sekunde zum Problem wurde
Die Schaltsekunde war ursprünglich eine pragmatische Lösung. Sie erlaubte es, die Präzision der Atomzeit mit dem natürlichen Rhythmus der Erde zu verbinden. Doch in einer Welt, in der Finanztransaktionen in Millisekunden abgewickelt werden, Datenzentren weltweit synchron arbeiten und Netzwerke Ereignisse in Mikrosekunden ordnen, ist ein plötzlicher Zeitsprung kein Detail mehr.
Viele Computersysteme sind darauf ausgelegt, dass die Zeit streng monoton weiterläuft. Eine zusätzliche Sekunde kann daher zu unerwarteten Zuständen führen: Zeitstempel erscheinen doppelt, Prozesse warten auf Ereignisse, die bereits stattgefunden haben, oder Sicherungsmechanismen reagieren fehlerhaft. Besonders kritisch sind Systeme, die über Länder und Zeitzonen hinweg exakt aufeinander abgestimmt sein müssen.
Die Gefahr wird dadurch verstärkt, dass eine Schaltsekunde nicht regelmäßig erscheint. Sie wird je nach Entwicklung der Erdrotation eingesetzt, zuletzt 2016. Diese Unvorhersehbarkeit macht Planung schwierig. Unternehmen können zwar technische Vorbereitungen treffen, aber ein seltener, globaler Zeitsprung bleibt ein Sonderfall, der Fehler in Software verursachen kann, die seit Jahren stabil läuft.
Die neue Regel: bis zu eine Stunde Abweichung
Mit der Reform wird die koordinierte Weltzeit ab dem 20. Mai 2027 ohne Schaltsekunden weiterlaufen. Statt der bisherigen Toleranz von 0,9 Sekunden darf die Differenz zwischen der koordinierten Weltzeit und der astronomischen Zeit UT1 künftig bis zu 3.600 Sekunden betragen – also eine volle Stunde.
Das klingt zunächst nach einem großen Kompromiss. In der Praxis ist die Auswirkung jedoch langfristig gedacht. Die Abweichung entsteht schrittweise und bleibt im Alltag zunächst unmerklich. Erst nach sehr langen Zeiträumen würde eine Korrektur in Form einer Schaltstunde erforderlich. Experten rechnen damit, dass dies frühestens nach mehr als tausend Jahren der Fall sein könnte.
Damit wählt die internationale Gemeinschaft eine klare Priorität: Die koordinierte Weltzeit soll verlässlich, unterbrechungsfrei und technisch sicher bleiben. Die Verbindung zum Sonnenstand wird nicht vollständig aufgegeben, aber sie wird deutlich lockerer gehandhabt. Die Erde darf künftig gewissermaßen etwas aus dem Takt geraten, ohne dass die globale Zeitinfrastruktur jedes Mal korrigiert werden muss.
Warum die Entscheidung jetzt fiel
Das Ende der Schaltsekunde war bereits 2022 grundsätzlich beschlossen worden. Neu ist nun der konkrete Zeitpunkt. Dass die Reform bereits zum 20. Mai 2027 wirksam wird, hängt auch mit der jüngeren Entwicklung der Erdrotation zusammen. Während sie über sehr lange Zeiträume durch Gezeitenkräfte tendenziell gebremst wird, hat sie sich in den vergangenen Jahren zeitweise leicht beschleunigt.
Eine schnellere Rotation kann theoretisch dazu führen, dass nicht nur eine zusätzliche, sondern auch eine negative Schaltsekunde nötig würde. Eine Sekunde müsste dann aus der Zeitmessung entfernt werden. Für IT-Systeme wäre das vermutlich noch problematischer als die bisherige positive Schaltsekunde, weil viele Softwarearchitekturen einen rückwärtslaufenden Zeitsprung kaum vorsehen.
Die Entscheidung in Versailles beendet daher beide Szenarien: Weder wird künftig eine Sekunde hinzugefügt noch entfernt. Die koordinierte Weltzeit wird zu einem kontinuierlichen System, das nicht mehr durch kurzfristige Eingriffe unterbrochen wird.
