25.08.2026
4 Minuten Lesezeit

Brasilien besiegt den Hunger – doch der wahre Kampf beginnt jetzt

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@2026 Carla Mangner

Brasilien hat es erneut geschafft: Das fünftgrößte Land der Erde wurde 2025 zum zweiten Mal von der Welthungerkarte der FAO gestrichen. Doch hinter diesem triumphalen Schlagzeilen-Erfolg verbirgt sich eine weitaus komplexere Realität – eine Geschichte von tiefer verwurzelter Ungleichheit, politischem Widerstand und der Frage, ob ein Sieg über den Hunger wirklich von Dauer sein kann, wenn die Strukturen, die ihn erzeugen, weiterhin bestehen.

Warum dieser Erfolg mehr ist als nur eine Statistik

Die Nachricht, dass Brasilien nicht mehr auf der Welthungerkarte erscheint, ist weit mehr als ein bürokratischer Meilenstein. Sie bedeutet, dass weniger als 2,5 Prozent der Bevölkerung chronisch unterernährt sind – ein Wert, den das Land im Dreijahreszeitraum 2023 bis 2025 erreicht und damit gehalten hat. Besonders bemerkenswert: Die schwere Ernährungsunsicherheit ist von 9 Prozent im Zeitraum 2021–2023 auf nur noch 0,6 Prozent gesunken. Das entspricht etwa 1,2 Millionen Menschen, die nicht mehr in extremer Hungersnot leben müssen.

Doch diese Zahlen erzählen nur die Hälfte der Geschichte. Rund 20 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer – fast jeder Zehnte – können sich immer noch keine gesunde, ausgewogene Ernährung leisten. Der Sieg über den akuten Hunger ist also kein Sieg über die Ernährungsungerechtigkeit insgesamt.

Die historischen Wurzeln: Warum Hunger in Brasilien nie natürlich war

Um zu verstehen, warum dieser Erfolg so fragil ist, muss man tiefer graben – in die koloniale Vergangenheit Brasiliens. Der brasilianische Arzt und Politiker Josué de Castro zeigte bereits 1946 in seinem bahnbrechenden Werk „Geografia da Fome” (Geografie des Hungers), dass Hunger kein Schicksal und keine Folge des Klimas ist, sondern ein politisches Konstrukt.

Die Wurzeln reichen zurück in die Kolonialzeit, als Land und Wohlstand extrem ungleich verteilt wurden. Die Sklaverei hielt die aus Afrika verschleppte Bevölkerung bewusst in Unterernährung, um die Ausbeutungskosten niedrig zu halten. Und als die Sklaverei 1888 endgültig abgeschafft wurde, sorgte ein Gesetz von 1850 dafür, dass Land nur käuflich erworben werden konnte – nicht durch Besetzung oder Nutzung. Damit wurde der schwarzen Bevölkerung systematisch der Zugang zu eigenem Land verwehrt, während große Flächen in den Händen europäischstämmiger Großgrundbesitzer blieben.

Diese Ungleichheit war auch regional geprägt: Während der Süden Brasiliens industrialisiert wurde und eine bessere Versorgung genoss, blieb der Nordosten wirtschaftlich zurück und wurde zur Hochburg des Hungers. Josué de Castro, selbst aus dem nordöstlichen Bundesstaat Pernambuco stammend, unterschied zwei Formen des Hungers: den epidemischen Hunger, ausgelöst durch Dürren oder Kriege, und den endemischen Hunger – eine strukturelle Unterversorgung, die über Generationen hinweg Entwicklungsstörungen und Krankheiten begünstigt. Im Nordosten wirken beide Formen bis heute zusammen.

Die Bewegung der Kleinbauern: Von der Opferrolle zur politischen Kraft

Fast 60 Jahre nach Castros Buch trifft sich im Mai 2026 in Brasília, der Hauptstadt Brasiliens, eine andere Generation von Aktivisten. Maria, eine Bäuerin aus dem Nordosten, zeigt auf ihre trockene, schrumpelige Haut: „Schau, wie ich aussehe. In meiner Kindheit gab es nie genug Essen. Dass das Kindern nie wieder passiert, dafür kämpfe ich.”

Sie ist Teil des „Movimento dos Pequenos Agricultores” (MPA), der Bewegung der Kleinbauern, die 1996 im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul gegründet wurde. In einer Zeit des Neoliberalismus und des zunehmenden Verkaufs von Agrarland entwickelte die Bewegung ein Gegenmodell, das auf Volkssouveränität und Ernährungssouveränität setzt. Heute vereint das MPA Kleinbauern aus 20 der 27 brasilianischen Bundesstaaten und kämpft nicht nur für Landrechte, sondern auch gegen Patriarchat, Homophobie und die Folgen des Klimawandels.

