Afroditi Latinopoulou hat mit einerscharfen Rede im Europaparlament für Aufsehen gesorgt. Die griechische Europaabgeordnete nannte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die „größte Rassistin gegenüber den Europäern” – eine Formulierung, die weit über üblicheKritik hinausgeht und gezieltpolarisiert.
Der Vorfall in Straßburg
Während der Debatte zur Lage der Union im Plenarsaal von Straßburg nutzte Afroditi Latinopoulou ihre Redezeit für eine 75 Sekunden dauernde Tirade gegen die Kommissionspräsidentin. Sie warf von der Leyen vor, Europa mit illegalen Migranten „überschwemmt” zu haben, die Wirtschaft durch Steuern und Bürokratie zu „ersticken” und Europas Fabriken lahmzulegen. Hinzu kamen Angriffe auf die Klima- und Sozialpolitik der EU: Afroditi Latinopoulou sprach von „grünem Wahnsinn”, „Woke-Wahnsinn” und einer angeblichen „Islamisierung Europas”.
Besonders auffällig: Niemand unterbrach die Rede. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola griff nicht ein, und auch von der Leyen selbst reagierte öffentlich nicht – auf Videos ist sie mit regungsloser Miene zu sehen. Diese Ruhe kann als strategische Entscheidung gewertet werden: Jede direkte Erwiderung hätte der Attacke zusätzliche mediale Reichweite verschafft.
Politischer Hintergrund: Vom konservativen Lager zur rechten Fraktion
Die Biografie von Afroditi Latinopoulou macht den Eklat besonders bemerkenswert. Ursprünglich war sie in der konservativen Partei Nea Dimokratia aktiv, die im Europaparlament derselben Parteienfamilie angehört wie CDU und CSU – also dem politischen Umfeld, aus dem auch Ursula von der Leyen stammt. Nach mehreren Kontroversen wechselte Afroditi Latinopoulou jedoch die Seite, gründete die Partei „Foní Loyikís” („Stimme der Vernunft”) und zog 2024 ins Europaparlament ein. Heute sitzt sie in der Rechtsaußen-Fraktion „Patrioten für Europa”, der auch Parteien von Marine Le Pen, Viktor Orbán und Geert Wilders angehören.
Dieser Wechsel ist symptomatisch für eine breitere Entwicklung: Nach den Europawahlen 2024 haben sich rechtspopulistische und rechtsnationale Kräfte neu gruppiert. Die Fraktion „Patrioten für Europa” versteht sich als Stimme der Nationalstaaten gegen einen vermeintlichen „europäischen Superstaat” und fordert unter anderem eine massive Begrenzung von Migration sowie die Bewahrung eines „jüdisch-christlichen europäischen Erbes”. Die Rhetorik von Afroditi Latinopoulou passt exakt in dieses Narrativ.
Juristische Schatten: Immunität aufgehoben
Nur einen Tag vor ihrer Rede hob das Europaparlament die Immunität von Afroditi Latinopoulou auf. Grund ist ein Ermittlungsverfahren in Griechenland: Die Justiz prüft den Verdacht, dass bei der Gründung ihrer Partei Unterschriften gefälscht wurden. Das Parlament sah keine Anhaltspunkte für eine politisch motivierte Verfolgung und ermöglichte damit den weiteren Verfahrensweg.
Dieser zeitliche Zusammenhang ist brisant. Eine spektakuläre Rede im Europaparlament kann als strategischer Versuch gelesen werden, mediale Aufmerksamkeit zu generieren und sich im heimischen politischen Diskurs als mutige Kämpferin gegen „Brüssel” zu positionieren – gerade dann, wenn juristischer Druck zunimmt.
Warum der Begriff „Rassismus” hier problematisch ist
Die Bezeichnung von der Leyens als „Rassistin” ist nicht nur eine persönliche Beleidigung, sondern verwässert den Begriff des Rassismus. Rassismus bezeichnet strukturelle oder individuelle Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Hautfarbe oder Ethnie. Afroditi Latinopoulou hingegen wirft der Kommissionspräsidentin vor, Europäer durch Migrations-, Steuer- und Klimapolitik zu schädigen – also politische Entscheidungen, die sie ablehnt.
