Sassuolo – Juventus endete am Sonntagabend mit einem 3:2 für die Neroverdi – ein Ergebnis, das wenigerüber die individuelle Klasse der Sieger aussagt, als vielmehr über die strukturelle Fragilität einer Juventus-Mannschaft, die im Überschwang des Angriffs ihre eigenen Prinzipien verrät. Die Alte Dame zeigte erneut jenes Muster, das sie schon in den Wochen zuvor in Bedrängnis brachte: Eine offensive Ambition, die nichtdurch kollektive Disziplin abgesichertwird.
Die Illusion der Kontrolle
Luciano Spalletti hatte seine Mannschaft mit einer klaren Marschroute geschickt: Nach dem 2:2 gegen Mailand sollte diesmal der volle Sieg her. Doch was als mutige Offensive begann, entwickelte sich schnell zu einem Kontrollverlust, der die gesamte Defensive bloßstellte. Guglielmo Vicario, zwischen erster und zweiter Halbzeit noch mit zwei starken Aktionen gegen Domenico Berardi zum Matchsaver avanciert, konnte am Ende nur noch reagieren.
Das Problem lag nicht im Torwart, sondern in der Kette davor. Bremer, Kalulu, Lucumi und der eingewechselte Kelly agierten nicht als geschlossene Einheit, sondern als Ansammlung von Einzelspielern, die auf ihre physischen Attribute vertrauten – ein Ansatz, den Sebastiano Esposito mit seiner taktischen Intelligenz systematisch auseinandernahm. Beim 1:0 ließ sich die gesamte Abwehr überraschen, beim 2:1 reagierte niemand rechtzeitig auf Bowie.
Spalletti selbst räumte nach dem Spiel ein: „Wir haben das Gleichgewicht verloren. Die Spieler haben das, was ich wollte, vielleicht zu wörtlich genommen.” Diese Analyse trifft den Kern: Juventus wollte gewinnen, aber vergaß dabei, wie man Spiele kontrolliert.
Die Verletzungskrise als Brandbeschleuniger
Hinter der instabilen Defensive steht ein größeres Problem: der personelle Aderlass im Mittelfeld. Kapitän Manuel Locatelli fällt nach einer Knie-OP rund fünf Monate aus, Khephren Thuram ist ebenfalls langfristig verletzt. Spalletti muss deshalb auf Teun Koopmeiners und Douglas Luiz setzen – zwei Spieler, die in der Vorsaison hinter den Erwartungen zurückblieben und nun aus der Not heraus gesetzt sind.
Douglas Luiz übernahm zwar die Rolle des Spielmachers, doch ihm fehlt im Vergleich zu Locatelli die kreative Durchschlagskraft. Koopmeiners, nach Tor und Assist in den ersten beiden Spieltagen, wurde mit der Aufgabe betraut, mit seinem linken Fuß Gefahr zu kreieren. Er wich oft auf den linken Flügel aus, brachte aber keine zündenden Ideen.
Diese personelle Notlage erklärt manches, entschuldigt aber nicht alles. Denn auch in der Offensive blieben die gewohnten Muster aus. Kolo Muani bewegte sich viel, spielte im ersten Durchgang jedoch zu oft aus der Distanz. Erst in der zweiten Halbzeit fand er zu mehr Direktheit.
Zhegrova als einziger Lichtblick
In diesem Chaos ragte einer heraus: Edon Zhegrova. Nach seiner Einwechslung in der 15. Minute der zweiten Halbzeit zeigte der Flügelspieler zunächst, was er kann – er umspielte mehrere Gegenspieler, erzielte den Ausgleich zum 1:1 und ließ sich auch beim 2:2 nicht einschüchtern.
Doch selbst Zhegrova konnte die grundlegende Problematik nicht lösen. Juventus hatte zwischenzeitlich durch seine Doppelpack auf 2:2 gestellt, doch die strukturellen Mängel blieben. In der Nachspielzeit war es Vasilije Adzic, der für Sassuolo den Siegtreffer markierte und die Turiner auf Platz acht der Tabelle verdrängte.
Sassuolo: Mehr als nur ein glücklicher Sieger
Die Neroverdi von Trainer Aquilani haben in dieser Partie gezeigt, dass sie mehr sind als ein klassischer Aufsteiger. Mit Spielern wie Matic, der das Mittelfeld dirigierte, und Esposito, der die Juventus-Abwehr mehrfach austrickste, präsentierte sich US Sassuolo Calcio als organisierte Einheit, die ihre Chancen konsequent nutzte.
Interessant ist dabei der Blick auf die Sassuolo standings: Nach drei Spieltagen stehen die Neroverdi mit vier Punkten auf Platz 10 der Tabelle – eine solide Bilanz, die durch Siege gegen Bologna und nun Juventus untermauert wurde. Besonders auffällig: In fünf der letzten sechs Serie-A-Partien von Sassuolo fielen mehr als 2,5 Tore – ein Indikator für eine offensive Ausrichtung, die auch gegen die Alte Dame funktionierte.
Für Fans, die ein Sassuolo Trikot tragen oder sich als Teilnehmer US Sassuolo Calcio im Fanclub registriert haben, war dieser Abend ein Fest. Die Mannschaft zeigte, dass sie auch gegen etablierte Größen wie Juventus bestehen kann.
Die Como-Frage und der Blick nach vorn
In der aktuellen Tabelle liegt Juventus mit sieben Punkten auf Platz sechs, während Como 1907, der ebenfalls in der Serie A spielt, ebenfalls sieben Punkte aufweist. Die Konkurrenz schläft nicht, und jede verlorene Partie wiegt in dieser frühen Phase der Saison besonders schwer.
Die strukturellen Probleme der Bianconeri sind jedoch tieferliegend. Statistisch betrachtet hat Juventus unter den ersten sechs Teams die niedrigste Verwertungsquote: Nur 7,3% der Chancen werden in Tore umgemünzt. Bei 55 Schüssen entstanden lediglich vier Treffer. Die erwarteten Tore liegen bei 5,35 – die Juve hat also 1,35 Tore „verschenkt”.
Was bedeutet das für die Saison?
Die Niederlage in Sassuolo – Juventus ist mehr als nur ein Ausrutscher. Sie offenbart ein Muster, das sich durch die ersten drei Spieltage zieht: Juventus produziert Chancen, aber verwertet sie nicht effizient. Die Defensive ist anfällig für Konter, besonders wenn das Mittelfeld durch Verletzungen geschwächt ist.
Spalletti steht vor einer Zerreißprobe. Soll er die offensive Linie beibehalten und auf eine baldige Rückkehr der Verletzten hoffen? Oder muss er die Mannschaft defensiver aufstellen, um die Stabilität zurückzugewinnen? Die Antwort wird in den kommenden Wochen fallen – spätestens, wenn die Alte Dame in der Europa League auf internationale Gegner trifft.
Für die Fans bleibt die Hoffnung, dass Woltemade, der am Sonntag noch einen Kopfball-Chance vergab, bald zur Lösung wird. Doch bis dahin muss Juventus lernen, dass Wille allein nicht reicht – es braucht auch Disziplin.
Die Partie Sassuolo – Juventus hat gezeigt: In der Serie A 2026/27 kann jede Mannschaft jeden schlagen. Die Frage ist nur, wer es am besten verkraftet, wenn der Plan nicht aufgeht.
Quellen
Die gesamte Abwehr von Juve wurde verrissen, Woltemade verschenkte ein Tor und nur Zhegrova konnte sich retten
Pressebereich | Kommentare nach dem Spiel Sassuolo – Juventus






