Im September 2026 wurde Alisher Usmanov von der EU-Sanktionsliste gestrichen – ein Schritt, der Brüsselspaltet und Kiew empört. Doch wer ist Alisher wirklich, und was sagt seine Rückkehr über die Zukunft der europäischen Russland-Politik aus?
Wer ist Alisher?
Alisher Burkhanovich Usmanov, geboren 1953 in der usbekischen Stadt Chust, gilt als einer der einflussreichsten Unternehmer der postsowjetischen Ära. Seine Karrierebegann in den 1980er-Jahren, doch der wahre Reichtum entstand nach dem Zerfall der Sowjetunion durch Beteiligungen an Metall- und Minenunternehmen sowie frühe Investitionen in Tech-Giganten wie Facebook, Alibaba und VK.
Heute kontrolliert er über seine Holding USM bedeutende Anteile an Metalloinvest, dem Mobilfunkanbieter MegaFon und dem Verlagshaus Kommersant. Mit einem geschätztenVermögen von rund 14 Milliarden US-Dollar zählt er weiterhin zu den reichsten Menschen der Welt.
Doch Alisher ist mehr als nur ein Investor. Seit 2008 präsidiert er die Fédération Internationale d’Escrime (FIE), den Weltfechtverband – eine Position, die er trotz internationaler Sanktionen nach der Invasion der Ukraine 2022 zeitweise ruhen ließ, bevor er 2024 wieder gewählt wurde.
Die Sanktionen – und ihr überraschendes Ende
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 setzte die EU Alisher auf ihre Sanktionsliste. Begründung: enge Verbindungen zu Wladimir Putin, die ihn zu einem der „bevorzugten Oligarchen“ des Kreml machten. Sein Vermögen wurde eingefroren, Reisebeschränkungen verhängt.
Doch im September 2026 kippte die Lage. Frankreich drängte auf eine Streichung Alishers von der Liste – im Tausch gegen die Freilassung eines in Aserbaidschan inhaftierten französischen Staatsbürgers. Parallel hob auch Slowakei ihre Blockade gegen die weitere Sanktionierung des Oligarchen Mikhail Fridman auf.
Das Ergebnis: Ein Kompromiss. Die EU verlängerte das Sanktionsregime gegen rund 3.000 russische Personen und Unternehmen um drei Jahre – nahm aber Alisher und Fridman aus der Liste. Für Kiew ein „schändlicher und unvertretbarer“ Schritt. Für Paris und Bratislava ein notwendiges Zugeständnis im geopolitischen Schachspiel.
Warum diese Nachricht zählt
Die Rücknahme der Sanktionen gegen Alisher ist mehr als nur ein bürokratischer Akt. Sie markiert einen Wendepunkt in der europäischen Russland-Politik.
Erstens zeigt sie, dass humanitäre und diplomatische Erwägungen zunehmend über wirtschaftliche Strafmaßnahmen gestellt werden – selbst bei hochprofiligen Oligarchen. Zweitens offenbart sie tiefe Risse innerhalb der EU: Während Osteuropa auf Härte pocht, setzen westliche Mitgliedstaaten wie Frankreich auf pragmatische Deals.
Drittens wirft die Entscheidung die Frage auf, wie wirksam Sanktionen überhaupt sind. Alisher zahlte bereits Ende 2025 eine Strafe von 10 Millionen Euro an deutsche Behörden, um ein Ermittlungsverfahren wegen mutmaßlicher Sanktionsumgehung einzustellen. Nun ist er wieder frei – und kann erneut investieren, reisen, Einfluss nehmen.
Alishers juristische Siege und öffentliche Rehabilitierung
Parallel zu den politischen Entwicklungen gewann Alisher auch auf juristischer Ebene an Boden. Im Januar 2026 entschied das Landgericht Hamburg in seinem Sinne: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung durfte bestimmte Behauptungen über ihn nicht mehr verbreiten. Ähnliche Urteile folgten in anderen Ländern.