Diese Umdeutung des Rassismusbegriffs folgt einem bekannten Muster: Politische Gegner werden nicht mehr als Irrtum behaftet, sondern moralisch dämonisiert. Das vergiftet den Diskurs und macht sachliche Auseinandersetzungen schwieriger. Interessanterweise findet sich eine ähnliche Rhetorik auch bei anderen Akteuren im rechten Spektrum. Florian Philippot, ein französischer Politiker, der ebenfalls der Fraktion „Patrioten für Europa” angehört, nutzt vergleichbare Narrative gegen die EU-Führung. Auch hier geht es weniger um konkrete Politikdetails als um eine grundsätzliche Ablehnung der europäischen Integration.
Die Rolle der Fraktion „Patrioten für Europa”
Die Fraktion, in der Afroditi Latinopoulou sitzt, hat sich nach den Europawahlen 2024 als neue Kraft im rechten Spektrum etabliert. Zu ihr zählen unter anderem der französische Rassemblement National von Marine Le Pen, die italienische Lega, die ungarische Fidesz-Partei von Viktor Orbán und die niederländische PVV von Geert Wilders. Gemeinsam eint sie die Ablehnung einer vertieften europäischen Integration, die Forderung nach nationaler Souveränität und eine restriktive Migrationspolitik.
In diesem Kontext ist die Rede von Afroditi Latinopoulou weniger als isolierter Ausrutscher zu verstehen, sondern als Teil einer koordinierten Kommunikationsstrategie. Durch provokante Formulierungen soll die eigene Basis mobilisiert und mediale Aufmerksamkeit erzeugt werden – auch über die Grenzen Griechenlands hinaus.
Was bedeutet das für die EU-Politik?
Kurzfristig wird die Attacke von Afroditi Latinopoulou keine direkten politischen Konsequenzen haben. Ursula von der Leyen bleibt Kommissionspräsidentin, und die EU-Politik wird weiter wie bisher gestaltet. Langfristig jedoch zeigt der Vorfall, wie stark der politische Diskurs im Europaparlament vergiftet ist. Wenn Abgeordnete ihre Gegner pauschal als „Rassisten” bezeichnen, ohne konkrete Beweise vorzulegen, leidet die Qualität der Debatte.
Zudem verdeutlicht der Fall, wie rechtspopulistische Parteien nationale Justizverfahren nutzen, um sich als Opfer einer politischen Verfolgung darzustellen – selbst wenn die Ermittlungen unabhängig geführt werden. Die Aufhebung der Immunität von Afroditi Latinopoulou könnte in Griechenland zum Wahlkampfthema werden, insbesondere wenn ihre Partei sich als „Stimme der Vernunft” gegen ein „korruptes System” inszeniert.
Fazit: Mehr als nur ein Eklat
Die Rede von Afroditi Latinopoulou ist mehr als nur ein kurzer Eklat im Europaparlament. Sie steht exemplarisch für eine politische Strategie, die auf Provokation, Polarisierung und Personalisierung setzt. Anstatt sachliche Kritik an konkreten EU-Politiken zu üben, wird die Kommissionspräsidentin pauschal dämonisiert.
Gleichzeitig wirft der Fall ein Licht auf die inneren Spannungen im europäischen Rechtspopulismus: Während einige Akteure wie Marine Le Pen oder Viktor Orbán versuchen, regierungsfähig zu erscheinen, setzen andere wie Afroditi Latinopoulou auf maximale Konfrontation. Ob diese Strategie langfristig aufgeht, hängt nicht nur von den juristischen Ermittlungen in Griechenland ab, sondern auch davon, wie die europäische Öffentlichkeit auf solche Rhetorik reagiert.
Für die EU selbst bleibt die Herausforderung bestehen, einen sachlichen Diskurs zu führen – auch wenn einzelne Abgeordnete wie Afroditi Latinopoulou bewusst die Grenzen des Sagbaren überschreiten. Denn am Ende geht es nicht nur um eine beleidigende Rede, sondern um die Frage, wie Demokratie im 21. Jahrhundert funktionieren kann, wenn grundlegende Begriffe wie „Rassismus” instrumentalisert werden.
Quellen
Griechin beschimpft von der Leyen als „Rassistin“
Afroditi Latinopoulou greift Ursula von der Leyen im Europäischen Parlament scharf an – „Es gibt keine größere Rassistin als Sie“