Die Bewegung ist längst international vernetzt: Vertreter aus 15 weiteren Staaten Lateinamerikas, Asiens und Europas nahmen am Treffen in Brasilien Hauptstadt teil, darunter Aleida Guevara, die Tochter von Che Guevara. Politisch versteht sich das MPA als sozialistisch, inspiriert von der kubanischen Revolution – und die Ablehnung der USA, insbesondere der Politik von Donald Trump, war unter den rund 1.300 Aktivisten allgegenwärtig.

Lulas Rückkehr: Wie Sozialpolitik den Hunger zurückdrängte

Der Wendepunkt kam 2023 mit der Rückkehr von Luiz Inácio Lula da Silva ins Präsidentenamt. Bereits während seiner ersten Amtszeit (2003–2010) hatte Lula mit dem Programm „Null Hunger” und der Einführung von Bolsa Família Millionen Menschen aus extremer Armut geholt – ein Erfolg, der Brasilien 2014 erstmals von der Welthungerkarte verschwinden ließ.

Doch dieser Fortschritt erwies sich als fragil. Unter dem rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro (2019–2022) wurden soziale Sicherungssysteme abgebaut, und 2022 waren wieder mehr als 30 Millionen Menschen von schwerem Hunger betroffen. Brasilien kehrte auf die Welthungerkarte zurück.

Erst die erneute Ausweitung sozialer Programme seit 2023 – darunter Solidaritätsküchen in den Städten und gezielte Unterstützung für die Familienlandwirtschaft – konnte den Hunger wieder drastisch reduzieren. Minister Wellington Dias betonte, dass die Kombination aus Transferzahlungen, Inflationskontrolle und Arbeitsbeschaffung den Unterschied gemacht habe.

Die große Frage: Ist dieser Sieg dauerhaft?

Trotz des Erfolgs bleibt die zentrale Frage offen: Kann Brasilien den Hunger dauerhaft besiegen, wenn die strukturellen Ursachen – vor allem die extreme Landungleichheit – weiterhin bestehen? Zehn Prozent der Landbesitzer kontrollieren im Nordosten immer noch rund 80 Prozent der Flächen. Kleinbauern leiden unter ungeklärten Eigentumsverhältnissen und haben oft zu wenig Land, um ihre Familien zu ernähren.

Nachhaltige Ernährungssicherheit wäre erst erreicht, wenn soziale Programme unabhängig von Regierungswechseln fortbestehen könnten – als echte Staatspolitik, nicht als Projekt einer einzelnen Regierung. Dafür müssten die strukturellen Ursachen des Hungers angegangen werden: die Konzentration von Landbesitz, die Dominanz der Agrarindustrie und der mangelnde Zugang marginalisierter Gruppen – insbesondere Afrobrasilianer und Indigene – zu eigenem Land.

Bewegungen wie das MPA tragen dazu bei, diese Ungleichheiten sichtbar zu machen und politischen Druck aufzubauen. Doch die entscheidenden Hebel liegen bei der Regierung und ihrer Bereitschaft, auf Großgrundbesitz und Agrarindustrie einzuwirken.

Was dieser Kampf für die Zukunft bedeutet

Angesichts von Klimawandel und Umweltzerstörung wird die Frage, wie Lebensmittel produziert, verteilt und zugänglich gemacht werden, künftig noch dringlicher. Brasilien zeigt, dass koordinierte öffentliche Politik und zivilgesellschaftlicher Aktivismus gemeinsam den Hunger zurückdrängen können – selbst in einem Land mit so tief verwurzelten Ungleichheiten.

Doch der wahre Test steht noch aus: Es geht nicht nur darum, den akuten Hunger zu besiegen, sondern Ernährungssouveränität für alle zu erreichen – das Recht von Gemeinschaften, ihre eigenen Ernährungssysteme zu bestimmen. Solange Land ungleich verteilt bleibt und soziale Programme von der politischen Lage abhängen, ist der Sieg über den Hunger nur vorläufig.

Für Deutschland und Europa ist Brasiliens Erfahrung eine wichtige Lehre: Ernährungssicherheit ist kein technisches Problem, sondern eine Frage politischer Prioritäten und gesellschaftlicher Gerechtigkeit. Und während die Brasilien Uhrzeit in Mitteleuropa oft sechs Stunden hinterherhinkt, ist der Kampf gegen den Hunger dort schon lange in der Zukunft angekommen – mit allen Erfolgen und ungelösten Widersprüchen, die sie mit sich bringt.

Quellen

Brasilien: Hunger und Ernährungssouveränität
Disminuye el hambre y la inseguridad alimentaria en Brasil



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