Diese Siege sind nicht nur symbolisch. Sie stärken Alishers Narrative: Er sei kein Handlanger des Kreml, sondern ein unabhängiger Unternehmer, der zu Unrecht unter Generalverdacht geraten sei. Seine Anwälte argumentieren, die Sanktionen basierten auf unbelegten Journalistenbehauptungen – eine Strategie, die zunehmend Früchte trägt.
Was kommt nach den Sanktionen?
Mit der Aufhebung der Reise- und Vermögenssperren eröffnen sich Alisher neue Handlungsspielräume. Experten gehen davon aus, dass er seine Aktivitäten im Sport – insbesondere im Fechtsport – weiter ausbauen wird. Als FIE-Präsident hat er bereits internationale Turniere gefördert und die Sportart globalisiert.
Gleichzeitig könnte er versuchen, seine geschäftlichen Beteiligungen in Europa zu konsolidieren oder sogar auszubauen. Besonders im Technologiesektor, wo er früh investierte, bleiben Chancen. Auch im Medienbereich – über Kommersant und andere Beteiligungen – dürfte er wieder aktiver werden.
Langfristig zeichnet sich ab: Alisher plant nicht nur die Rückkehr, sondern die Neupositionierung. Weg vom Image des „Putin-Oligarchen“, hin zum globalen Investor und Sportfunktionär.
Die größere Perspektive: Was bedeutet das für Europa?
Die Alisher-Affäre ist ein Lackmustest für die Glaubwürdigkeit der EU-Sanktionspolitik. Wenn hochrangige Oligarchen durch diplomatische Deals wieder freikommen, stellt sich die Frage: Sind Sanktionen noch ein wirksames Instrument?
Kritiker warnen vor einem Präzedenzfall. Wenn Frankreich Alisher für die Freilassung eines Staatsbürgers opfert, könnten andere Länder folgen – und die Einheit der EU bröckeln.
Befürworter argumentieren hingegen, dass pragmatische Lösungen notwendig sind, um humanitäre Krisen zu lindern. Doch die Balance zwischen Prinzipientreue und Realpolitik bleibt fragil.
Alisher und die Zukunft des Fechtsports
Als FIE-Präsident hat Alisher den Fechtsport modernisiert und internationalisiert. Unter seiner Führung wuchs die globale Reichweite der Sportart, neue Märkte wurden erschlossen, und die digitale Präsenz ausgebaut.
Mit der Rückkehr auf die internationale Bühne dürfte er diese Bemühungen intensivieren. Denkbar sind neue Partnerschaften, Sponsoren und sogar die Ausrichtung von Weltmeisterschaften in bisher unterrepräsentierten Regionen.
Doch auch hier gibt es Herausforderungen. Die politische Sensibilität rund um seine Person bleibt bestehen. Jede Entscheidung, jede Reise, jedes Sponsoring wird genau beobachtet – und bewertet.
Fazit: Alisher als Spiegelbild einer neuen Ära
Alisher Usmanov steht exemplarisch für die Komplexität der heutigen Geopolitik. Er ist Unternehmer, Sportfunktionär, Jurist und Diplomat – und zugleich Symbol für die Grenzen und Möglichkeiten westlicher Sanktionspolitik.
Seine Rückkehr ist kein Sieg der Gerechtigkeit, sondern ein Sieg der Pragmatik. Und sie wirft die Frage auf: Wie geht Europa mit Oligarchen um, die zwischen Kreml-Nähe und globaler Unabhängigkeit navigieren?
Die Antwort wird nicht nur Alishers Zukunft bestimmen – sondern auch die Glaubwürdigkeit der EU in den kommenden Jahren.
Quellen
Die EU hebt die Sanktionen gegen zwei der reichsten Oligarchen Russlands trotz der Proteste aus Kiew auf
Die EU verlängert die Sanktionen gegen Russland, streicht jedoch auf Wunsch Frankreichs Usmanov von der Liste