Was sich für den Alltag ändert
Für die meisten Menschen wird sich unmittelbar wenig ändern. Uhren, Smartphones und Computer zeigen weiterhin die gewohnte Uhrzeit an. Auch Zeitzonen, Sommerzeit und der Wechsel zwischen Tagen bleiben bestehen. Die koordinierte Weltzeit dient vor allem als technische Referenz hinter diesen lokalen Zeitangaben.
Langfristig kann jedoch der Zusammenhang zwischen Uhrzeit und Sonnenstand zunehmen. Wenn die koordinierte Weltzeit und die astronomische Zeit auseinanderdriften, wird die angezeigte Mittagszeit irgendwann nicht mehr exakt dem höchsten Sonnenstand entsprechen. Das ist kein neues Phänomen: Schon heute weicht die gesetzliche Uhrzeit wegen Zeitzonen, geografischer Lage und Sommerzeit von der örtlichen Sonnenzeit ab.
Der Unterschied liegt in der Größenordnung. Während diese Abweichungen heute meist Minuten betragen, könnte sie über Jahrhunderte theoretisch bis zu einer Stunde wachsen. Für Navigation, Landwirtschaft oder historische Zeitrechnung bleibt die astronomische Zeit deshalb relevant. Für die digitale Welt ist jedoch die stabile koordinierte Weltzeit wichtiger.
Folgen für Technik und Wirtschaft
Die Abschaffung der Schaltsekunde entlastet vor allem Betreiber kritischer Infrastruktur. Rechenzentren, Telekommunikationsanbieter, Finanzmärkte, Luftfahrt, Energieversorgung und wissenschaftliche Einrichtungen müssen keine Sonderlogiken mehr für einen unregelmäßigen Ein-Sekunden-Sprung pflegen. Das reduziert Komplexität, Testaufwand und das Risiko von Ausfällen.
Gleichzeitig entsteht eine neue Aufgabe: Systeme müssen klar dokumentieren, welche Zeitbasis sie verwenden. Wer historische Daten archiviert, Verträge zeitlich ordnet oder Messwerte über lange Zeiträume vergleicht, sollte wissen, ob eine Zeitangabe auf der fortlaufenden koordinierten Weltzeit, der astronomischen Zeit oder einer lokalen Zeitzone beruht. Gerade in Wissenschaft, Recht und Archivierung wird diese Unterscheidung an Bedeutung gewinnen.
Die Reform ist auch ein Beispiel dafür, wie sich globale Standards ändern müssen, wenn die Technologie schneller evolveirt als natürliche Prozesse. Die Erde ändert ihre Rotation nicht, weil Menschen es wünschen. Aber die Art, wie Gesellschaften Zeit definieren, kann sich an die Anforderungen moderner Systeme anpassen.
Ein historischer Einschnitt
Seit 1972 wurden 27 Schaltsekunden eingefügt. Sie waren ein Kompromiss zwischen Astronomie und Atomphysik, zwischen dem Rhythmus des Planeten und der Präzision moderner Messtechnik. Mit dem Beschluss endet diese Ära.
Die koordinierte Weltzeit wird damit nicht bedeutungslos, sondern unabhängiger. Sie bleibt der verbindliche Bezugspunkt für globale Kommunikation und digitale Systeme, während die astronomische Zeit als eigenständige Referenz weiterexistiert. Diese Trennung ist keine Schwäche, sondern eine klare Antwort auf ein technisches Dilemma.
Ab dem 20. Mai 2027 läuft die koordinierte Weltzeit also ohne die bekannte Extra-Sekunde weiter. Für die Menschheit bleibt die Erde weiterhin der Maßstab für Tage, Jahreszeiten und Sonnenstände. Für die digitale Welt wird die Zeit jedoch künftig konsequenter als je zuvor von Atomuhren bestimmt – gleichmäßig, unterbrechungsfrei und ohne den riskanten Sprung einer einzelnen Sekunde.
Quellen
Schaltsekunde wird abgeschafft
Zeitmessung: Aus der Schaltsekunde für Uhren beschlossen






